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Hoffnung für Ausgegrenzte

Die Oberösterreicherin Katharina Essl arbeitet derzeit ehrenamtlich als Physiotherapeutin in einem Behindertenzentrum in Offinso/Ghana
Ausgabe: 2008/14, Ghana, Katharina Essl, Physiotherpeutin, Volontärin, Behinderung, Ernährung, Trinkwasser, Barimah Antwi, Spendengelder,
02.04.2008
- Susanne Eller
Um ihren Horizont zu erweitern, hat sich die Physiotherapeutin Katharina Essl entschlossen, für ein halbes Jahr als Volontärin in einem Behindertenzentrum in Ghana zu arbeiten. Eine außergewöhnliche Erfahrung, die sie nicht missen möchte.

Rahel ist seit ihrer Geburt halbseitig gelähmt, Mary kann ihr rechtes Bein nicht bewegen und Adam hat seit einem Verkehrsunfall eine Unterschenkelprothese. Die drei leben gemeinsam mit anderen körperbehinderten Kindern und Jugendlichen in einem Behindertenzentrum in Offinso, einer Stadt in der Ashantiregion im Zentrum Ghanas. In dem afrikanischen Land werden Menschen mit Behinderung oft von der Gesellschaft ausgeschlossen und häufig auch von der eigenen Familie respektlos behandelt. Eine staatliche Unterstützung für die Betroffenen gibt es nicht. Im Zentrum des Ghanaers Barimah Antwi in Offinso finden 80 an den Rand gedrängte Kinder Unterkunft, Verpflegung und Ausbildungsmöglichkeiten (siehe „Stichwort“).

Flexibel sein. Die Behinderungen reichen von Amputationen und Querschnittlähmung bis hin zu Schädelhirntrauma und Kinderlähmung. Die meisten Kinder waren vor ihrer Ankunft im Zentrum noch nie bei einem Arzt, genaue Diagnosen über ihre Leiden gibt es anfangs nicht. „Das fehlende Wissen über die Krankheiten der Patientinnen und Patienten ist oft ein Problem. Viele Ghanaer glauben, mit Salben und Cremen könne man Schwerstbehinderte heilen“, sagt Katharina Essl. Die Oberösterreicherin aus Marchtrenk ist Physiotherapeutin im Krankenhaus St. Franziskus in Grieskirchen. Sie nutzte nach einer Arbeitsfreistellung im Oktober 2007 die Chance, im Behindertenheim in Offinso zu arbeiten und Erfahrungen zu sammeln. Ihr Können als Fachkraft ist hier besonders gefragt, denn es werden kaum Physiotherapeuten/innen in Ghana ausgebildet. „Was meine Therapieausrüstung im Zentrum betrifft, so ist sie mit einer europäischen nicht zu vergleichen. Mir stehen nur eine Behandlungsliege und ein Gehbarren zur Verfügung. Es fehlt an Hilfsmitteln, vor allem in Kindergrößen. Da heißt es flexibel und genügsam zu sein. Aber die Arbeit macht trotz gelegentlicher sprachlicher Verständigungsschwierigkeiten Spaß und die Kinder kommen gerne“, berichtet Essl.

Einblicke. Hausbesuche stehen an. Zweimal in der Woche macht sich Katharina Essl gemeinsam mit einer deutschen Kollegin frühmorgens auf den Weg, um körperlich und zum Teil geistig behinderte Kinder im Alter zwischen ein und 16 Jahren von zu Hause abzuholen und zur physiotherapeutischen Behandlung ins Behindertenzentrum zu bringen. Abends werden sie wieder zu ihren Eltern gebracht. Es gibt auch Tage, wo die 28-jährige Oberösterreicherin mit Ärzten aus Deutschland und Israel in einer Art „mobilen Klinik“ unterwegs ist. So können die Kinder gleich vor Ort untersucht und behandelt werden. Dabei führt sie ihr Weg auch in abgelegene Dörfer rund um Offinso. Die Einblicke in das Leben der Menschen geben ein oft erschreckendes Bild von Armut wieder. „Die Leute können sich oft nicht einmal die Fahrtkosten leisten, um Angehörige ins nächste Krankenhaus zu bringen. Medikamente sind teuer und nicht erschwinglich. Es fehlt an Elektrizität, sauberem Trinkwasser und ausgewogener Ernährung. Solche Zustände erschweren jeglichen Genesungsprozess“, sagt die Therapeutin. Umso tiefer ist Essl von der Fröhlichkeit und Gastfreundschaft hier beeindruckt.

Ausgrenzung. Der Umgang mit behinderten Familienmitgliedern ist oft katastrophal. „Manche der beeinträchtigten Kinder wohnen nicht wie ihre Geschwister bei den Eltern im Haus. Sie müssen in finsteren Kammern oder im Stall schlafen, zwischen Truthähnen und Müll. Zu essen bekommen sie nur wenig und werden nur selten gewaschen. Dieser Anblick war für mich ein Grund mehr, die Arbeit und das Projekt von Barimah Antwi zu unterstützen, um diesen Kindern eine lebenswerte Zukunft zu ermöglichen“, so Katharina Essl, die noch bis April in Ghana bleiben wird.



Stichwort


Behindertenzentrum

In Ghana gibt es für behinderte Menschen keine soziale Unterstützung – weder vom Staat noch von der Gesellschaft. Deshalb gründete der Sozialarbeiter Barimah Antwi (er verlor bei einem Unfall seine rechte Hand) 1988 ein Behindertenzentrum. Es bietet körperlich und geistig behinderten jungen Leuten nicht nur Unterkunft und Verpflegung, sondern auch Ausbildungsmöglichkeiten zum Schuster, Schneider oder Batiker an. In den vergangenen 20 Jahren haben 600 Jugendliche im Zentrum gelebt und gelernt und führen seither ein selbstständiges Leben. Um das Heim von Spendengeldern unabhängig zu machen, ist eine Orangenplantage geplant.
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