Sie sitzen mit Kindern im Kreis und stehen am Krankenbett, sie zeigen Jugendlichen, dass auch Frauen was von Physik verstehen, und geben Demenzkranken ein neues Zuhause: die Ordensfrauen. Wir sprachen mit der neuen Präsidentin der Vereinigung der Frauenorden, Sr. Kunigunde Fürst.
Worin sehen Sie als „oberste Ordensfrau“ Österreichs Ihre wichtigsten Aufgaben? Fürst: Als Präsidentin der Vereinigung der Frauenorden ist es nicht meine Sache, mich in innere Angelegenheiten der Orden und Gemeinschaften einzumischen, sondern den Zusammenhalt und die Zusammenarbeit untereinander zu fördern. Ich denke, dass auch bei den Orden die Zeit vorbei ist, wo jeder für sich dahingewerkt hat. Die schon bestehenden Kooperationen im Spitals- oder Schulbereich zeigen das ja auch. Aber ich bin überzeugt, dass wir noch viel mehr Möglichkeiten einer sinnvollen Zusammenarbeit nutzen sollten, etwa in der Aus- und Fortbildung des Ordensnachwuchses, bei der Schulung von Mitarbeiter/innen oder in der Öffentlichkeitsarbeit. Derzeit ist es mir ein besonderes Anliegen, dass die geplante engere Zusammenarbeit mit den Männerorden gut auf Schiene kommt.
Sind Sie mit dem Bild der Ordensfrauen in Kirche und Öffentlichkeit zufrieden? Fürst: Da hat sich in den letzten Jahren doch einiges gewandelt. Ich mache die Erfahrung, dass uns die Leute, unabhängig davon, was wir machen und wo wir ihnen begegnen, immer stärker auch als „geistliche Menschen“ wahrnehmen und in uns auch so etwas wie Seelsorgerinnen sehen. Dennoch bin ich mir der Herausforderung bewusst, dass wir noch einiges tun müssen, um unser Ordensfrau-Sein der Öffentlichkeit besser zu vermitteln. Und mir ist es auch ein Anliegen, unser Profil als „Frau in der Kirche“ zu schärfen, z. B. was das heißt, Partnerin zu sein in geistlichen Bereichen. Da gilt es wohl auch noch manche Ängste und Bevormundungen abzubauen.
In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zahl der Ordensfrauen in Österreich fast halbiert. Wie gehen Sie damit um? Fürst: Wir erleben seit Jahren, auch in meiner Gemeinschaft, dass die Luft für Ordensberufungen dünn geworden ist. Das löst Sorgen aus und auch Trauer, etwa wenn wir uns aus einem Caritas-Haus für behinderte Kinder und Jugendliche zurückziehen müssen, weil wir einfach zu wenig Schwestern sind. Aber es bringt gar nichts, vor diesen Veränderungen den Kopf in den Sand zu stecken und über die „böse Welt“ zu jammern. Ich sehe darin eine Herausforderung, wie wir unseren Auftrag, den wir von unseren Gründer/innen mitbekommen haben, in der Welt und in der Kirche von heute mit den Kräften, die wir haben, am besten verwirklichen können. Und ich sehe auch, dass die Ordensgemeinschaften im Annehmen und Umsetzen dieser Herausforderung sehr unterschiedlich unterwegs sind. Ich denke, da könnten wir uns gegenseitig noch viel helfen und bereichern.
Was heißt das für Sie denn konkret, Herausforderungen annehmen und gestalten? Fürst: Ich möchte hier zwei Aspekte herausgreifen. Zunächst meine ich, es gehört zur Ehrlichkeit zu sagen, diesen oder jenen Bereich, wo wir lange Jahre tätig waren, können wir nicht mehr machen, auch wenn es weh tut. Mir hilft da unser Gründungsauftrag, in dem es heißt, wir sollen dort helfen, wo die Menschen uns brauchen, aber auch – soweit wir können. Ich bin aber auch der festen Überzeugung, dass für die Gesellschaft – nicht nur für die Kirche – viel verloren ginge, wenn Ordenseinrichtungen im Bereich der Bildung, der Gesundheit, der Altenpflege etc. einfach verschwinden. Viele Leute sagen nicht umsonst, dass da „ein anderer Geist“ herrscht. Um dieses Zeugnis in der Welt aufrechtzuerhalten, trete ich sehr dafür ein, dass wir unsere Einrichtungen weiterführen, auch wenn dort keine Schwester mehr tätig sein kann. Dazu aber ist es notwendig, unsere Mitarbeiter/innen verstärkt mit unserer Spiritualität und Sendung vertraut zu machen und sie vom Orden her geistlich zu begleiten. In unserer Gemeinschaft erlebe ich, dass manche ältere Schwestern, die diesem Konzept eher skeptisch gegenüberstanden, heute einzelne Einrichtungen durch ihre Gebetspatenschaften und ihr Interesse sehr engagiert unterstützen. Ihre berechtigte Sorge, wie es weitergehen soll, wandelt sich so in ein Stück Hoffnung, die uns allen Kraft gibt.
Gehören zu diesen Herausforderungen nicht auch neue Wege in der Berufungspastoral? Fürst: Ganz sicher – und eine ganze Reihe von Ordensgemeinschaften haben ihr Angebot in der geistlich-menschlichen Begleitung von Frauen und Männern, die ihren Berufungsweg klären wollen, auf die neuen Gegebenheiten hin ausgerichtet. Früher kamen viele unserer Schwestern über unsere Einrichtungen zu uns. Heute ist das kaum mehr der Fall. Heute sind das Frauen, die auf ihrem sehr persönlichen Weg der Suche nach ihrem Lebenssinn, ihrer Lebensberufung zu uns stoßen und aus sehr unterschiedlichen, auch kirchenfernen, Lebensmilieus kommen. Das heißt für mich aber nicht, dass etwa unsere Schulen ihren Sinn verloren hätten. Wir können dort viel für die religiöse, menschliche und soziale Entwicklungen Jugendlicher tun und erreichen sie auch, aber das ist noch keine Einladung zum Ordenseintritt.
Wie schafft man es, in Zeiten des Rückzugs auch etwas Neues anzufangen? Fürst: Indem man die Augen und die Ohren offenhält und als Gemeinschaft sensibel ist für die Nöte der Zeit. Wenn sich dann ein Thema oder eine Situation auftut, wo wir sagen, das hat ewas mit unserer Sendung zu tun, so wie Christus an der Seite der Menschen zu gehen, dann muss man auch bereit sein zu handeln. Da ist wichtig, nicht wegzuschauen, sondern anzufangen und auch etwas zu riskieren. Ein Beispiel: Als in unserem geistlichen Zentrum immer wieder Frauen in Lebenskrisen angefragt haben, ob sie da nicht vorübergehend wohnen könnten, wurden wir sozusagen mit der Nase auf ein akutes Problem in unserer Gesellschaft gestoßen. Wir haben uns daraufhin entschlossen, mit dem Haus Lea eine eigene Einrichtung für Frauen in schwierigen Situationen zu eröffnen. Und wir dürfen erleben, wie uns aus diesem Neubeginn, bei allen Problemen, die es auch gibt, sehr viel Unterstützung und Anerkennung zukommt.
In vielen Ordensgemeinschaften haben seit dem Konzil tiefgehende Selbstbesinnungs- und Reformprozesse stattgefunden. Hat das auch etwas gebracht? Fürst: Nach meinem Dafürhalten hat das sehr viel gebracht. Ich denke, dass wir uns, gerade angesichts der rückläufigen Zahlen, noch viel stärker ins Eck gedrängt fühlen würden, hätten wir uns nicht so intensiv mit unserem Gründungsauftrag, unserer Spiritualität, unserer Berufung als Ordensfrauen und den daraus folgenden Reformschritten befasst. Ich sehe darin vor allem eine Stärkung derer, die da sind. Die spüren viel stärker ihren Auftrag, ihre Berufung – und auch ihr missionarisches Zeugnis in dieser Welt: Dass es da auch noch etwas anderes gibt, das Menschen und ihr Leben erfüllen kann, als Erfolg, Konsum und exotische Fernreisen. Früher bist du als Ordensfrau viel mehr „mit dem Haufen“ mitgelaufen, heute bist du doch als Einzelne viel stärker gefordert, in deiner Berufung mit den Gelübden der Ehelosigkeit, des Gehorsams und der Armut ganz bewusst zu stehen. Das führt aber auch zu einem neuen Selbstbewusstsein. Früher haben wir uns manchmal ängstlich gefragt, ob uns die Leute oder die Kirche überhaupt noch brauchen. Und jetzt machen wir doch sehr stark die Erfahrung: Wir sind gefragt, aber eben anders als früher. Es wird immer mehr unsere geistliche Kompetenz gefragt, die Quellen, aus denen wir leben.
Was würden Sie einer jungen Frau sagen, warum sie in Ihren Orden eintreten soll? Fürst: Zunächst würde ich ihr sagen, dass sie sich über die Frage klar werden muss: Bin ich von Gott berufen, ist ein Leben in einer Ordensgemeinschaft mein Weg, um mit Christus zu gehen? Darauf kommt es nämlich an, ob dieser Weg dann auch ein lebensvoller, erfüllter Weg wird. Natürlich sind wir bereit, Suchende auf diesem Weg der Klärung zu begleiten. Aber erst wenn diese Grundentscheidung klar ist, stellt sich als weitere Frage, ob unser Orden mit seinen Einrichtungen und seiner franziskanischen Spiritualität und ob unsere konkrete Gemeinschaft etwas für sie wären. Und da kann man nur mit der Offenheit Jesu sagen: Komm und sieh und lebe mit und dann entscheide dich.
Frauenorden
- In Österreich leben und wirken 4835 Ordensfrauen in 562 Niederlassungen (Stand 1. 1. 08). 57 Kandidatinnen und Novizinnen bereiten sich auf ein Ordensleben vor. Im Jahr 1987 gab es in Österreich noch 8812 Ordensfrauen.
- Nach den Gelübden (Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam) leben auch die 291 Mitglieder der neun in Österreich tätigen Säkularinstitute (z. B. Werk der Frohbotschaft in Batschuns).
Gott ins Spiel bringen
Wann lassen wir Gott in unserem Leben mitspielen? Nur wenn der Hut brennt? Oder, wenn alles gut läuft, als Einwechselspieler in den letzten Minuten, damit er auch irgendwie dabei ist? Diese provokanten Fragen stellt das Canisiuswerk im Fußball-EM-Jahr zum „Weltgebetstag um geistliche Berufe“ (Sonntag, 13. April). Es lädt damit zum Nachdenken ein, wieweit wir unsere Berufung als Christen ernst nehmen. Denn Berufung ist nicht nur etwas für besonders „Auserwählte“, jede und jeder Getaufte und Gefirmte ist gerufen, ihren und seinen Weg mit Gott zu gehen.
Papst Benedikt nimmt in seiner Botschaft zum Weltgebetstag die „Berufungen im Dienst der Kirche und ihrer Sendung“ in den Blick. Er betont, dass „jeder Christ berufen ist, das Evangelium zu bezeugen und zu verkünden“. Besonders zum missionarischen Dienst berufen seien, so der Papst, die Priester, die Ordensmänner und die Ordensfrauen. Er verweist darauf, dass Gott seit dem Alten Bund immer wieder Menschen in besonderer Weise dazu berufen hat, sein Wort zu verkünden und seine Liebe unter den Armen und Bedrängten sichtbar zu machen.