Söhnen, die von der Mutter „umklammert“ werden, gelingt oft nur schwer eine eigene Beziehung
Ausgabe: 2008/16, Karin Remsing, Bewusst leben, Mann und Hof, Mutter, Umklammerung, Beziehung, Dreiecksbeziehung, Mutter verlassen
16.04.2008
- Karin Remsing
Aus der Praxis: Vor 19 Jahren zog Johanna auf den Bauernhof ihres Mannes Heinz. Da sie selbst nicht von einer bäuerlichen Familie abstammte, war dies eine große Umstellung. Ihre Schwiegermutter empfing sie schon vor der Hochzeit mit Ablehnung. Der Schwiegervater lebte nicht mehr. Bald merkte Johanna, dass sie in Haus und Hof nichts recht machen konnte, auch wenn sie sich noch so sehr bemühte. Aber nicht nur die Schwiegermutter war gegen sie, auch ihr Mann stand in keiner Weise zu ihr. Heinz und seine Mutter sprachen in ihrer Abwesenheit über sie und bemängelten ihre Arbeit und die Erziehung ihrerzwei Kinder. Heinz begann zu trinken, vernachlässigte den Hof und zog sich immer mehr von Johanna zurück. Er machte ihr nur Vorwürfe. Für seine missliche Situation und sein Unglück macht er alleine Johanna verantwortlich. „Meine Schwiegermutter räumt Heinz alle Steine aus dem Weg. Er macht in ihren Augen alles richtig, sogar für sein Trinken findet sie Entschuldigungen“, sagt Johanna. „Schon lange habe ich meinen Mann an seine Mutter verloren. Oder war er vielleicht noch nie mein Mann? Vor drei Monaten bin ich ausgezogen, weil ich es nicht mehr ausgehalten habe. Nun sagen alle, auch die Verwandtschaft, dass ich die Familie zerstört habe. Ich bin verzweifelt.“
Für Außenstehende – Verwandte, Nachbarn, Freunde – schaut es auf den ersten Blick tatsächlich so aus, als hätte Johanna durch ihr Weggehen die Familie zerstört: Sie verlässt den Hof, ihren Mann und zerreißt die Familie, da die Kinder (11 und 14) mit ihr weggehen. Zurück bleiben Heinz und seine Mutter.
Nun wird deutlich, wer mit wem den Hof wirklich führt und wer miteinander „verbandelt“ ist, das heißt, eine innere Beziehung hat.
Kein freier Weg. Heinz ist mit seiner Mutter stark verbunden. Sie umklammert ihn „liebevoll“ und räumt ihm alle Schwierigkeiten aus dem Weg. Er konnte sich auch während seiner Ehe aus dieser Bindung nie befreien, um mit Johanna eine tiefe Beziehung einzugehen. Der Weg zu seiner Frau war nicht frei, vielleicht hat Heinz auch nie darum gekämpft, da er seine Mutter nicht verletzen wollte. Lieber hat er auf die Beziehung zu seiner Frau verzichtet.
Mutter verlassen. Er hat an Johanna nur das Negative gesehen. Dadurch konnte er den Abstand zu ihr aufrechterhalten. Hätte er an ihr wertvolle Eigenschaften benannt, wäre vielleicht zu viel Nähe entstanden und er hätte seine Mutter innerlich „verlassen“ müssen, um sich Johanna zuzuwenden.
Dreiecksbeziehung. Bei genauerem Hinsehen handelte Johanna durch ihren Auszug sogar „ehefreundlich“. Sie macht – ohne dass es ihr vielleicht bewusst ist – Heinz darauf aufmerksam, dass sie nicht mehr bereit ist, in der „Dreiecksbeziehung“ mit der Schwiegermutter zu bleiben. Johanna blieb wahrscheinlich nichts anderes übrig, als ihm dies durch den kraftvollen Akt ihres Auszuges deutlich zu machen.
Neue Chance. Heinz hat nun – wenn er sich traut, genau hinzuschauen und Schritte zu setzen – die Möglichkeit, sich endgültig für seine Frau zu entscheiden und eine Bindung mit ihr einzugehen. Er müsste allerdings seiner Mutter klarmachen, dass er sein eigenes Leben führen möchte – mit Johanna. Wenn er die Kraft entwickelt, sich von der Mutter zu lösen, hat die Beziehung zu seiner Frau eine Chance.