UNO soll sich für Menschenrechte und Religionsfreiheit einsetzen, fordert Papst Benedikt XVI.
Ausgabe: 2008/17, Papst, Benedikt, UNO, Menschenrechte, Religionsfreiheit, Paul VI., New York, USA, Vereinigte Staaten, Papstbesuch, Papstvisite
23.04.2008
Nach Paul VI. (1965) und Johannes Paul II. (1979 und 1995) hat mit Benedikt XVI. am 18. April der dritte Papst vor der Versammlung der Vereinten Nationen in New York das Wort ergriffen.
Vor den Vereinten Nationen in New York sprechen zu dürfen, war für Papst Benedikt der persönliche Höhepunkt seiner Amerika-Reise. „Die Universalität, Unteilbarkeit und gegenseitige Abhängigkeit der Menschenrechte garantierten den Schutz der menschlichen Würde“, betonte dort der Papst. Vor der UNO unterstrich er aber auch die Religionsfreiheit. Gläubige sollten sich öffentlich engagieren, forderte er auf. Emotionaler Höhepunkt der Papstvisite war das Gebet am „Ground Zero“, dem Ort des Anschlages vom 11. September 2001. Die Papstreise hat zur Stabilisierung der katholischen Kirche der USA beigetragen, wurde in amerikanischen Medien kommentiert.
Papstbesuch bei einer verunsicherten Herde
Papst Benedikt auf einer heiklen Mission
Vom 15. bis 20. April besuchte Papst Benedikt die USA. Es war politisch und kirchlich eine heikle Mission. Innerkirchlich fand der Papst klare Worte, politisch sprach er eher diplomatisch die Probleme an.
Vor 60 Jahren hat die UNO ihre Menschenrechtserklärung verabschiedet. Das war auch der Anlass für die Einladung an Papst Benedikt, vor der Generalversammlung zu sprechen. „Wer sich hier vom Papst konkrete Aussagen zum Irakkrieg oder zur Krise in Tibet erwartet hat, wurde enttäuscht“, meint der Innsbrucker Theologe und Sozialethiker Wolfgang Palaver. Der Papst habe vor der UNO vor allem ein klares Bekenntnis zur universellen Gültigkeit der Menschenrechte abgelegt und auf ein Grundproblem der UNO hingewiesen. Einerseits erfordern die großen Weltprobleme wie Sicherheit, Entwicklung, Hunger und Armut oder Umweltschutz das gemeinsame Handeln der Staatengemeinschaft, andererseits erlebe dieser notwendige multilaterale Konsens eine Krise, weil er von den Entscheidungen von einigen wenigen abhänge, die tatsächlich auch die Macht haben, Dinge zu bewegen. Hier, so Palaver, klang päpstliche Kritik an den USA, aber auch an anderen ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrates durch. In vorsichtiger Sprache, aber doch punktgenau habe damit der Papst das Dilemma und die Schwäche der Weltorganisation angesprochen, die immer wieder an nationalen Egoismen scheitert, meint Palaver.
Klare Worte. Im Zentrum der Papstreise aber stand nicht die Politik, betont Palaver, sondern die Situation der katholischen Kirche in den USA. Diese habe nach einer erst vor kurzem veröffentlichten Studie sieben Prozent der amerikanischen Bevölkerung verloren. Die in den vergangenen Jahren aufgedeckten rund 12.000 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern durch etwa 5000 Priester und Kirchenmitarbeiter sei einer der Gründe für den massiven Vertrauensverlust der Kirche. Der Papst habe diesen Skandal unerwartet deutlich mehrfach angesprochen. Er sei zutiefst beschämt über diese Vorfälle und über das langjährige unzureichende Verhalten der Kirchenleitung. Der Papst forderte ein klares Vorgehen gegen Täter (Anzeige und Stilllegen des Priesterberufes), Solidarität und Hilfe für die Opfer und mehr Augenmerk für vorbeugende Maßnahmen. Das im Vorfeld geheim gehaltene Treffen des Papstes mit Missbrauchsopfern fand bei diesen und in der Öffentlichkeit eine große Zustimmung, berichtet Palaver.
Kein Sakristeiglaube. Auch für Österreich interessant war das deutliche Eintreten des Papstes für die öffentliche Präsenz von Glaube und Religion, meint Palaver und fragt: „Was kann das auch für die Moschee-Debatte in Österreich heißen?“ „Religion ist niemals Privatsache“, betonte der Papst vor den US-Bischöfen. „Er trat damit nicht für eine institutionelle Vermengung von Kirche und Staat ein“, betont Palaver. Aber gerade in einer Zeit der Infragestellung und Relativierung vieler Werte sei öffentlich gelebte Religion und der Einsatz der Christen für Menschenwürde, Solidarität, Friede, Gerechtigkeit, Lebens- und Umweltschutz unverzichtbar.
Zur Sache
Papst für Dialog
Im Vorfeld medial viel diskutiert wurde die Frage, wie Papst Benedikt in den USA den Vertretern anderer Religionen begegnen wird. Sowohl im Hinblick auf den Islam als auch im Verhältnis zum Judentum (siehe eigener Beitrag) hatte sich ja einiger Unmut aufgestaut. Sowohl Juden als auch Muslime haben sich im Anschluss an die Begegnungen in US-Medien durchwegs positiv geäußert. Der Papst habe zum Auftakt der Begegnung mit den Religionen die Notwendigkeit des Dialogs ganz stark hervorgehoben, meint der Innsbrucker Theologe Wolfgang Palaver. Er habe aber auch vor einem gleichmacherischen Dialog gewarnt und dazu eingeladen, die Unterschiede zu diskutieren und um die Wahrheit zu ringen.
Migranten-Kirche. Dass der Papst bei den großen Gottesdiensten auch spanisch sprach, sei mehr als eine freundliche Geste gegenüber den vielen zugewanderten „Latinos“ gewesen, meint Wolfgang Palaver. Darin lag auch eine Aufforderung an die eher bürgerliche und weiße US-amerikanische Kirche, sich verstärkt der Zuwanderer aus Lateinamerika, ihrer sozialen Probleme, ihrer Kultur und ihrer eigenen Religiosität anzunehmen. Bereits ein Drittel aller Katholiken in den USA haben lateinamerikanische Wurzeln, bei den 19- bis 29-Jährigen sind es die Hälfte. Andererseits gibt es nur wenige Priester aus diesem Milieu. Das erschwere die Beheimatung der „Hispanics“ in der Kirche.
Ein neuer Impuls für den Dialog
Papst Benedikt besuchte „Ground Zero“ und betete dort für die Opfer des 11. September
Mit seinem Besuch in der Park East Synagogue von Manhattan hat Papst Benedikt XVI. am Freitag, 18. April, dem Dialog zwischen Juden und Christen einen neuen Impuls gegeben.
Rabbiner Arthur Schneider, ein gebürtiger Wiener, der als Jugendlicher in Budapest die Hölle der nationalsozialistischen Judenverfolgung überlebt hat, hieß den Papst zu der knapp halbstündigen Begegnung willkommen und sprach von einem „historischen Ereignis“. Die Anwesenheit des Papstes bedeute eine Bekräftigung des Dialogs und gebe „Hoffnung und Mut für den Weg, den wir noch gemeinsam zu gehen haben“, so der Rabbiner.
Dialog. Benedikt XVI. rief dazu auf, weiter „Brücken der Freundschaft“ zu bauen. Zugleich wiederholte er seine Glückwünsche zum Pessach-Fest. Bereits am Vortag hatte er in einer Botschaft seine Nähe zum jüdischen Volk bekundet und den Willen zum interreligiösen Dialog bekräftigt. Schneider schenkte Benedikt XVI. einen Seder-Teller. Der Papst dankte sichtlich bewegt: „Ich werde diesen Moment nie vergessen“, sagte er auf Deutsch. Es war der zweite Besuch von Benedikt XVI. in einem jüdischen Gotteshaus und der dritte eines Papstes überhaupt. Johannes Paul II. war 1986 in der großen Synagoge in Rom zu Gast, Benedikt XVI. während des Weltjugendtages 2005 in der Synagoge von Köln.
Zentrum jüdischen Lebens. Die Park East Synagogue ist eine der bedeutendsten Synagogengemeinden New Yorks, ein Zentrum des jüdischen religiösen und kulturellen Lebens. Seit 1962 ist Rabbi Schneider an der Park East Synagogue tätig. Sein Einsatz für die biblischen Werte, für Versöhnung, Überwindung des Hasses und Dialog hat die Synagoge weltweit bekannt gemacht. Schneider ist u. a. Gründer der „Appeal of Conscience“-Foundation, die sich weltweit für Toleranz, das Miteinander der Weltreligionen und die Rechte von Minderheiten einsetzt.
Historische Premiere. Schon bei der Ankündigung des Besuches von Papst Benedikt XVI. sagte Rabbi Schneider: „Seit 46 Jahren predige ich von der Kanzel der Park East Synagogue die in der Torah begründeten Werte von Freiheit, Menschenrechte und gegenseitigem Respekt. Ich betrachte es als Privileg, Papst Benedikt XVI. in der Park East Synagogue zu begrüßen. Diese historische Premiere des Besuchs eines Papstes in einem jüdischen Gotteshaus in den USA ist eine Bestätigung dafür, dass sich Benedikt XVI. dem interreligiösen Dialog und der Zuwendung zur jüdischen Gemeinschaft verpflichtet fühlt.“
Viele Impulse. Die Park East Synagogue ist orthodox. Rabbi Schneider hat dem jüdischen Leben viel Impulse gegeben. So gründete er vor mehr als 25 Jahren die Park East Day School, deren Lehrplan die Kinder und Jugendlichen mit der jüdischen Tradition vertraut macht und sie zugleich befähigt, mit Andersgläubigen in einen Dialog einzutreten.
Im Blick
Gebet um Frieden
Am „Ground Zero“ in Manhattan sprach Papst Benedikt XVI. ein Gebet für die Opfer der Anschläge vom 11. September 2001. Darin heißt es: „O Gott der Liebe, des Mitgefühls und der Heilung (...) wir bitten dich in deiner Güte, all jenen ewiges Licht und ewigen Frieden zu geben, die hier starben, den heroischen Helfern, den Feuerwehrmännern, Polizisten, Ärzten und Mitarbeitern des Hafenamtes zusammen mit all den schuldlosen Männern und Frauen, die Opfer dieser Tragödie wurden, nur weil ihre Arbeit oder ihr Dienst sie am 11. September 2001 hierher führte. (...) Gott des Friedens, bring deinen Frieden in unsere gewalttätige Welt: Frieden in die Herzen aller Männer und Frauen und Frieden unter den Nationen der Welt“.