Am Sonntag wurde die Wittenberger Schlosskirche, an der Luther vor bald 500 Jahren seine Thesen angeschlagen haben soll, nach der Renovierung wieder eröffnet. Die Vorbereitungen für das Reformationsjubiläum 2017 gehen in die letzte Phase. Österreichs evangelischer Bischof Michael Bünker und der für Ökumene zuständige katholische Bischof Manfred Scheuer machten sich vergangene Woche vor Ort ein Bild von der kirchlichen Lage.
Ausgabe: 2016/40
04.10.2016
- Heinz Niederleitner
Luther-Bier, Luther-Kekse, Luther-Nudeln – am Reformator, der am 31. Oktober 1517 seine Thesen über den Ablasshandel veröffentlichte, kommt in seiner einstigen Wirkungsstätte Wittenberg niemand vorbei. Anders sieht es aus, wenn man in der Lutherstadt nach Christen fragt. „Wir sind hier etwa 15 Prozent der Bevölkerung – und da sind die katholischen Geschwister schon mitgerechnet. Rund die Hälfte unserer 3500 Gemeindemitglieder ist mindestens 70 Jahre alt“, erzählt Kristin Jahn beim abendlichen Rundgang über die Langzeitfolgen der Anti-Kirchen-Politik der DDR. Jahn ist Pfarrerin der Wittenberger Stadtkirchengemeinde: In der Pfarrkirche St. Marien predigte Luther über 30 Jahre hindurch. Der Cranach-Reformationsaltar in der Kirche zeigt ihn auf der Kanzel, mit der Hand auf den gekreuzigten Christus weisend.
Als Prediger und Bibelübersetzer hat der Reformator „dem Volk aufs Maul“ geschaut, wie er selbst schrieb. Gemeint ist, möglichst verständlich und lebensnah zu sprechen, ohne jemandem nach dem Mund zu reden. Auch Pfarrerin Jahn bemüht sich heute um eine zeitgemäße Sprache bei der Verkündigung der christlichen Botschaft – und sie erhält sich ihren Optimismus: „Wenn 85 Prozent der Menschen hier keine Christen sind, dann sind das 85 Prozent, die noch dazu kommen können.“ Gerade die Situation, dass bereits die dritte und vierte Generation kirchlich nicht geprägt ist, bietet eine Chance, weil auch negative Vorurteile und Kirchenfeindlichkeit geringer werden. Die Herausforderung ist stattdessen, auf Glauben und Kirche aufmerksam zu machen. Nur die Tatsache, dass über die kleinere Stadt 2017 Hunderttausende Menschen hereinbrechen werden, weckt laut Jahn bei manchen Wittenbergern Befürchtungen.
Ökumene
Kirchliche und staatliche Stellen planen für 2017 viele Veranstaltungen. Seit zehn Jahren bereitet sich die evangelische Kirche auf das Jubiläum vor. Und sie will das Jubiläum ökumenisch feiern. Deutschlands katholischer „Ökumene-Bischof“ ist Gerhard Feige. Von seinem Arbeitszimmer in Magdeburg aus kann er den Dom der Stadt sehen. Er ist ein evangelisches Gotteshaus. In Feiges Diözese sind nur drei Prozent der Wohnbevölkerung katholisch, rund 15 Prozent sind evangelisch und über 80 Prozent nicht religiös gebunden. Der Bischof vertritt angesichts dessen das Konzept einer „schöpferischen Minderheit im ökumenischen Geist“.
Bewusstsein
Wer heute im Osten Deutschlands Christ ist, der ist das meist sehr bewusst. Das erinnert an den Auftrag in der Bergpredigt, „Salz der Erde“ zu sein. Gesellschaftliche Bedeutung der Kirchen zeigt sich in ihren Spitälern und Schulen. Oder in der Tatsache, dass Christen in der Politik vertreten sind. Ökumenische Zusammenarbeit ist hier schon lange selbstverständlich. Bischof Feige besucht zum Beispiel die Ordination evangelischer Pfarrer/innen, die evangelische Landesbischöfin Ilse Junkermann Priesterweihen. Zu Fronleichnam dürfen die Katholiken im evangelischen Dom feiern. Gemeinsame Gottesdienste zum Reformationstag sind nichts Neues.
Was feiern?
Fragt sich nur: Können Katholiken die Reformation feiern, die zur Kirchenspaltung führte? Bischof Feige sagt, dass man zunächst zurückhaltend war. Doch er verweist darauf, dass die Wunden als Folge der Reformation zum 500. Jahrestag bei den Veranstaltungen nicht verschwiegen werden: Spaltung, Gewalt, Krieg. Mit Blick auf die katholische Beteiligung sagt er, dass die evangelische Kirche klargemacht habe, dass es nicht um „Lutherfestspiele“ gehe, sondern um ein Christusfest.
Überschneidungen
Christi Kreuz ist am Bergfried der Wartburg bei Eisenach aufgerichtet. Die Burg ist ein wichtiger Ort für Katholiken und Evangelische: Hier lebte im 13. Jahrhundert eine der großen Heiligen der katholischen Kirche, Elisabeth von Thüringen. Und hier übersetzte Martin Luther 1521/22 das Neue Testament ins Deutsche. Sein Interesse an der Bibel wurde in einem katholischen Orden geweckt: Er war 1505 in Erfurt bei den Augustiner-Eremiten eingetreten.
Auch wenn die Bischöfe Scheuer und Bünker über ihre Eindrücke sprechen, werden Schnittmengen deutlich: Trotz all der Verwundungen, die es anzusprechen und zu heilen gelte, könnten auch Katholiken das Reformationsjubiläum mit einer „Grundfreude“ begehen, sagt Scheuer. Er verweist darauf, dass vieles, was Luther angestoßen hat, im II. Vatikanischen Konzil verwirklicht wurde – zum Beispiel der neue Stellenwert der Bibel. Dafür dürften auch Katholiken dankbar sein. Dankbar, so ergänzt Scheuers evangelischer Amtskollege Bünker, könne man ebenso für die ökumenische Entwicklung der letzten Jahrzehnte sein. Die Aufgaben der Kirchen in der Zukunft seien am ehesten gemeinsam zu bewältigen.
Traum
Zurück im noch stillen Wittenberg: Superintendent Christian Beuchel bereitet den evangelischen Kirchenkreis auf das Feierjahr 2017 vor. Aber was wird bleiben, wenn die Massen wieder weg sind? „Mein Traum wäre, dass 2018 mehr Menschen zum Gottesdienst kommen als heute. Als Vernunftmensch habe ich meine Zweifel. Aber wir feiern 2018 genauso Gottesdienst. Die Wittenberger sagen ja: Es gibt auch ein Leben nach 2017“, erzählt Beuchel und schmunzelt.
Gedenken und Feiern
Welt. Papst Franziskus nimmt am 31. 10. 2016 am Gedenken des Lutherischen Weltbundes in Schweden teil.
Europa. Von 3. 11. 2016 bis 20 .5. 2017 tourt ein Ausstellungs-Lkw auf dem „Europäischen Stationenweg“ durch 68 Städte – in Österreich: Villach (15. 11.), Graz (17. 11.) und Wien (19. 11.). Ein ökumenischer Versöhnungsgottesdienst wird am 11. 3. in Hildesheim und der große Festgottesdienst in Wittenberg am 28. 5. 2017 gefeiert. Dort ist von Mai bis September die Weltausstellung Reformation zu sehen. Infos: www.r2017.org.
Österreich. Vertreter/innen der evangelischen Kirchen und die katholischen Bischöfe gehen im November 2016 gemeinsam in Klausur. Am 27. 11. 2016 wird ein ökumenischer Fernsehgottesdienst in Linz gefeiert. Am 10. 2. 2017 findet in Wien ein Reformationsball statt und am 30. 9. 2017 ein Fest am Wiener Rathausplatz. Weitere Tipps: www.evangelisch-sein.at