Wie konnte das geschehen? Das ist die wohl am häufigsten gestellte Frage der vergangenen Tage. Da sperrt ein Vater seine bereits erwachsene Tochter 24 Jahre lang im Keller seines Hauses ein und zeugt mit ihr sieben Kinder. Was die Familie, nahe Verwandte und Bekannte von dieser grauenvollen Tat wussten, werden die nächsten Tage klären – oder auch nicht. Wie jemand eine Großfamilie über so viele Jahre hinweg ernähren konnte, anziehen, mit den nötigen Medikamenten etc. versorgen, ohne dass irgend jemandem etwas auffiel, kann vielleicht mit der kriminellen Intelligenz des Täters erklärt werden, es bleibt aber schwer zu verstehen.
Zurecht hat das „Vernadern“ in unserer Gesellschaft einen schlechten Ruf. Gerade das Bedenkjahr an die NS-Zeit erinnert uns auch daran, wieviele Opfer von „netten“ Mitmenschen verpfiffen wurden. Auch mancher Priester kam deswegen ins KZ oder an den Galgen. Und nachher wurde der Mantel des Schweigens über die Vorfälle gebreitet. Vielleicht hat der unehrliche Umgang mit diesen Ereignissen auch Mitschuld daran, dass viele heute lieber wegschauen als hinschauen, sich lieber heraushalten als einmischen.
Auf den Tisch hauen, wenn es um eigene Interessen geht, das gilt als Stärke. Mit Zivilcourage für andere einzutreten, das gilt schon eher als Dummheit. Und es wird den jungen Menschen auch nicht wirklich beigebracht, wie man im Alltag Zivilcourage leben kann, wie man vernünftig und trotzdem entschlossen mit Unrechtssituationen umgeht und Wachsamkeit nicht mit Schnüffelei verwechselt. Zivilcourage ist eben nicht gefragt.