„Licht für die Welt“ engagiert sich seit 20 Jahren für Blinde und Benachteiligte in Armutsgebieten
Ausgabe: 2008/41, Blinde, blinde Menschen,
Licht für die Welt, Augeneinsatz, Blindheitsverhütung, Gänsemarsch, Augenarzt, Blindheit, Blindheitsursachen, Jemal, Christoffel Entwicklungszusammenarbeit, Grauer-Star, Gerhard Schuhmann,
08.10.2008
- Susanne Huber
Das Leben der Landbevölkerung in den entlegenen Dörfern im Osten Äthiopiens ist von Armut geprägt. Sie hat weder Zugang zu Bildungseinrichtungen noch zu medizinischer Versorgung. Ein mobiles augenärztliches Team ist zweimal im Jahr im Einsatz, um Hilfe zu leisten. „Licht für die Welt“ leistet hier finanzielle Unterstützung.
Passiert man den Kontrollposten außerhalb Jijigas, der Hauptstadt der Somali-Region im Osten Äthiopiens, erstreckt sich hinter einer Anhöhe eine malerische Hochebene. Es ist Regenzeit und ihre Auswirkung lässt die sonst trockene und oft von Dürre geprägte Baum- und Buschsavanne erblühen. Feigenkakteen tragen rotfarbene Früchte; gelbe Masqal-Blumen und blaufärbige Wicken leuchten; die schnell wechselnden Licht- und Schattenspiele von Sonne und Wolken tauchen die Landschaft in unterschiedlichste Grün- und Braunschattierungen; die Männchen der Webervögel in ihrem prachtvollen gelb-schwarzen Federkleid bauen kunstvoll ihre Nester, die an den Zweigen der Bäume hängen. Abseits der geteerten Straße geht es auf steinig-holprigen Wegen ins Landesinnere. Hier im Grenzgebiet zu Somalia leben 85 Prozent der insgesamt 4,3 Millionen Einwohner der Region als halb-nomadische Viehzüchter und Bauern. Sowohl wirtschaftlich als auch sozial zählt die Somali-Region zu den unterentwickeltsten und ärmsten Gegenden Äthiopiens. Es herrscht hier ein Mangel an sauberem Wasser und an sanitären Einrichtungen, die Nahrungsmittelversorgung ist unzureichend, die Analphabetenrate ist hoch, es fehlt der Zugang zu öffentlichen Einrichtungen wie Schulen und Krankenhäusern und zu augenmedizinischer Versorgung. Zusätzlich kommt es in dieser Region aufgrund von Unabhängigkeitsbestrebungen der Anhänger der Ogaden National Liberation Front (ONLF) zwischen den Rebellen und der äthiopischen Armee immer wieder zu Auseinandersetzungen. Nicht selten gerät die Landbevölkerung zwischen die Fronten.
Mobiler Augeneinsatz. Fernab der Ballungszentren, 60 Kilometer südwestlich der Provinzhauptstadt Jijiga, liegt der kleine Ort Gebigebo. Zweimal im Jahr ist hier ein mobiles augenärztliches Team des Karamara-Krankenhauses von Jijiga im Einsatz. Operiert werden vor allem Patienten mit grauem Star (Katrakt) und Trachom, einer Infektionskrankheit, die zur Erblindung führt, wird sie nicht behandelt. Der Bedarf an augenmedizinischer Versorgung in der Somali-Region ist enorm: Etwa 50.000 blinde Menschen leben hier abseits der Städte unter ärmlichen Verhältnissen und haben keine Möglichkeit auf augenärztliche Hilfe. Um dieser Situation gegenzusteuern, will das Karamara-Spital, in dem sich die einzige sekundäre Augenabteilung der Region befindet, die augenmedizinische Arbeit durch mobile Operationseinsätze, Aus- und Weiterbildung von Gemeindefachkräften und durch den Ausbau des Spitals verbessern. Unterstützt wird das Krankenhaus aus Mitteln der international tätigen österreichischen Hilfsorganisation „Licht für die Welt – Christoffel Entwicklungszusammenarbeit“. Rupert Roniger („Licht für die Welt“-Geschäftsführer), der Grazer Augenarzt Gerhard Schuhmann (im Vereinsvorstand; siehe S. 2) und Chris Lohner (Botschafterin der Organisation) waren erst kürzlich in Äthiopien, um sich vor Ort ein Bild der augenärztlichen Arbeit zu machen.
Im Gänsemarsch. Es spricht sich in den umliegenden Dörfern schnell herum, dass der Doktor nach Gebigebo kommt. Nach und nach füllt sich das Gelände rund um das Zentrum, in dem die Patienten unter einfachsten Bedingungen augenmedizinisch untersucht und operiert werden. Mittlerweile haben sich wohl um die 150 Menschen versammelt. Viele von ihnen waren zuvor stundenlang zu Fuß unterwegs. Jetzt sitzen sie hier und warten auf die Behandlung. Einige schlafen auf dem Boden im Schatten eines Baumes, Frauen singen und tanzen, ein Plastikkanister dient als Trommel. Eine Gruppe blinder Frauen bewegt sich im Gänsemarsch auf das Gelände zu, geführt von einer sehenden Begleitperson. Sie hält eine Sehbehinderte an der Hand, an deren Hüfte sich die nächste Blinde anklammert, zusätzlich auf ihren Stock gestützt.
Auf Hilfe angewiesen. Unter all den Wartenden sitzt auch Ahmed. Er ist ganz in sich gekehrt, doch aufrecht und stolz, man möchte glauben er meditiert. Ahmed ist vor fünf Jahren auf beiden Augen an grauem Star erblindet. Seine Schwester hat ihn von seinem Heimatdorf nach Gebigebo begleitet und gestützt. Sie haben einen acht Kilometer langen Fußmarsch hinter sich. „Ich kann nur mit dem Stock gehen und bin auf die Hilfe anderer angewiesen, sei es beim Essen oder Waschen, bei jeder Tätigkeit. Meine Frau, mein Bruder und mein Nachbar helfen mir sehr in dieser schwierigen Situation“, erzählt der 30-Jährige deprimiert. Als Bauer besitzt er ein kleines Feld, auf dem er Mais und Hirse anbaut. Ein bis zwei Kamele und Kühe hält er wegen der Milch, hauptsächlich für den eigenen Bedarf, wobei die teure Kamelmilch auch manchmal verkauft wird. Ahmeds größter Wunsch ist, wieder auf seinem Acker arbeiten zu können, nützlich zu sein, gebraucht zu werden; das Leben zu führen, das er vor seiner Blindheit geführt hat. Dr. Jemal Zeberga, Leiter der Karamara-Augenklinik, ist zuversichtlich: „Ahmed wird nach der Operation wieder sehen können.“
Große Freude. Am nächsten Tag ist es soweit: Der junge Mann wird auf dem rechten Auge operiert. Der Eingriff dauert etwa 20 Minuten. Einen weiteren Tag später wartet Ahmed erneut – nun auf die Abnahme seiner Augenbinde. Diese Aufgabe übernimmt Chris Lohner. „Was siehst du?“, fragt sie und Ahmed antwortet: „Sie ist weiß!“ Die Freude über die wiedererlangte Sehkraft ist unbeschreiblich. Da die Operation gut verlaufen ist, dauert es auch nicht lange und Ahmed tritt den Heimweg an – wieder in Begleitung seiner Schwester, die ihm diesmal nicht stützend zur Seite stehen muss. Still und konzentriert macht er besonnen einen Schritt nach dem anderen. Müde, doch glücklich und zufrieden. Herzlich wird Ahmed zu Hause empfangen. Überrascht und voller Freude ist auch seine Frau – sie hat nicht damit gerechnet, dass ihr Mann wieder sehen wird. „Ich bin so dankbar für die Hilfe“, so Ahmed, „jetzt kann ich wieder für meine Frau und meine vier Kinder sorgen. Mein Leben ist einfach, doch es ist ein gutes Leben“, sagt er erleichtert und mit einem Lächeln im Gesicht.
Blindheitsursachen
In der Somali-Region im Osten Äthiopiens leben rund 4,3 Millionen Einwohner. Davon sind 50.000 Menschen von Blindheit betroffen. Für sie gibt es nur eine sekundäre Augenabteilung im Karamara-Spital in der Provinzhauptstadt Jijiga. Um auch jenen Menschen auf dem Land zu helfen, die kaum Zugang zu augenärztlicher Versorgung haben, werden zweimal im Jahr mobile Operationseinsätze durchgeführt. Die Ursachen für Augenkrankheiten liegen vor allem an der einseitigen Ernährung. Aufgrund der ärmlichen Lebensumstände leiden die Menschen an Vitamin-A-Mangel, da kein Gemüse und Obst angebaut wird, sondern vor allem Mais und Hirse. Entzündungen der Augen werden auch durch den Sand in der Savanne hervorgerufen. Der Mangel an Hygiene und sauberem Wasser trägt ebenfalls wesentlich dazu bei, dass Augeninfektionen entstehen und nicht heilen, da das Gesicht entweder kaum oder mit schmutzigem Wasser gewaschen wird.
Zur Sache
Blindheitsverhütung
Äthiopien mit seinen 1,2 Millionen blinden Menschen ist eines der ärmsten Länder der Welt und somit Schwerpunktland von „Licht für die Welt – Christoffel Entwicklungszusammenarbeit“. Im Bereich Blindheitsverhütung werden dort derzeit 16 Hilfsprojekte durchgeführt und zehn Augenkliniken unterstützt – eine davon ist die Karamara-Augenklinik in Jijiga, der Hauptstadt der Somali-Region im Osten des Landes. Im vergangenen Jahr sind aus Mitteln von „Licht für die Welt“ in Äthiopien 10.409 Menschen, die an grauem Star erblindet waren, geheilt worden. Insgesamt setzt sich die österreichische Hilfsorganisation in 14 von Armut betroffenen Ländern der Erde (u. a. Sudan, Burkina Faso, Bolivien) für augenkranke, blinde und behinderte Menschen ein. Im Vordergrund stehen dabei neben Prävention, Heilung und Rehabilitation der Betroffenen, u. a. Hilfe zur Selbsthilfe zu schaffen, nachhaltige Strukturen aufzubauen, einheimische Fachkräfte auszubilden und die blinden, benachteiligten Menschen wieder ins Leben zu integrieren. Aus Anlass des Welttags des Augenlichts am 9. Oktober wird die Hilfsorganisation von den Läufern/innen des „Vienna Night Run 2008“ am 14. Oktober mit dem Startgeld unterstützt. Im November feiert „Licht für die Welt“ sein 20-jähriges Bestehen.