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Starke Sprüche gegen Angst

Regina Polak zum „Rechtsruck“ bei den Jungwählern
Ausgabe: 2008/41, Sprüche, Angst, Rechtsruck, Regina Polak, Jungwähler, Tabuthema, Unkultur, H. C. Strache, politische Bildung, FPÖ, BZÖ, Jugendliche, Jugendforscherin
08.10.2008
- Hans Baumgartner
40 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben bei der letzten Wahl „blau“ oder „orange“ gewählt. Dieses Ergebnis sollte hellhörig machen, meint die Jugendforscherin Regina Polak.

Zusammen haben die „Rechtsparteien“ FPÖ und BZÖ bei der letzten Wahl etwa 28 Prozent der Stimmen erreicht. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen (bis 30) liegt ihr Anteil bei 40 Prozent. Dieses Ergebnis überrasche sie nicht, meint die Wiener Pastoraltheologin und Jugendforscherin Regina Polak. So habe die heuer veröffentlichte Österreichische Jugendwertestudie ein deutliches Anwachsen bei den Werten Autoritarismus und Fremdenfeindlichkeit ergeben. Ein Drittel der Jugendlichen sei als „neo-autoritär“ einzustufen. Besonders deutlich werde das bei der Frage, ob man sich einen „starken Mann“ anstelle eines Parlaments vorstellen könne. „Wenn man sich dann anschaut, wie geschickt sich Strache und auch Haider als Bollwerk gegen die ewigen ,Streithansln‘ in der Regierung stilisiert haben, darf man sich über den Zuspruch bei jungen Leuten nicht wundern“, meint Polak. Sie warnt aber davor, die jungen Blau- und Orange-Wähler pauschal ins rechtsradikale Eck zu stellen. „Wir haben allerdings in Österreich – nicht nur bei den Jungwählern – einen blinden Fleck, was autoritär-faschistische Stile angeht. Da sind wir zu großzügig.“

Anfragen. Die Jugendforscherin will das Wahlergebnis nicht auf die leichte Schulter genommen wissen. Aber anstatt über die ,arge Jugend‘ zu jammern, sollte man besser den möglichen Ursachen für deren Wahlverhalten auf den Grund gehen. Polak liest aus dem Ergebnis drei Anfragen – „vor allem an uns Erwachsene“ – ab: an die politische Kultur im Land, an die Aufarbeitung unserer NS-Geschichte und an das Ernstnehmen der Lebenssituation junger Menschen.

Tabuthema. Was die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit angeht, vermutet Polak, „dass wir da auf der Ebene der Familien und des unmittelbar erfahrbaren Lebensraumes nie wirklich eine Vergangenheitsbewältigung gemacht haben. Diese Zeit und vor allem die mit ihr verbundenen ,Werte‘ wurden tabuisiert. Deshalb ist für viele Jugendliche diese Zeit ein historisches Relikt, das für sie keine Bedeutung hat, für deren Gefahren und Abgründe ihnen quasi der Alarmknopf fehlt.“

Unkultur. Leider habe auch die politische Kultur in Österreich dazu beigetragen, dass rassistische, menschenrechtsfeindliche und undemokratische Werthaltungen enttabuisiert wurden, meint Polak. Vor allem die beiden ehemaligen Großparteien hätten viel zu oft weggeschaut, wenn fremdenfeindliche Parolen auf Wahlplakate geschrieben oder Religionsgemeinschaften verunglimpft wurden oder die Demokratie lächerlich gemacht wurde. „Warum sollten dann Jugendliche, denen das zweifellos geschickte und auf jugendlich getrimmte Entertainment des Herrn Strache gefällt, nicht FPÖ wählen, wenn das andere, was er sagt, eh gar nicht so arg ist?“, fragt Polak. Zudem sieht die Jugendforscherin in Österreich ein erhebliches Defizit bei der politischen Bildung. „Dabei geht es nicht bloß um Wissensvermittlung. Man muss den jungen Leuten Erfahrungsräume öffnen, wo sie Mitverantwortung, Mitgestaltung und Teilhabe lernen können. Dort, wo das in konkreten Projekten von Gemeinden oder auch Pfarren geschiet, gibt es eine erstaunlich große Bereitschaft von Jugendlichen sich zu engagieren.“

Unsicherheit. Weitere Ursache sieht Polak im wachsenden materiellen Erfolgsdruck bei gleichzeitig steigender Unsicherheit und Angst, in der Schule, auf dem Arbeitsmarkt oder in der Clique nicht mehr mitzukommen. Viele hätten auch Angst, ihre gut gepolsterte Situation zu verlieren, meint Polak. „Die Politik hat sich mit der tiefgehend veränderten Lebenssituation junger Leute viel zu wenig auseinandergesetzt. Sie agiert über ihre Köpfe hinweg, anstatt sie einzubeziehen. Damit öffnet man jenen, die einfach Antworten auf Kosten noch Schwächerer bieten und dazu noch in den Discos flott auftreten, die Türen.“
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