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Warum fährt die Rettung nicht

Kinder als Augenzeugen eines Notfalls brauchen Aufmerksamkeit, damit sie das Gesehene gut verarbeiten könne
Ausgabe: 2008/41, Harald Karutz, Kinder, Notfall, Steger, Belastung, Nachsorge, Kinder, Augenzeugen, Hilflosigkeit, Sicherheit, Belastungsreaktionen, Albträume, Helfer
08.10.2008
- Brunhilde Steger
Kinder wollen auch bei einem Notfall erfahren, was passiert. Sie brauchen aber Schutz vor zu großer Belastung.

Der Rettungswagen biegt mit Blaulicht um die Ecke. Dicht dahinter der Wagen des Notarztes. Sanitäter und Arzt eilen zu einer Person, die regungslos am Straßenrand liegt. Die Erstversorgung beginnt. Nach einer Weile ist der Zustand des Patienten so stabil, dass das Einsatzfahrzeug in Richtung Krankenhaus starten kann. Ein Rettungseinsatz, wie er täglich durchgeführt wird und für die Einsatzkräfte längst zur Routine geworden ist.

Hilflos zusehen. „Für Kinder hingegen sind Notfälle etwas völlig Neues, wenn sie zum Beispiel Augenzeugen werden oder als Zuschauer zu einem Unfall hinzukommen. Sie haben keine Bewältigungsstrategie und stehen hilflos dem Ereignis gegenüber“, sagte Harald Karutz auf der Internationalen Tagung für Krisenintervention und Notfallpsychologie in Hall in Tirol, die Anfang Oktober vom Österreichischen Roten Kreuz organisiert worden ist.

Die bedrohliche Spritze. Karutz ist seit mehr als 20 Jahren beim Deutschen Roten Kreuz aktiv. In einer Studie hat er Kinderzwischen vier und 16 Jahren befragt, wie sie die jeweilige Notfallsituation wahrgenommen haben und welches Verhalten hilfreich war. „Für viele Kinder war es das Schlimmste, dass der Rettungswagen so lange nicht losgefahren ist. Ihnen wurde nicht erklärt, dass eine Erstversorgung notwendig ist“ schildert Karutz die Belastung. Auch die Spritze, die der Notarzt verabreiche, könne auf ein kleines Kind bedrohlich wirken. Es wisse ja nicht, dass die Flüssigkeit eine heilende Wirkung hätte, so Karutz weiter. Das Wegschicken oder Abschirmen von Kindern könnte unangenehme Folgen haben. „Wenn der Abschluss des Erlebnisses verhindert worden ist, entstehen die Phantasien.“

Kleine Gesten helfen. Vor allzu belastenden Anblicken sollten Kinder geschützt werden. Wo es möglich ist, befürwortet der Pädagoge ein „begleitetes Zusehen aus der Distanzheraus“. Die Bezugspersonen – wenn diese fehlen die Helfer – sollten die Kinder altersgemäß informieren, wie Hilfe geleistet wird. „Nicht Details sind notwendig, sondern alles, was dem Kind zum besseren Verständnis hilft“, unterstreicht Karutz und ruft dazu auf, „nicht den Experten zu spielen“. Bereits kleine Gesten der Aufmerksamkeit und Einfühlungsvermögen hätten große positive Wirkungen. Karutz macht deutlich: „Bei Kindern gilt nicht: Je schwerer der Notfall, umso größer die Traumatisierung!“ Entscheidend seien die jeweiligen Begleitumstände und wie sich die Bezugspersonen in und unmittelbar nach einem Notfall mit den Kindern befassen würden.



Dr. Harald Karutz, Pädagoge und Lehrrettungsassistent in Essen, Deutschland. Er forscht am Notfallpädagogischen Institut, leitet Kurse und gibt Einsatzkräften psychosoziale Unterstützung.



Verhalten in Notfällen

- Helfer sollen mit dem Kind Blickkontakt herstellen, sich ihm langsam nähern, nicht „herbeistürzen“, sich auf Augenhöhe der Kinder herunterbeugen.
- Den eigenen Namen nennen und nach dem Namen des Kindes fragen.
- Die Sicherheitsweste oder Einsatzjacke kann dem Kind Angst machen.
- Ein Stofftier oder eine Handpuppe können helfen, die Notfallsituation verständlich darzustellen.


Nachsorge zu Hause

- Eltern sollen wissen: Es ist normal, dass Kinder Belastungsreaktionen wie z. B. Albträume haben. Geduldig sein, zuhören, die Nähe und ein geregelter Tagesablauf helfen dem Kind. Wenn sich die Situation nicht verbessert oder die Eltern unsicher sind, sollte fachliche Hilfe in Anspruch genommen werden.
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