Wer einen Weg sucht, sein Leben zu verändern, fängt am besten in sich selbst damit an
Ausgabe: 2009/03, Reise in die Vergangenheit, Naikan, Alltag, Breitenstein, Weg zum Frieden, Vergangenheit, Versöhnung,
14.01.2009
- Judith Moser-Hofstadler
„Naikan“ ist eine japanische Meditationsmethode. In der Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit kann die Lebensgeschichte neu geschrieben werden.
Josef Badegruber ist Psychotherapeut, zuvor hat er 15 Jahre lang Religion unterrichtet. Er war mit seiner psychotherapeutischen Ausbildung nicht zufrieden. „Das war mir zu kopflastig“, erzählt er. „Ich wollte erfahrenderweise lernen und nicht erklärenderweise.“ Zufällig hat er ein Buch über „Naikan“ entdeckt und kurze Zeit später ein Seminar mitgemacht. Ein zweites folgte. „Naikan ist etwas, was Frieden schafft, was die Leute zu sich kommen lässt, aber es ist ein steiniger Weg“, meint Badegruber.
Ein Weg zum Frieden. Die Meditationsmethode geht von buddhistischen Exerzitien aus. Buddhistische Mönche meditieren zehn Tage lang in strenger Askese ohne Schlaf. Für „Normalsterbliche“ ist das kaum praktizierbar. Der Begründer von Naikan wollte eine Form finden, die für alle ausführbar ist, weil er überzeugt war, dass damit die Menschen friedlicher miteinander leben können.
Überwindung. Wer Naikan praktizieren will, muss das selbst wollen. „Eine Woche in Schweigen zu verbringen, davor haben viele Angst. Gleichzeitig übt es eine Faszination aus“, weiß Josef Badegruber. Auch die Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit kostet Überwindung. „Die Menschen erzählen eine Geschichte von ihrem Leben und halten sie für die Wahrheit“, sagt der Naikan-Leiter. „In dieser Woche stellt sich die eigene Lebensgeschichte zunehmend als Geschichte heraus.“ Für jemanden, der immer erzählt hat, wer alles Schuld hat am eigenen Unglück und was man alles nicht bekommen hat im Leben, für den ist die Woche sehr intensiv. Manche Menschen erkennen, dass ihre Eltern getan haben, was sie konnten. Sie haben vielleicht nicht so viel Taschengeld geben können wie die Nachbarn, weil nicht mehr Geld da war. Oder die Mutter hat so und so gehandelt, weil sie selbst psychisch belastet war.
Keine Bewertung. Der Leiter gibt der Meditation Struktur. Er weist zum Beispiel darauf hin, bei der Frage zu bleiben, die geradebeantwortet wird. Er schreibt nicht mit und merkt sich nichts. Er stoppt die Teilnehmenden, wenn sie beginnen, Dinge zu erklären. Naikan ist nicht religiös, aber ein spiritueller Weg. „Es gibt innere Dankbarkeit und inneren Frieden“, ist Josef Badegruber überzeugt.
- Josef Badegruber, Am Breitenstein 9–11, 4202 Kirchschlag, Homepage: www.breitenstein.or.at, www.naikan.de
„Naikan“ im Alltag
Die drei Fragen aus „Naikan“ (siehe linke Randspalte) können im Alltag helfen. Viele Dinge werden gelöster, wenn man bereit ist, den eigenen Anteil zu sehen. Zum Beispiel, wenn man sich über jemanden ärgert. Es schadet dann sicher nicht, sich in Erinnerung zu rufen, was diese Person für einen selbst getan hat oder welche Schwierigkeiten man selbst jemandem bereiten kann.
Thema
Drei Fragen für das ganze Leben
Sieben Tage tauchen die Teilnehmer/innen bei der Naikan-Methode in ihre Erinnerung ein. Ohne Ablenkung von außen – kein Handy, Fernsehen undkeine Besuche. In Stille. Einzig der Leiter kommt alle eineinhalb bis zwei Stunden. Er regt an, sich an einen bestimmten Zeitabschnitt im Leben zu erinnern – bis zum Schulanfang, von dort bis zum Abschluss, die Zeit der Lehre, oder vom Kennenlernen des Partners bis zur Hochzeit – je nachdem, wie sich das Leben des Menschen darstellt. Der Leiter stellt eine der drei Fragen, die der Woche ihre Struktur geben:
– Was hat eine Person (Mutter, Vater, Partner/in, Kind, andere Bezugsperson) in dieser Zeit für mich getan? – Was habe ich für diese Person getan? – Welche Schwierigkeiten habe ich dieser Person gemacht?
Versöhnung. Über Mutter und Vater nachzudenken, ist Pflicht. Die weiteren Bezugspersonen können sich die Teilnehmer/innen selbst aussuchen, und oft ergeben sie sich im Lauf der Woche – Geschwister, Lehrer/innen, Partner/in, Kinder ... Die Antworten auf die Fragen hört sich der Leiter an, er wertet und analysiert sie aber nicht.Erzählt werden nur Fakten – das, was jemand anderer auch sehen oder hören hätte können. Es spielt darum keine Rolle, welcher Religion der Ausübende angehört.
Naikan kommt aus dem Japanischen und bedeutet „Innenschau“ („nai“ = Inneres, „kan“ = beobachten).