Der Winter in Armenien ist lang und streng, die Armut im Land aufgrund der schwierigen politischen und wirtschaftlichen Situation und den Folgen des Erdbebens von 1988 groß. Für viele ältere Menschen sind Kälte und Armut oft lebensbedrohend. Die Caritas hilft, ihre Not zu lindern.
Klara reibt sich die Hände. In den zwei kleinen Räumen, die sie mit Cayaneh teilt, ist es kalt, minus sechs Grad. In der Mitte des einen Wohnraumes steht ein alter Ofen, doch Holz zum Heizen ist nicht vorhanden; dafür fehlt das nötige Geld. Nur ein paar zerkleinerte Stücke aus Pappkarton liegen bereit. Die Wände in dem karg eingerichteten Zimmer sind kalt und feucht, der Verputz fällt zum Teil ab. Es gibt hier keine sanitären Anlagen im Haus. Wasser müssen die 78-jährige Klara und die 72-jährige Cayaneh jeden Tag von einem Brunnen vor der Wohnanlage holen.
Leben in Ruinen. Seit ihrer Jugendzeit leben die beiden älteren Frauen in dem Wohnhaus in Gyumri. Die Stadt liegt im Westen des Landes an der Grenze zur Türkei und ist mit 130.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Armeniens. Wie die zwölf anderen Mitbewohner des Hauses, haben auch Klara und Cayaneh viele Jahre in der nahe gelegenen Textilfabrik gearbeitet. Das war vor 20 Jahren. Seither hat sich vieles verändert. „Früher war alles besser“, erzählt Cayaneh, „da hatten wir Arbeit und genug Geld. Und es gab eine kostenlose medizinische Versorgung. Nach dem schweren Erdbeben im Jahr 1988 ist alles schlimmer geworden.“ Bei der Katastrophe sind damals 25.000 Menschen ums Leben gekommen. Die Schäden sind teilweise immer noch sichtbar. Auch das Haus, in dem Klara und Cayaneh wohnen, ist eher eine Ruine als ein Wohngebäude. Die elektrischen Kabel im Stiegenhaus sind desolat, die angrenzenden Räume haben weder Türen noch Fenster, überall liegen Abfälle, Schutt und Trümmer von Beton; Reste eines Waschbeckens lassen darauf schließen, dass hier einmal ein Badezimmer stand. Das baufällige Haus ist nach außen hin auf einer Seite komplett zerstört.
Gebeuteltes Land. Doch nicht nur das Erdbeben hat das Land im südlichen Kaukasus in Mitleidenschaft gezogen; auch die Unabhängigkeit Armeniens von der Sowjetunion 1991 hat das Land in eine wirtschaftliche Krise gestürzt. Dazu kam, dass wegen politischer Konflikte die Grenzen zur Türkei und Aserbaidschan geschlossen wurden. Nur die Schranken nach Georgien und Iran sind offen. Diese Tatsache hat den Handel massiv eingeschränkt und viele armenische Fabriken mussten schließen. Die Folge ist eine Arbeitslosenrate in Gyumri von 80 Prozent. Viele junge Menschen haben keine Chance, in Armenien eine Stelle zu finden. Und so wandern sie aus, die meisten von ihnen nach Russland.
Überleben. Cayaneh und Klara sind beide nicht verheiratet, haben keine Kinder und somit allein und auf sich gestellt. Sie bekommen je eine Pension von umgerechnet 70 Euro im Monat. Das reicht nicht, um über die Runden zu kommen. Unterstützung vom Staat gibt es keine. Nur die Caritas hilft. „Ich weiß nicht, wie wir den strengen oft bis zu minus 20 Grad kalten Winter überleben sollten, wenn die Caritas nicht helfen würde. Sie versorgt uns mit Heizmaterial, Kleidung, Nahrung und Medikamenten“, sagt Cayaneh, und Klara nickt zustimmend. Beide machen sich nun auf den Weg, um Holz oder anderes brennbares Material zu sammeln. „Wir verheizen zur Not auch alte Schuhe, Plastik oder Abfall“, sagt Klara und ihr Hauch wird sichtbar, als sie spricht. An die Kälte haben sich die beiden Frauen wohl oder übel gewöhnen müssen. Unter diesen ärmlichen Bedingungen den letzten Lebensabschnitt zu verbringen, ist ein hartes Los.
Zur Sache
Eine lebendige Pfarrgemeinschaft Auf eisiger Straße und bei dichtem Schneefall geht es nach Hazanchi. Das kleine, 600 Einwohner zählende Dorf ist eine Stunde von der armenischen Stadt Gyumri entfernt. Seit zwei Jahren sind 60 Ehrenamtliche hier dabei, eine Art Pfarr-Caritas (Parish Social Ministry, PSM) mit Unterstützung der Caritas Armenien zu schaffen und durch kleine Projekte das Leben in der armen Pfarrgemeinde zu verbessern. Als Resultat einer intensiven Zusammenarbeit sind ein Kindergarten, ein Computerbereich, Aufenthaltsräume für Kinder und Jugendliche zum Musizieren und Tischtennisspielen und eine Kapelle eingerichtet worden – alles unter einem Dach in einem von der armenisch-katholischen Kirche errichteten Haus. Doch auch sanitäre Anlagen und Wasserleitungen wurden gebaut. In Zukunft sind Schwellen-Hindernisse auf der Straße zum Schutz der Kinder, ein Kirchenbau und weitere Freizeitangebote für Jugendliche geplant. Der Kindergarten wird derzeit nicht genutzt, da keine Heizung vorhanden ist – auch hier gibt es Handlungsbedarf. Allerdings stellt sich ein Problem: „Das PSM-Projekt, in das weitere fünf Dörfer involviert sind, wurde im Dezember 2008 gestoppt. Wir hoffen auf finanzielle Unterstützung, um unsere geplanten Vorhaben in Zukunft weiter umsetzen zu können“, sagt Samuel Khazaryan, PSM-Präsident in Hazanchi.