Eine Studie über den islamischen Religionsunterricht erregt die Gemüter. „Das wird jetzt auch von jenen missbraucht, die gerade eine Kampagne zur Abschaffung des Religionsunterrichtes gestartet haben“, sagt der Religionspädagoge Martin Jäggle.
Am Mittwoch vergangener Woche hat die SPÖ-nahe „Aktion kritischer Schüler“ die Kampagne „Goschn halten – Hände falten“ gestartet. Sie tritt dabei für die Abschaffung des Religionsunterrichtes an den Schulen ein. Die selbstkritische Studie des islamischen Religionspädagogen Mouhanad Khorchide (s. unten) kommt ihr dabei gerade recht. Dass nun auch manche Politiker in das Horn stoßen und den konfessionellen Religionsunterricht in Frage stellen, hält der Religionspädagoge Martin Jäggle für äußerst bedenklich. „Wer religiöse Bildung abschaffen will, leistet der Unbildung, den Vorurteilen und der Diffamierung Vorschub und reißt Gräben in der Gesellschaft auf“, ist Jäggle überzeugt. Er verweist auf die Jugendwertestudie, die deutlich zeige, dass jene, die eine religiöse Bildung und Praxis haben, auch unter den islamischen Jugendlichen, am wenigsten anfällig sind für Autoritätsgläubigkeit und Demokratiefeindlichkeit. „Wir wissen aus der Geschichte, wohin angeblich ,rein wissenschaftliche‘ Weltanschauungen, die frei von Religion sind, führen“, warnt Jäggle.
Versäumnisse. Die Studie von Khorchide und die darin aufgezeigten Ausbildungs- und Einstellungsdefizite bei islamischen Religionslehrern müsse man ernst nehmen, meint Jäggle. Dazu sei es aber notwendig, von primitiven Schuldzuweisungen Abstand zu nehmen und einmal genau hinzusehen, was los ist: Der islamische Religionsunterricht wurde 1982/83 als Schulfach eingeführt. Aber erst 15 Jahre später konnte die Islamische Religionspädagogische Akademie, die für eine qualitätsvolle Lehrer/innenausbildung nach österreichischem Standard sorgt, ihren Betrieb aufnehmen. Das Islamische Religionspädagogische Institut an der Universität Wien als Aus- und Fortbildungsstätte für Lehrer/innen an höheren Schulen gibt es erst seit 2006. Die dringend notwendige zweite Professorenstelle ist immer noch nicht besetzt. „Das alles“, so Jäggle, „sind Versäumnisse, die vor allem auf das Konto des Staates gehen. Er hat sich lange der Verantwortung entzogen, seinen Beitrag für die Qualität in der Aus- und Fortbildung der Lehrer/innen zu leisten.“ Und wenn heute der Islamischen Glaubensgemeinschaft mangelnde Aufsicht vorgeworfen werde, dann müsse man auch dazu sagen, dass die Schulbehörde über 15 Jahre lang nicht bereit war, mehr als einen Schulinspektor für über 30.000 Schüler/innen und 350 Lehrer/innen zu genehmigen, kritisiert Jäggle.
Bemühen. Jäggle bestätigt der Islamischen Glaubensgemeinschaft ein ernsthaftes Bemühen, ihren im Aufbau begriffenen Religionsunterricht zu verbessern. So etwa gebe der neue Volksschullehrplan sowohl inhaltlich als auch didaktisch eine gute Richtung vor. „Da kommen u. a. auch Bereiche wie Christentum oder Österreich, unsere Heimat vor. Das Ziel ist nicht ein abgehobener Koranunterricht, sondern ein österreichischer islamischer Religionsunterricht“, betont Jäggle. „Dieser Religionsunterricht will einer fundamentalistischen Abschottung vorbeugen und die jungen Muslime für den konstruktiven Diskurs mit der Gesellschaft und dem Christentum öffnen und befähigen.“
Zur Sache
In seiner Studie zum islamischen Religionsunterricht hat Mouhanad Khorchide mehr als die Hälfte der Religionslehrer/ -innen befragt. Dabei stellte er bei einem Viertel der Lehrer/innen „fanatische Haltungen“ fest. Ältere und schlecht ausgebildete Lehrer/innen gaben häufiger problematische Antworten. Rund ein Viertel der Befragten lehnt die Demokratie und die Menschenrechtserklärung ab, weil diese mit dem Islam nicht vereinbar seien. 29% glauben, dass die Integration in Österreich auf Kosten der islamischen Identität geht. 86% glauben aber auch, die Muslime sollten sich nicht abschotten. 394 Lehrer/innen unterrichten 50.000 Schüler/innen. Am RU nehmen nur 50% teil.