Ein Dorf im protestantischen Norden Deutschlands, 1913. Ein Jahr, bevor mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs eine der finstersten Epochen für Europa beginnen wird. Den Vorzeichen dazu spürt Michael Haneke in seinem Film „Das weiße Band“ mit analytischer Schärfe nach.
Ein Bild wird ganz langsam heller, ein frontaler Kamerablick auf den Innenraum einer Kirche zeigt die auf die Messe wartende Glaubensgemeinschaft. Die Menschen erscheinen in einer seltsamen Distanz wie erstarrte Mumien. Die frontale, distanzierte und starre Kameraeinstellung wird das zentrale Ausdrucksmittel eines Films, dem jegliche emphatische Geste fehlt, der kühl und nüchtern eine Gesellschaft porträtiert, die alles zu kontrollieren versucht und dabei den schleichenden Autoritätsverlust nicht bemerkt, der ein soziales Gefüge völlig aus dem Gleichgewicht bringen wird. Die Schwarzweiß-Fotografie und die Off-Erzählstimme des Lehrers, der über die Ereignisse aus der Distanz in einer sanften, scheinbar teilnahmslosen Sprache berichtet, tragen zusätzlich zur Distanzierung bei.
Mysteriöse Zwischenfälle. Am Beginn scheint die Dorfgemeinschaft noch perfekt zu funktionieren. Gutsherr, Pfarrer, Gutsverwalter, Arzt, Bauer: Haneke skizziert eine aristokratische Gesellschaftsordnung, in der jeder seinen angestammten Platz innehat. Die Männer geben den Ton an, puritanisches Arbeitsethos bestimmt den Alltag der Menschen. Alles scheint unter Kontrolle, auch die Gefühle. Doch dann ereignen sich einige mysteriöse Zwischenfälle: Der Arzt stürzt mit seinem Pferd über einen dünnen Draht und verletzt sich dabei schwer, der Sohn des Barons wird in einer Lagerhalle ausgepeitscht, schließlich wird der behinderte Sohn der Hebamme so schikaniert, dass er fast das Augenlicht verliert. Von den Tätern fehlt jede Spur. Das Dorfkollektiv gerät ins Wanken, weil jeder jeden verdächtigt.
Beängstigende Veränderung. Geschickt bringt Haneke einige Sequenzen, die den Verlust der Kontrolle andeuten: Der Sohn eines Bauern zerstört aus Rache das Kohlfeld des Barons, weil er diesen für den Unfalltod seiner Mutter verantwortlich macht. Er wird dafür verhaftet. Einer der Söhne des Gutsverwalters wirft den Sohn des Barons ins Wasser. Dafür wird er vom Vater verprügelt. Nur der Lehrer der Schule bemerkt, dass die Kinder eine beängstigende Veränderung durchmachen. Glauben will ihm niemand, weil das protestantische Ethos so eine Verdächtigung nicht zulässt. Das „weiße Band“ als Erziehungsmittel wird es schon richten. Immer wieder zeigt die Kamera Landschaften, in denen das Weiß so intensiv wird, dass es fast weh tut. Gleichzeitig vermittelt die trügerische Ruhe dieser Landschaften ein Klima der Erstarrung, das zum Symbol einer untergehenden Welt wird.
Böses schafft Böses. Monster erzeugen Monster, Böses schafft Böses. „Das weiße Band“ demonstriert auf beeindruckende Weise, mit den Mitteln des Romans des 19. Jahrhunderts, das Entstehen faschistoider Tendenzen: Diejenigen, die unterdrückt werden, richten ihre Aggressionen gegen noch Schwächere. Dieser soziokulturelle Humus generiert einen Menschentypus, der nur allzu bekannt ist, und die Verantwortlichen schließen die Augen vor dem Ergebnis ihres Tuns. Am Ende hält man wieder eine Messe, so als wäre nichts vorgefallen. Dieses Mal allerdings verdunkelt sich das Bild ganz langsam, bis die Abspanntitel das Schwarz auslöschen. Nicht einmal Musik hilft dem Zuschauer aus diesem Albtraum. Auf die hat Haneke wie immer verzichtet.