Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen finden in Lourdes einen Sehnsuchtsort: der Wunsch nach Heilung, Gemeinschaft, Sinn vereint sie. Hausners Film zeichnet den Weg einer jungen Pilgerin nach.
Die Anfangssequenz: ein Schlüssel zu diesem Film. In einer Totalen erfasst die Kamera einen riesigen Speisesaal, der noch leer ist. Das plötzlich erklingende „Ave Maria“ ist das Signal für die Pilgergruppe, die zum Mittagessen erwartet wird. Langsam füllt sich der Saal, während das Zoom-Objektiv ganz sachte die Szenerie etwas näher bringt. Trotzdem verharrt der Blick in angemessener Distanz zum Ritual. Die formale Gestaltung dieser Exposition wird zum Programm von „Lourdes“, des neuen Films von Jessica Hausner.
An Wunder glauben wollen. Die Speisesaalsequenz belegt zunächst den massentouristischen Aspekt, der mit dem symbolträchtigen Ort Lourdes verbunden ist. Man begleitet eine Gruppe von Pilgern mit ihren Geistlichen und den Assistenten des Malteserordens zu den verschiedenen Stationen eines Besuches in Lourdes: die Grotte, die Beichte, die Prozessionen, das Baden im Wasser, ein gemeinsamer Ausflug, die Abschlussveranstaltung mit Tanz und Musikunterhaltung, wo die „Pilgerin des Jahres“ gekürt wird. Das Programm unterscheidet sich in seinem streng geregelten Ablauf kaum von einer x-beliebigen Kulturreise, und die Protagonistin des Films, Christine (Sylvie Testud), wird es auch irgendwann einmal aussprechen, dass sie lieber als Kulturtouristin unterwegs ist. Leicht hätte sich also dieser Film als Frontalangriff auf pervertierte Formen des Pilgerns inszenieren lassen, doch Jessica Hausner geht es nicht um die Bloßstellung eines Verhaltens oder um die Entweihung eines Ortes. Vielmehr interessiert sie die Motivation ihrer Figuren, an ein Wunder zu glauben. Dieser Ansatz mag den Ausschlag gegeben haben, dass das Projekt die Unterstützung der verantwortlichen Kirchenvertreter in Lourdes gefunden hat.
Sehnsucht nach Heilung in Lourdes. Die Figuren in der Pilgergruppe veranschaulichen deutlich, dass der Mensch ein Mängelwesen ist, dem grundsätzlich etwas fehlt. Diese Leerstelle wird hier vom Glauben an das Wunder in Verbindung mit einem Ort besetzt. Wir sehen eine Mutter, die jedes Jahr mit ihrer körperlich behinderten Tochter nach Lourdes kommt. Eine vorübergehende Besserung ist der Strohhalm, an den sie sich klammert. Wir sehen eine alte Frau, die kein körperliches Gebrechen hat, aber von ihrer Einsamkeit gequält wird. Sie wohnt mit Christine in einem Zimmer und findet einen Lebenssinn darin für ihre Zimmerkollegin zu beten. Wir sehen die Männer und Assistentinnen des Malteserordens, die hilfsbereit, aber auch sehr unbekümmert agieren. Und schließlich ist da die an Multipler Sklerose erkrankte Protagonistin Christine, die vor allem gern unter Leuten ist. Sie ist nicht besonders gläubig, aber voller Lebensfreude und voller Interesse für alles, was sie umgibt. Während des Aufenthaltes kommt es zu einer Besserung ihres Zustandes bis hin zu einer Heilung, die aber mehr Fragen aufwirft, als dass man von einem glücklichen Ende sprechen kann. Das Wunder hat, so scheint es, mehr Auswirkungen auf die Pilgergemeinschaft als auf sie selbst, die den glücklichen Moment zu genießen scheint. Und man meint aus den Blicken der Anwesenden bei der Abschlussfeier lesen zu können: „Hat sie diese Erfahrung verdient?“ – „Lourdes“ ist ein Film, der viele Zugänge ermöglicht. Man kann ihn als ironischen Kommentar zum Pilgertourismus, aber auch als einfühlsame Studie über die Sehnacht nach Wundern und Heilung in der heutigen Zeit verstehen. Die Deutung bleibt offen.