Aus der Praxis: Rebecca ist 15 Jahre alt. Sie wird von ihrem Vater in die Beratungsstelle gebracht. Dieser macht sich Sorgen um sie. Rebeccas Eltern haben sich vor Kurzem scheiden lassen. Sie wohnt mit ihrem kleinen Bruder und ihrer großen Schwester bei der Mutter. Rebecca fühlt sich da nicht wohl, weil sie sich mit der Mama nicht versteht. Diese jammert den ganzen Tag herum und ist depressiv. Sie gibt Rebeccas Vater die Schuld an der Scheidung und fühlt sich als Opfer. Die Mutter betont dauernd die Wichtigkeit ihrer Kinder für ihr Seelenwohl. Rebecca würde gerne bei ihrem Vater wohnen. Andererseits ist sie traurig, dass der Vater die Mutter verlassen hat, und wirft ihm das vor. Sie ist zwischen den Eltern hin- und hergerissen.
Kinder müssen und können nicht die Verantwortung für Wunden ihrer Eltern übernehmen. Beide müssen ihr Leben selbst in die Hand nehmen.
Ich frage Rebecca, was passieren würde, wenn sie zum Vater ziehen würde. Rebecca meint, dass sie sich dann fürchterliche Sorgen umihre Mutter machen würde. Diese wäre dann noch depressiver und sie – Rebecca – wäre schuld daran. Auf die Frage, wie die anderen Geschwister mit der Mutter umgehen, erklärt Rebecca, dass der kleine (13-jährige) Bruder tue, was er wolle, und die ältere Schwester oft weg sei. Rebecca will, dass es der Bruder auf jeden Fall besser haben soll als sie. Darauf wolle sie achtgeben. Sie müsse die Verantwortung für die Mutter übernehmen. Diese Last könne sie dem Bruder nicht überlassen.
Mächtige Tochter. Es stellt sich heraus, dass sich Rebecca als sehr mächtig erlebt, als die Einzige, die die Situation durchschaut, und die Einzige, die die Mutter retten könnte. Sie macht sich damit zur Mutter ihrer Mutter. Weil die Mutter schwach ist, springt Rebecca ein und versorgt sie. Eigentlich sollte die Mutter für die Tochter da sein und die Verantwortung für ihr Leben selbst übernehmen. Weil sie in der Opferrolle hängen bleibt und Rebeccas Vater die Schuld zuschiebt, kann die Mutter die Scheidung nicht bewältigen. Wenn sie sich ihrer Trauer stellen und auch ihren eigenen Anteil an der Trennung anschauen könnte, würde die Mutter ihre Stärke zurückerlangen und könnte Rebecca als Mutter begleiten.
Eigenes Leben. Ich erarbeite mit Rebecca einen möglichen Weg: Sie erkennt, dass sie sich eigentlich nicht wie ein Kind verhält. Sie ist immer die Große, Verständige und kann sich mit ihren Gefühlen kaum jemandem anvertrauen. Rebecca findet heraus, dass sie ihren Weg gehen muss. Dass die Mutter sich nur verändern kann, wenn sie diese nicht mehr bemuttert, sondern ihr sagt: „Bitte übernimm du selbst die Verantwortung für dein Leben. Ich kann es nicht. Ich wünsche dir so sehr, dass es dir besser geht. Bitte nimm Hilfe in Anspruch und sorge für dich. Ich gebe dir die Verantwortung für dein Leben zurück.“ Wenn Rebecca das nicht tut, wird sie in die Fußstapfen ihrer Mutter treten. Sie wird auch zum Opfer werden, indem sie sich für andere Menschen aufgibt. So wie ihre Mutter sich schon für die Wünsche von ihrer eigenen Mutter aufgegeben hat.
Aussprache. Rebecca hat eine ehrliche und berührende Aussprache mit ihrer Mutter und zieht schließlich zu ihrem Vater. Sie fühlt sich geborgen bei ihrem Vater und die Mutter geht nun selbst in Beratung.
Mag. Andrea Holzer-Breid, Dipl. Ehe- und Familienberaterin
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