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08.01.2010
- Hans Baumgartner
„Beziehung leben – zwischen Ideal und Wirklichkeit.“ Mit dieser Thematik befasst sich die Österreichische Pastoraltagung zwischen 7. und 9. Jänner. Wir sprachen mit dem Familienseelsorger Franz Harant.
In einer guten Paar-Beziehung zu leben zählt zu den höchsten Werten der Österreicher/innen. Und für die allermeisten ist die Ehe und die mit ihr verbundene Treue das Ideal, um diesen Wert zu leben. Gleichzeitig aber stieg die Herausforderung, um dieses gemeinsame Leben bewusst zu gestalten, denn noch nie dauerten Ehen so lange wie heute – nämlich im Schnitt 39 Jahre (einschließlich geschiedener Ehen) und ohne Scheidung nahezu 50 Jahre. Es sei für ihn daher nicht verwunderlich, dass – trotz abnehmender Kirchlichkeit – viele Paare ihre Lebens- und Liebesbeziehung bewusst in den guten Zuspruch, den Segen Gottes hineinstellen wollen, sagt der Familienseelsorger Franz Harant. Mit 12.500 kirchlichen Trauungen (bei rund 23.000 Erst-Ehen) sei die Zahl seit Jahren ziemlich konstant.
Lebensnah. Nicht nur weil die Ehe als gelebtes Zeichen der Liebe Gottes ein Sakrament ist, sondern auch um der Menschen willen sieht die Kirche in der Vorbereitung und Begleitung von Paaren eine besondere Aufgabe und Herausforderung. „Dabei“, so Harant, „müssen wir uns immer neu auf die Bedürfnisse der Paare, auf ihre Lebens- und Liebesgeschichte einstellen. In der Ehevorbereitung bedeutet dies, dass wir es heute mit Menschen zu tun haben, die durchschnittlich sieben bis acht Jahre älter sind als zu Beginn der 70er Jahre. Das sind reife Persönlichkeiten, die vielfach schon länger zusammenleben oder auch schon mehrere Beziehungen hatten. Das sind nicht mehr junge Verliebte, sondern Leute, die oft schon recht realistisch darauf schauen, was es heißt, miteinander zu leben. Und die gerade deshalb ihre Liebe ganz bewusst mit einem öffentlichen Ja-Wort feiern wollen und dies auch im Angesicht Gottes tun wollen.“ Ehevorbereitungskurse müssten daher auch anders aussehen als früher, betont Harant. „Wir müssen ernst nehmen, dass die Paare selber die höchste Kompetenz für ihre Beziehung haben. Als Außenstehende können wir sie darin nur stärkend begleiten, etwa indem wir mit ihnen – auch durch exemplarische Übungen – die Gesprächs- und Konfliktfähigkeit weiterentwickeln. Oder indem wir mit ihnen im seelsorglichen Gespräch zur Vorbereitung der Trauung ihre Lebensgeschichte als Glaubensgeschichte zu deuten versuchen; oder sie einladen, dass jeder für sich und dann auch gemeinsam das Ehegelöbnis durchmeditiert. Denn das Sakrament ist ja nicht nur das Ritual, sondern das Leben selbst, jeden Tag.“
Sickerwirkung. Aus seiner Erfahrung könne er sagen, so Franz Harant, dass „heutzutage Paare die kirchliche Feier viel bewusster wählen und auch erleben.“ Bei manchen möge auch die schönere „Location“ der Grund sein, aber da vertraue er darauf, dass eine gute Begegnung mit dem Seelsorger und eine schöne Feier etwas freisetzen. „Das hat eine Sickerwirkung und ich gehe immer davon aus, dass der Mensch eine Werdegestalt ist.“ Eine positive Erfahrung bei der Trauung könne Menschen auch dafür öffnen, weitere Angebote der Kirche in der Ehebegleitung und Eheberatung zu nutzen. Denn wenngleich die Kirche bezüglich der Familienplanung viel verspielt habe und kaum mehr gefragt sei, andere Angebote, die Bildung, Begegnung und Austausch ermöglichen, würden sehr wohl bewusst gesucht. „Vor allem im Beratungsbereich werden wir stark nachgefragt, auch wenn die Klient/innen jetzt selber einen Beitrag leisten müssen, weil die Subventionen durch Bund und Ländern stagnieren.“
Zur Sache
Familien im Dialog
Ein Frühstücksgespräch mit Bischof Paul Iby in Freising (BRD) war der Anstoß. Seither arbeitet der Familienseelsorger Franz Harant an einem neuen Projekt zur Ehebegleitung. „Bischof Iby meinte damals, dass er in der Diözese Eisenstadt gerne eine ,Familienbewegung‘ gehabt hätte. Ich habe daraufhin gesagt: Noch sind Sie Bischof und haben die Möglichkeit und gute Fachleute dazu“, erzählt Harant. Noch auf der Heimreise habe er begonnen, ein Konzept zu schreiben, wie das auf neue Art gehen könnte. Es basiert darauf, über das Internet die Vernetzung von Familien zu fördern und ihnen für Familienrunden und den persönlichen Austausch über Glaube und Beziehung Hilfestellungen anzubieten. Zusätzlich sollen von Zeit zu Zeit regionale Zusammenkünfte für die so vernetzten Familien und Runden angeboten werden. Vorsorglich habe er bereits die Domain „Familien im Dialog“ angemeldet, erzählt Harant. Noch im Jänner soll das Projekt weiterbesprochen werden.
Im Bereich der Ehebegleitung ist die Kirche mit ihren Bildungswerken, Bildungs-häusern und pfarrlichen Fachausschüssen sicher der größte Anbieter im Land, betont Harant. Auch eine Reihe von Bewegungen (z. B. Schönstatt, Marriage Encounter) und der Katholische Familienverband leisten hier wertvolle Beiträge.
Wo die Liebe einen guten Platz hat
Baumwollfest, Segen für Liebende, Fest der Treue – in der Pfarre Schwechat hat die Liebe viel Platz. „Weil wir erleben, dass wir den Menschen etwas anbieten können, das sie als wertvoll erfahren“, sagt Pfarrer Gump.
Schwechat ist eine lebendige Pfarre, in der sich viel tut und Solidarität modellhaft gelebt wird. „Dennoch sind wir als praktizierende Christengemeinde ein Minderheitenprogramm“, sagt Pfarrer Gerald Gump. „Wenn ich allerdings jene dazunehme, die gerne manche Angebote der Pfarre annehmen, sind wir schon wieder eine größere Gruppe.“ Zu diesen Initiativen, mit denen regelmäßig auch Menschen erreicht werden, die nicht zur Kerngemeinde gehören, zählen Angebote im Umfeld von Liebe, Partnerschaft und Ehe. „Da ist offenbar ein Bedarf da, der das Leben der Menschen trifft. Die Menschen mit der guten Botschaft vom liebenden Gott anzusprechen und sie ein Stück in ihrem Leben zu begleiten, das war ja auch der Weg Jesu. Manche sind dann mit ihm gegangen, viele sind wieder in ihren Alltag zurückgekehrt – und haben vermutlich doch etwas für ihr Leben gewonnen“, meint Pfarrer Gump. Er ist überzeugt, dass Gott viele Wege mit den Menschen geht, auch was die Ehe und Partnerschaft betrifft. „Bei ihm gibt es nicht das ,Kalt oder Heiß‘, wo außerhalb der sakramentalen Ehe alles gleich schwere Sünde ist.“
Zum Beginn. Die Brautleuteseminare werden in Schwechat in einem sehr persönlichen Rahmen durchgeführt. Drei bis fünf Paare werden von jeweils einem Ehepaar aus der Pfarre und Gerald Gump auf dem Weg zur Ehe vorbereitet. „Begonnen wird am Freitagabend mit einer Gesprächsrunde, was sich die Leute erwarten und was wir mit ihnen vorhaben. Bei den sehr unterschiedlichen bis katastrophalen Vorstellungen, was die Kirche ihnen da vorsetzen will, ist das ein wichtiger Eisbrecher, der es möglich macht, am darauffolgenden Samstag wirklich gut zu arbeiten“, erzählt Pfarrer Gump. Dass die Eheseminare und die kirchliche Trauung als positive Erfahrung mitgenommen werden, zeige auch die Tatsache, dass viele zum „Baumwollfest“ wiederkommen. Das ist eine Art Kurzseminar mit abschließender Segens- und Agape-Feier, zu der alle Paare, die im vergangenen Jahr geheiratet haben, eingeladen werden. Rückblick und Ausblick sind dabei wichtige Elemente.
Erntezeit. Zum „Fest der Treue“ zur Erntedankzeit werden alle Paare, von denen man irgendwie ein Datum erfahren kann und die einen runden oder halbrunden (ab 15 Ehejahren) Hochzeitstag feiern, eingeladen. Der persönliche Segen ist dabei ein ebenso wichtiges Element in der Gestaltung der Wort-Gottes-Feier wie die Einladung zum Paargespräch darüber, was in der Beziehung verdorrt ist, was noch wachsen kann und wo man das Miteinander gerade positiv erlebt. „Das wird auch von Menschen dankbar angenommen, die nur standesamtlich verheiratet sind, von wiederverheirateten Geschiedenen oder sogar von Ausgetretenen“, meint Pfarrer Gump. „Bei der Einladung wissen wir das oft gar nicht, sondern erst, wenn die Leute vorsichtig anfragen, ob sie da auch kommen können.“
Segenszeit. Ein sehr intimes Angebot ist die „Segnung für Liebende“ rund um den Valentinstag. Über lokale Medien werden alle eingeladen, die in einer Liebesbeziehung leben und dafür den Segen Gottes wollen. „Ich bin da zwei bis drei Stunden in der Kirche, hole die Paare einzeln bei der Tür ab, gehe mit ihnen in den Altarraum und feiere mit jedem Paar dort eine persönliche kleine Andacht mit abschließendem Segen. Dabei wird in der Regel recht konkret angesprochen, warum die Paare gekommen sind, wofür sie Gott danken oder bitten wollen. Und meistens schaffen wir es, dass wir zu dritt auch ein, zwei Lieder singen“, erzählt Pfarrer Gerald Gump.
Stichwort
Ehevorbereitung
Im März 2006 beschloss die Bischofskonferenz, die Ehevorbereitungsseminare auf einen gemeinsamen Mindeststandard von acht Einheiten (einen ganzen Tag) anzuheben. Daneben gibt es in allen Diözesen auch vertiefende Angebote. Weiters hat im Auftrag der Bischofskonferenz eine Arbeitsgruppe in den vergangenen drei Jahren die Trauungsprotokolle neu überarbeitet und einen Gesprächsleitfaden für die Brautleutegespräche erstellt. Diese sollen ebenfalls der besseren Ehevorbereitung dienen. Der Vorsitzende der Arbeitsgruppe, Franz Harant, hat auch einen Text für Brautleute erarbeitet, der darlegt, wie die Kirche Ehe versteht und die Paare einlädt, durchzumeditieren, was sie einander versprechen.