Die Gründe für die 2009 um 43,5 Prozent gestiegenen Kirchenaustritte sind nicht einfach zu analysieren. Die Pfarren machen aufmerksam, dass Themen zum Austritt führten, die nicht in ihrem Gestaltungsbereich lagen. Dazu kommt, dass einzelne Ereignisse zwar Auslöser waren, die Schwelle zum Verlassen der Kirche seit Jahren aber niedriger wird.
„Ich habe die Bedeutung der Großwetterlage unterschätzt. Ich habe geglaubt, dass man vor Ort etwas abfangen kann“, bilanziert Diakon Franz Landerl von St. Marien bei Linz nüchtern: „In der Pfarre haben wir so viele Taufen wie noch nie zu verzeichnen, die Zahl der Hochzeiten nimmt zu und die Sternsinger haben wieder ein Rekordergebnis ersungen“ – für Pfarrassistent Landerl alles Faktoren, dass in der Pfarre ein positives Klima herrscht: „Doch genützt hat das alles nichts. Für die Leute hat das, was von oben kommt, mehr Gewicht“. 51 Katholiken haben 2009 in St. Marien die Kirche verlassen, 20 waren es noch im Jahr davor. Auffallend ist, dass 37 in den Monaten Februar und März 2009 – unmittelbar nach der Ernennung Pfarrer Gerhard Maria Wagners zum Weihbischof und im Zuge der Auseinandersetzungen um den Holocaust-Leugner Bischof Williams ausgetreten sind. Innerhalb eines Jahres hat St. Marien fast zwei Prozent der Katholiken verloren. Gleichzeitig sind die Eintritte gesunken: 2009 kehrten zwei Personen zur Kirche zurück, in den Jahren davor waren es jeweils um die fünf, einmal sogar zehn. Zurzeit ist auch keine Atmosphäre da, um mit Menschen über einen Eintritt in die Kirche zu reden, meint Landerl. Er wird jedenfalls mit Diözesanbischof Ludwig Schwarz das Gespräch über die aktuelle pastorale Situation suchen.
Mit Ausgetretenen reden. So viel Kirchenaustritte wie noch nie gab es 2009 auch in Kirchschlag bei Linz, sagt Pfarrprovisor Pater Franz Hrouda. In der Heimatgemeinde des als Leiter des Kommunikationsbüros entpflichteten Ferdinand Kaineder kehrten acht Menschen der Kirche den Rücken zu, in den früheren Jahren waren es ein bis drei Personen. Der Pfarrprovisor bemüht sich im persönlichen Gespräch um die Ausgetretenen. Interessantes Detail: Der Pfarrprovisor der 1000-Seelen-Gemeinde hat Unterstützung durch den PGR-Obmann Ferdinand Kaineder. Auch vor dem Zentrum der Diözese machte der Negativtrend nicht halt. In der Dompfarre schnellten die Austrittszahlen 2009 rapid in die Höhe. In der 3800-Katholiken-Pfarre stiegen die Austritte gegenüber 2008 (42 Austritte) um das Doppelte. Dompfarrer Dr. Maximilian Strasser betont, dass man die Austrittsgründe nicht pauschalisieren dürfe. Bei vielen sei die Bindung an die Kirche bereits sehr lose, manchmal würden finanzielle Engpässe dazukommen und es brauche dann nur noch einen Anlass, um der Gemeinschaft der Gläubigen endgültig den Rücken zu kehren. „Jeder, der austritt, hat seinen persönlichen Grund. Es ist wichtig, genau hinzuschauen“, betont Strasser, um vorsichtig hinzuzufügen: „Es können auch Personalentscheidungen der Kirchenleitung Anstoß zum Austritt geben“.
Was in Windischgarsten passierte. In der Kirchenbeitrags-Region Kirchdorf an der Krems, zu der auch die Pfarre Windischgarsten gehört, sind die Austritte um 30 Prozent gestiegen. In der Pfarre Windischgarsten sind 14 oder 15 Leute ausgetreten, erklärt Pfarrer Dr. Gerhard Maria Wagner etwas vage. Genaue Zahlen habe er nicht: „Es gab Jahre, da waren es aber schon mehr, sogar doppelt soviele“.
Offener Brief an Ausgetretene. Einen offenen Brief an die aus der Kirche Ausgetretenen hat Vöcklabrucks Pfarrer Dr. Franz Leitner im Herbst-Pfarrblatt veröffentlicht. Er reagiert damit auf den großen Anstieg der Ausgetretenen in seiner Pfarre um 40 Prozent. In der Kirchenbeitragsregion Vöcklabruck sind es sogar mehr als 70 Prozent. Auf die kirchlichen Ereignisse des Jahres 2009 gemünzt schreibt Pfarrer Leitner: „Wie jeder von uns, so hat auch die Kirche ihre Schwächen und Fehler. (...)“. Er erklärt in der Folge die zahlreichen Leistungen und Dienste der Kirche, um zu schließen: „All das soll für Sie plötzlich nichts sein? (...) Ich ersuche Sie freundlich, all dies nochmals zu bedenken (...)“.„Man soll alles versuchen, um die Leute wieder zurückzuholen. Wichtig ist, positiv von der Kirche zu erzählen und sie zu bewerben“, erklärt Dr. Franz Leitner. Es würde in den Medien oftmals viel zu negativ von der katholischen Kirche berichtet. Die Kontaktaufnahme zu Ausgetretenen sei sinnvoll, wenn auch der Erfolg eher lang- als kurzfristig ist, sagt Leitner. So hat sich aufgrund des aktuellem Briefes noch keiner zur Umkehr entschlossen.
Endlich wieder Mensch. Leitners Erfahrung: „Die Leute haben sich ihren Schritt gut überlegt und brauchen länger Zeit, um diesen rückgängig zu machen“. Aber es kommen immer wieder Menschen zurück: „Bei manchen fließen dann auch die Tränen und sie sagen: Da bin ich wieder Mensch“.