„Ich hoffe sehr, dass die Kirchenaustritte im Jahr 2009 ein ,Ausreißer‘ waren“, sagt der Vorarlberger Pastoralamtsleiter Walter Schmolly. Seine Diözese gehört zu jenen mit den höchsten Zuwächsen bei den Austritten.
Nach Jahren der Entspannung sind 2009 die Kirchenaustritte in Österreich wieder massiv gestiegen. „Die Spitze der Austrittswelle war in den ersten drei Monaten“, berichtet Walter Schmolly. „In dieser Zeit gab es eine heftige öffentliche Debatte über die Rücknahme der Exkommunikation für vier Lefebvre-Bischöfe, zusätzlich angeheizt von der unzulässigen und beschämenden Holocaust-Verharmlosung durch Bischof Williamson; und es gab einen ordentlichen Sturm – nicht nur im Medienwald, auch in engagierten Kirchenkreisen – um die Ernennung eines Weihbischofs für die Diözese Linz. Die Verärgerung über diese Vorgänge, zu denen da und dort noch kleinere diözesane ,Aufreger‘ hinzukamen, war offenbar Grund genug, dass so viele Leute gegangen sind“, zieht Schmolly Bilanz.
Mobiler. Kirchenaustritte seien wie Seismografen, die ziemlich sensibel auf negative Schlagzeilen reagieren, meint Schmolly. Das hänge damit zusammen, dass auch im religiösen Bereich die Menschen wesentlich mobiler geworden sind. „Die Leute fühlen sich für ihr Leben, auch für ihren Glauben, zunächst einmal selbst zuständig; auf institutionelle Angebote – ob sie nun von Parteien, Gewerkschaften oder der Kirche kommen – greifen sie dann zu, wenn sie diese brauchen; etwa auf kirchliche Feiern zu bestimmten Lebenswenden (Geburt, Kindesalter, Hochzeit …) oder auf religiösen Zuspruch in Krisen. Wir müssen davon ausgehen, dass die Zugehörigkeit zur Kirche für zunehmend mehr Menschen keine Selbstverständlichkeit mehr ist – weder von ihrem sozialen Umfeld noch von ihren religiösen Bedürfnissen her. Deshalb“, so Schmolly, „gehen sie auch leichter; sie kommen aber auch, wenngleich in einem viel geringeren Ausmaß, wieder leichter zurück.“
Gefordert. Dass man mit jenen, die ihren Austritt bekannt gegeben haben, in Kontakt tritt – mittels Bischofsbrief oder auch persönlich – hält Schmolly für wichtig. „Sie sollen wissen, dass uns als Kirche dieser Schritt nicht kalt lässt; und manchmal lassen sich Ärger oder Frust auch soweit klären, dass der Austritt wiederrufen wird.“ Das sei aber nur eine Spur, die man angesichts konstant hoher – auch ohne Ausreißer – Kirchenaustrittszahlen verfolgen müsse, meint Schmolly. „Letztlich werden die Menschen nur dann bleiben, wenn sie das Evangelium, den Glauben und die Kirche als bedeutsame Wirklichkeit für ihr persönliches Leben erfahren.“ Schmolly sieht darin zwei große Herausforderungen für die Kirche: „Wir müssen – ganz im Sinne des II. Vatikanums – lernen, den Menschen von heute den Glauben von ihrem Leben her und für ihr Leben zu erschließen. Wir kommen um eine gut gemachte Verheutigung, die keinen Wellness-Glauben light meint, nicht herum“, ist Schmolly überzeugt. Die zweite Herausforderung sei, ob „wir die Zeichen der Zeit in unseren Pfarren erkennen“. Schmolly meint damit vor allem „das steigende Bedürfnis der Menschen, im ,globalen Weltdorf‘ ganz konkrete, überschaubare Lebensorte zu haben. Diese Sehnsucht bietet uns viele Chancen, kirchlich anzudocken, wenn wir lernen, auf die Vielfalt der heutigen Lebensmilieus und Bedürfnisse entsprechend einzugehen. Deshalb ist die Entwicklung lebendiger, wacher Pfarren, wo die Kirche in der Nähe der Menschen bleibt, so wichtig.“
Dr. Walter Schmolly ist ausgebildeter Theologe und Erwachsenenbildner; er leitet seit 2005 das Pastoralamt der Diözese Feldkirch.