Sr. Elisabeth Jakubowitz von der Di?zese Novosibirsk und Ludmilla Kapustina von der Di?zese Irkutsk im B?ro der Caritas Auslandshilfe Linz. Die Di?zesen Novosibirsk und Irkutsk, die beiden sind die gr??te und zweitgr??te Di?zese der Welt, haben eine
Obdachlose sind keine Menschen! – Dieser weit verbreiteten Haltung in der sibirischen Öffentlichkeit hält die Caritas Sibirien ihr Programm der Solidarität mit Außenseitern entgegen. Die Caritas Linz hilft da und dort mit.
Sibirien! – Sibirische Weite, sibirische Wüste, sibirische Kälte, transsibirische Eisenbahn, daran denkt ein hiesiger Mensch wohl zuerst, wenn von Sibirien die Rede ist. Vor ein paar Wochen waren zwei Frauen aus Sibirien bei der Caritas Linz zu Gast, die einen ganz anderen Blick auf Sibirien, den asiatischen Teil Russlands, haben – den Blick der Caritas.
Sr. Elisabeth Jakubowitz und Ludmilla Kapustina leiten die sibirische Caritas, die für die zwei sibirischen Diözesen – Novosibirsk und Irkutsk – eine gemeinsame ist. Auf einer Fläche von etwa 13 Millionen Quadratkilometern wohnen 40 Millionen Menschen. Die Mehrzahl in Armut. Was können da etwa 400 ehrenamtliche Helfer schon bewirken, die alte, kranke und behinderte Menschen besuchen, verlassenen Kindern und Gefangenen zur Seite stehen und sich für Menschen in Not engagieren? Was können die etwa 180 haupt- und nebenberuflich tätigen MitarbeiterInnen der Caritas schon bewegen? – Sehr viel, sehr viel Beispielhaftes, sehr viel Bewundernswertes.
In eineinhalb Stunden quer durch Sibirien. Die beiden Frauen zeigen im Büro der Caritas-Auslandshilfe in Linz am Computer Bilder aus Sibirien, Bilder der Caritas-Arbeit. Sie sind auf Kurzbesuch bei der Caritas Linz, die Projekte in Sibirien unterstützt. Es ist nicht viel Zeit, den großen Arbeitsbereich der Caritas Sibirien darzustellen: Kinder, Jugendliche, Familien, kranke und behinderte Menschen, Obdachlose, Häftlinge. In eineinhalb Stunden machen die Caritasfrauen deutlich, was Caritasarbeit in Sibirien bedeutet: Keine Scheu vor Armut haben, leben unter Außenseitern, um deren Fähigkeiten zu fördern und zu stärken, Mißerfolge aushalten, die Menschen mögen ...
Schöne Landschaft, arme Menschen. Die schönen Bilder der sibirischen Landschaft sind nur ein kurzer Einstieg in das sibirische Umfeld – „es ist reich an Bodenschätzen, und doch ist die Armut sehr groß“, kommentieren die Caritasfrauen. Die Fotos aus der Caritasarbeit sprechen dazu eine beredte Bildersprache. Die Informationen der beiden verschärfen den Kontrast zu den schönen Landschaftsbildern. Schwester Ludmilla erzählt zum Beispiel von einer Mutterschule im Frauengefängnis und davon, dass im dazugehörenden Säuglingsheim bis zu 150 Babys und Kleinkinder untergebracht sind. Schlimm ist die Situation der Obdachlosen. Der Staat bekämpft die Obdachlosen, nicht die Obdachlosigkeit. Es ist nicht erst einmal passiert, dass die Polizei Obdachlose in der Stadt aufsammelt und sie 50 Kilometer weiter entfernt mitten im Wald aussetzt. Die Carits zeigt, wie man anders umgehen kann: Sie gibt obdachlosen Menschen ein warmes Mittagessen, versorgt sie mit Kleidung und kümmert sich um medizinische Hilfe. Die Caritas macht sich auf diese Weise mit zum Außenseiter. So musste in Omsk der Ambulanzwagen, in dem Obdachlose versorgt werden, wegen Anrainer-Protesten bereits mehr als fünfmal den Standort wechseln.
Kinder und Jugendliche. Derzeit leben in Russland etwa sechs Millionen Kinder in sozial gefährdeten Verhältnissen. 2500 Kinder sterben jährlich an den Folgen brutaler Gewalttätigkeiten ihrer Eltern. Die Selbstmordrate unter Minderjährigen hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Bereits ab vier Jahren greifen Kinder zu Alkohol, ab zehn Jahren konsumieren viele Drogen. Viele Jugendliche sind obdachlos. In den Zentren der Caritas werden sie betreut. In Einzelfällen hat die Caritas Erfolg, sie in eine normale schulische Laufbahn zu bringen.
Kind sein
In den neunziger Jahren verkümmerten hunderttausende Sozialwaisen, die von den Eltern verlassen wurden. Heute haben sie Kinder. „Kinder von Kindern, die in Heimen aufgewachsen sind“, ist die Erfahrung der Caritasfrauen aus Sibirien, „sind extrem von Verwahrlosung bedroht. Sie sind nicht in der Lage, für sich selbst zu sorgen und schon gar nicht für ihre Kinder.“ Die Caritas Sibirien führt 20 Kinderzentren, in denen täglich 550 Kinder betreut und auch an eine normale schulische Laufbahn herangeführt werden. Etwa Julia, die als Vierjährige mitansehen musste, wie ihr Vater die Mutter im Suff erschlagen hatte. Wichtig sind in dieser Sozialarbeit die viel zu wenigen ehrenamtlichen Männer: Sie vermitteln ein anderes Bild des Mannes als jenes, das viele Kinder von daheim eingeprägt haben. In den Kinderzentren werden auch Ausflüge organisiert. Viele Kinder kommen so das erste Mal mit der Natur in Kontakt. „Das hat etwas Heilendes.“ Der Caritas gelingt es, auch schwer traumatisierte Kinder zur Gymnasiumreife zu führen. Die 25 Familienzentren besuchten letztes Jahr 1200 Mütter mit mehr als 1800 Kindern. Sie werden dort beraten, geschult und materiell unterstützt.