Am 17. Jänner begeht die Kirche den Welttag der Migranten und Flüchtlinge
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15.01.2010
- Robert Tatschl
Wo Krieg und Katastrophen Menschen aus ihrer Heimat vertreiben, wo Tod, Willkür und Gewalt wüten, dort hilft der JRS, der Flüchtlingsdienst der Jesuiten. Dessen Direktor, P. Peter Balleis, stellte in Innsbruck die Arbeit seiner Organisation vor.
Knapp 40 Millionen Menschen sind derzeit weltweit auf der Flucht. Sie haben kein Dach über dem Kopf, entbehren das Nötigste, geraten oft zwischen die Fronten. Elf Millionen von ihnen verlassen dabei ihr Land. Sie stehen – zumindest auf dem Papier – unter dem Schutz der Genfer Konvention von 1951 und erhalten Unterstützung der UNO. Den anderen bleibt als Binnenflüchtlingen diese Hilfe oft versagt.
Alte und neue Konflikte. „Der ungleiche Verlauf der Globalisierung und ethnische, kulturelle, religiöse Unterschiede schaffen Ungerechtigkeiten, die Menschen in die Flucht schlagen können“, analysiert P. Peter Balleis. Als Beispiele nennt er Kolumbien mit über drei Millionen Flüchtlingen. Dort nähren soziale Konflikte seit 20 Jahren den Krieg. Als besondere Krisenregionen bezeichnet er Zentralasien und den Nahen Osten. „Zudem drängen auch die neuen Weltmächte China und Indien verstärkt in Drittweltländer“, erklärt Balleis. Das habe beim Kongokrieg und im Tschad eine Rolle gespielt. Da gehe es um die Kontrolle von Rohstoffen (Metalle, Öl etc.). „Auch Umweltschäden und Naturkatastrophen können Flucht auslösen“, sagt der Pater und verweist auf die verheerenden Tsunamis der letzten Jahre.
Boat People am Anfang. „Das ist wie Hiroshima“, soll Pedro Arrupe, damals Ordensgeneral der Jesuiten, angesichts der Boat People gesagt haben. Nach Ende des Vietnamkrieges waren Abertausende Vietnamesen und Kambodschaner auf der Flucht über das Meer umgekommen. Daher gründete Arrupe, selbst Überlebender des Atomschlags auf Hiroshima, im Jahr 1980 den Jesuiten-Flüchtlingsdienst. Anfangs nur als Reaktion auf die Not der Boat People gedacht, wuchs der JRS wegen zunehmender Konflikte in aller Welt rasch und wurde international. Heute helfen rund 5000 Mitarbeiter/innen der Organisation mit Sitz in Rom in knapp 60 Ländern aller Kontinente den Ärmsten der Armen. „Rund 90 Prozent unserer Helfer sind selbst Flüchtlinge“, berichtet Balleis. „Zusätzlich haben wir etwa 1400 Mitarbeiter fest angestellt, darunter Laien-Volontäre, 85 Jesuiten und Ordensschwestern. Etwa 60 Angehörige anderer Orden arbeiten beim JRS mit.“
Bildung schafft Zukunft. Arbeitsschwerpunkte sind psychosoziale Betreuung, Bildungsarbeit und Pastoral vor Ort, Neutralität gegenüber allen Konfliktparteien, Versöhnungsarbeit. Das Brüsseler Büro des JRS betreibt zudem Lobbying in der EU-Zentrale. Die Schulbildung seiner Schützlinge ist dem Pater besonders wichtig: „Gute Ausbildung und Erziehung zum Frieden eröffnen eine bessere Zukunft. Wir schenken den Menschen neue Perspektiven und Hoffnung.“ Bei vertriebenen Bhutanesen war der JRS damit besonders erfolgreich, freut sich Balleis. „Die meisten haben bei uns in Nepal Englisch gelernt und dadurch Aufnahme in Amerika, Australien und Skandinavien gefunden.“
Mauern bringt nichts. Der JRS finanziert sich zu rund 40% aus Zuwendungen des Caritas-Netzwerks und kirchlicher Organisationen. Jeweils 20% kommen vom Flüchtlings-Hochkommissariat der UNO und von privaten Spendern. Gut die Hälfte der Einnahmen floss 2008 nach Afrika. Der JRS teilt Flüchtlinge nicht in Kategorien ein. „Für uns gibt es nur ‚Forced Displaced People’. Darunter verstehen wir alle durch Zwang aus ihrer Heimat Vertriebenen“, erklärt Balleis. Dieser Zwang sei zugleich Kriterium zur Unterscheidung zwischen Flüchtlingen und den rund 200 Millionen Migranten weltweit. Um Letztere kümmern sich Jesuiten in üblichen kirchlichen Strukturen wie örtlichen Pfarreien zwar auch, nicht aber der JRS. P. Balleis ortet allerdings eine „Erosion des Flüchtlingsbegriffs“ in Zielländern, verstärkt durch Politiker, die Ängste schüren. „Europa, die USA, oder auch Südafrika igeln sich zunehmend ein. Dieses Mauern füttert nur die Schlepperbanden und erhöht die Kriminalitätsrate. Wir haben vor Europas Mittelmeerküsten wieder Boat People. Viele werden schon auf See abgewiesen und auf untauglichen Booten ihrem Schicksal überlassen. Schaffen sie es an Land, sperrt man sie ein Jahr lang ein. Das ist Unrecht“, poltert der sonst so diplomatische Jesuit. 200.000 Flüchtlinge nehme Europa jährlich in Schubhaft. Nachdenken sei dringend angesagt. „Wer anderen die Würde nimmt, schädigt letztlich sich selbst. Flüchtlinge wollen nur ihre Würde behalten. Sie wollen uns nichts nehmen. Das sind keine Verbrecher, sondern Menschen, die Schutz brauchen.“
Christus im Zentrum. In Zukunft will sich der JRS noch stärker für Frieden und Versöhnung einsetzen. „Wir sind an die Grenzen der Gesellschaft gesandt, um sie mit Liebe zu überbrücken, wenn wir sie schon nicht aufheben können“, sagt Balleis. Ignatianische Spiritualität spendet Kraft für den schwierigen Dienst an den Heimatlosen. Der Gekreuzigte steht im Zentrum, verbunden mit der Hoffnung auf Auferstehung. „Wir treten zurück und schauen auf Christus. Das hilft, die richtige Distanz zu finden, Entscheidungen zu treffen.“ Und verhindert, dass dem Pater angesichts dreister Propagandalügen wie „Ein Krieg für den Frieden“ der Kragen platzt. Er hat das Resultat gesehen, unzählige Verstümmelte. Das JRS arbeitet ausschließlich auf der Seite solcher „Verlierer“, ist dabei offen für alle Religionen. Im humanitären Bereich sei interkulturelle Zusammenarbeit viel einfacher als in hohen theologischen Gefilden, sagt Balleis. Erst vor einigen Wochen hätten muslimische Imams und katholische Pfarrer in Sumatra gemeinsam eine Reismühle eingeweiht. „Der Reiskuchen war sehr gut“, schmunzelt Balleis. Eine besonders faszinierende Dimension von Kirche habe er in Sri Lanka erlebt. Dort irrten Tausende Menschen nach Ende des Bürgerkrieges heimatlos umher. Fast alle Häuser waren zerbombt, das Land vermint. Der JRS bot hundert Familien in einer Kirche Unterschlupf. „Das Kirchenschiff wurde Lebensraum. Es gab da sogar Geburten“, schwärmt der Pater. „Das ist für mich Kirche. Sie muss da sein, wo es auf sie ankommt und den Menschen zeigen, dass es auch nach Vertreibung und Tod weitergeht.“
Zur Sache
Eberau: Dialog statt Gezänk
Im Streit um das Erstaufnahmezentrum für Flüchtlinge im burgenländischen Eberau fordert die Präsidentin der Katholischen Aktion Österreichs, Luitgard Derschmidt, die Politik auf, das Gezänk zu beenden und zu einem sachlichen Dialog zurückzukehren. Dabei müsse im Vordergrund stehen, dass es bei Flüchtlingen zuerst um Menschen gehe, die bei uns Schutz suchen. Scharf wandte sich Derschmidt gegen die „in Österreich leider üblich gewordene Vorverurteilung“ von Flüchtlingen, die stets nur als Sicherheitsrisiko dargestellt würden. Das mache es auch so schwer, notwendige Einrichtungen für Asylwerber zu schaffen. Das Beispiel Eberau, so Derschmidt, habe gezeigt, wie „so etwas nicht gemacht werden soll“. Sie fordert daher die politischen Akteure auf, bei Planungen für Asyleinrichtungen rechtzeitig kompetente Hilfsorganisationen (Caritas, Diakonie u. a.) sowie die Bevölkerung einzubeziehen. Derschmidt appellierte auch an die Bundesländer, die ihre vertraglich zugesagte Quote bei der Unterbringung von Asylwerbern nicht erfüllt haben, dies zu tun.
Eine menschengerechte Flüchtlingspolitik forderte auch der evangelische Bischof Michael Bünker in seiner Neujahrsansprache. Er übte scharfe Kritik an der Angstmache gegen Ausländer, um daraus politisches Kapital zu schlagen. Es sei ein Unrecht, so Bünker, dass tausende Asylwerber in Schubhaft gesperrt werden und dort keine ausreichende Betreuung erhalten.
Papstbotschaft
Solidarität wird zur Verkündigung
Papst Benedikt widmet seine Botschaft zum 96. kirchlichen „Welttag der Migranten und Flüchtlinge“ ganz dem Thema der Minderjährigen, die als Migranten aufwachsen bzw. alleine als Flüchtlinge in ein neues Land kommen. Es ist sein ausdrücklicher Wunsch, dass „diesen eine besondere Aufmerksamkeit entgegengebracht wird“.
Die Sorge des Papstes gilt sowohl den jugendlichen Migranten, die ohne Unterstützung ihrer Eltern in einem fremden Land aufwachsen, als auch jenen jungen Ausländer/innen, die bereits im Gastland der Eltern geboren wurden oder von ihnen nachgeholt wurden. Der Papst verweist auf die Schwierigkeiten von Heranwachsenden, die in zwei Kulturen aufwachsen, auch wenn das eine Chance sein könnte. Eindringlich fordert er Strukturen im Bildungswesen und im sozialen Bereich, die eine Eingliederung der jungen Migrant/innen in die Welt der Arbeit ermöglichen. Nachdrücklich pocht Papst Benedikt auf die Einhaltung der Kinderrechtskonvention im Hinblick auf die wachsende Zahl von minderjährigen Flüchtlingen, die allein in ein fremdes Land kommen, um Schutz zu suchen.
Die Papst bedankt sich in seiner Botschaft bei allen Pfarren und Vereinigungen für ihren praktischen und politischen Einsatz für Migranten und Flüchtlinge. „Auf diese Weise wird die Gastfreundschaft und Solidarität gegenüber Fremden zur Verkündigung des Evangeliums Christi.\"