Joachim Wanke ist seit 1981 Bischof von Erfurt. Große Beachtung fand sein Brief im Jahr 2000 über den Missionsauftrag der Kirche für Deutschland. Darin heißt es: „Unserer katholischen Kirche in Deutschland fehlt etwas. Es ist nicht das Geld. Es sind auch nicht die Gläubigen. Unserer katholischen Kirche in Deutschland fehlt die Überzeugung, neue Christen gewinnen zu können. Das ist ihr derzeit schwerster Mangel.“
„Das Evangelium auf den Leuchter stellen“ war das Vortragsthema von Joachim Wanke an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz. Der Bischof aus der ehemaligen DDR zeigte auf, wie das Evangelium unter den heutigen gesellschaftlichen Bedingungen verkündet werden kann.
Wenn man in unseren Breiten von Missionierung spricht, macht sich vielerorts Ratlosigkeit breit, weiß Bischof Wanke aus Erfahrung. Dabei gehört Missionierung zur Grundbestimmung des Christseins – es nicht nur ein Auftrag für Afrika, Asien und Lateinamerika, sondern für jedes Land. „Der Begriff Missionierung umschreibt die Einsicht, dass wir Christen und die Kirche nicht für uns selbst da sind. Ohne Evangelium fehlt meinem Heimatland Thüringen etwas, fehlt Oberösterreich etwas, nämlich das Licht von oben.“ Das Evangelium ist letztlich Jesus Christus selbst, der neue Orientierung für alle Bereiche des Lebens und der gesamten Wirklichkeit schenkt.
Evangelium-Übersetzungen. Damit die Menschen die Botschaft Gottes verstehen können, hat die Kirche von Anfang an jedem Volk das Evangelium in seine Sprache übersetzt. Diese Übersetzungsarbeit ist noch nicht abgeschlossen und lässt sich auch nicht abschließen, meint Wanke: Es muss in jeder Zeit neu jene Sprache gefunden werden, die das Herz der Menschen erreicht. Denn die Schlüsselfrage für die Menschen heißt: Was hat der christliche Glaube mit meinem Leben zu tun?Der Erfurter Bischof nennt drei Herausforderungen, damit die Kirche mit Bodenhaftung und menschenfreundlich von ihrer Hoffnung sprechen kann. „Wir brauchen eine Vertiefung und eine Verheutigung unserer Gottesverkündigung. Es gilt, angesichts gegenwärtiger Infragestellungen des Glaubens verantwortet Gott denken zu können, sonst droht die Gefahr, dass wir uns ins Sektenhafte verabschieden.“ Das ist zunächst eine intellektuelle Herausforderung. Hier sind die wissenschaftliche Theologie und Bildungsarbeit der Kirchen gefragtDie Pfarrgemeinden werden dabei wichtige Glaubensorte bleiben, aber auch Diakonie-Orte werden künftig für die kirchlich-missionarische Präsenz mehr als bisher von Bedeutung sein. Wanke denkt dabei nicht nur an klassische Hilfseinrichtungen, sondern auch an Schulen, Kindergärten, Bildungsstätten und an Krankenhäuser.
Der Bischof hält das Zusammenrücken von Pastoral und Caritas für ein erfreuliches Zeichen: Die Kirche muss auch vor den Kirchentüren den Dienst der Fußwaschung leisten. Wanke unterstreicht aber ausdrücklich, dass die Hilfsbedürftigkeit von Menschen nie ausgenutzt werden darf. Leitend muss dabei die Überlegung bleiben: „Wie können Diakonie-Orte zu Orten des Glaubens werden, ohne dass sie den Anstrich des Zwangs bekommen?“
Mehr spirituelle Kompetenz. Und schließlich brauchen wir eine Vertiefung der theologischen, liturgischen und spirituellen Kompetenz – beim Klerus und beim Gottesvolk, mahnt der Bischof ein: „Wenn es zum Wesensvollzug der Kirche gehört, dass sie feiert, was sie bekennt, und dass sie betet, was sie glaubt, wird das Grundwasser einer liturgischen Frömmigkeit und spirituellen Bildung an Bedeutung gewinnen. Der Katholik von morgen muss ein informierter Katholik sein.“