Für ein gutes Leben braucht es eine andere Wirtschaft
Geld und Leben aus Sicht der Frauen
Ausgabe: 2010/21, Leben, Wirtschaft, Geld, Leben, Frauen, Sicht der Frauen, gutes Leben, Kraft, Wissen, Marianne Prenner, Margit Appel, KSÖ, Lehrgangsprogramm, wenig Zeit, Katholische Sozialakademie
26.05.2010
- Hans Baumgartner
„Frauen ist ein ,gutes Leben‘ besonders wichtig. Deshalb müssen sie sich auch stärker in die Wirtschaft einmischen und die Anerkennung ihrer Leistungen einfordern.“ Das betonen Maria Etl und Renate Holpfer. Die beiden Burgenländerinnen beendeten vor kurzem die Frauenakademie der KSÖ.
„Die Frauen sind Expertinnen für ein ,gutes Leben‘. Das ist ihnen besonders wichtig“, sagt Renate Holpfer. Und die Geschäftsführerin der Frauen-, Mädchen- und Familienberatungsstellen im Südburgenland meint damit nicht ein „bequemes Leben“. Das hätten die Frauen sowieso nicht, da sie zwei Drittel der immer noch unterschätzten unbezahlten Arbeit in den Familien und im Ehrenamt leisten.
Hingeschaut. Mit 14 weiteren Frauen hat Renate Holpfer in den vergangenen zwei Jahren den berufsbegleitenden Lehrgang „Geld und Leben“ der Katholischen Sozialakademie absolviert. „Dabei“, so erzählt sie, „haben wir uns viel Zeit genommen, uns mit dem Fünf-Sektoren-Modell der Wiener Wirtschaftsprofessorin Luise Gubitzer auseinanderzusetzen. Sie tritt dafür ein, auch die unbezahlte Arbeit im Haushalt, bei der Kindererziehung, der Pflege, die Arbeit, die in gemeinnützigen Vereinen geleistet wird, sowie die illegale Arbeit in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung einzubeziehen.“ Dieser erweiterte Blick von Wirtschaft und „die Erfahrung, dass Frauen für ihre unbezahlte bzw. ehrenamtliche Arbeit sehr wenig Anerkennung und Wertschätzung bekommen, war der Anstoß, dass wir uns den Lebens- und Arbeitsalltag von burgenländischen Frauen genauer anschauen wollten“, sagt Maria Etl, Bundessekretärin der Katholischen Arbeitnehmer/innen-Bewegung. „Daraus ist dann unser gemeinsames Praxis-Projekt für den KSÖ-Lehrgang geworden.“
Wenig Zeit. Auf 13 Schautafeln zeigen Holpfer und Etl sehr unterschiedliche Frauen-leben. Die passionierte Fotografin Etl hat die Frauen in einem für sie typischen Tätigkeitsfeld aufgenommen. In einem kurzen Steckbrief werden die Frauen und was sie von ihrem Leben halten, vorgestellt. Mit einer 24-Stunden-Zeittorte wird der durchschnittliche Alltag jeder Frau dargestellt, wofür, so Holpfer, „einiges an Recherchearbeit notwendig war“. „Dabei ist uns aufgefallen, dass die Tätigkeiten bei den meisten Frauen häufig wechseln, dass sie oft mehrere Arbeiten gleichzeitig machen und dass fast alle sagen, dass sie zu wenig Zeit für sich selber haben“, sagt Holpfer. „Wir sind manchen Frauen durch unser Projekt sehr nahe gekommen und sie haben sich durchwegs gefreut, dass ihr Leben auf diese Weise dokumentiert wird“, erzählt Etl.
Frauenleben. Auf den Schautafeln ist das Leben einer Biobäuerin ebenso festgehalten wie das einer Juristin mit einem behinderten Kind, einer Migrantin aus Georgien, einer Romafrau, der Betreiberin eines Fahrradverleihs oder eines kleinen Imbissladens mit Poststelle oder das der burgenländischen ÖGB-Frauenvorsitzenden, die als Supermarktkassierin arbeitet. „Ich arbeite gerne mit Frauen zusammen, dort hole ich mir meine Kraft“, sagt diese. „Mein Leben ist sehr aufregend und arbeitsreich“, meint eine andere, die neben Landwirtschaft und sieben Kindern noch ein eigenes Grabaushub-Unternehmen betreibt. „Viel Arbeit, aber wenn frau das gerne macht, ist es halb so schwer“, fasst eine andere ihr Leben in wenige Worte. Die Ausstellung wurde bereits bei einer Frauen-Zukunftskonferenz gezeigt und soll auch weiterhin anstößige Einblicke in Frauenleben und - arbeit geben.
Zur Sache
Kraft und Wissen für Veränderungen
Vor kurzem haben 15 Teilnehmerinnen aus sechs Bundesländern den Lehrgang „Geld und Leben. Wirtschaftskompetenz entwickeln“ der Katholischen Sozialakademie abgeschlossen. Die Frauenakademie startet im Herbst mit ihrem vierten zweijährigen Lehrgang.
Mit der Frauenakademie bietet die KSÖ einen Ort der Auseinandersetzung mit gesellschaft-lichen und wirtschaftlichen Fragen und Visionen von einer lebenswerten Welt. Die teilnehmenden Frauen bekommen dabei einen guten Einblick in wirtschaftliche Zusammenhänge und Theorien, in Wirtschaftsethik und alternative bzw. feministische Ansätze. Zudem gibt es eine Reihe von persönlichkeitsstärkenden Modulen. Sie sollen befähigt werden, in ihrem persönlichen, wirtschaftlichen und politischen Umfeld Veränderungen in Gang zu bringen.
„Ich habe den Lehrgang gemacht, weil ich persönlich mehr über das Thema Wirtschaft wissen wollte“, sagt Renate Holpfer. „Und ich wurde darin bestärkt, dass wir Frauen uns in diese Männerwelt stärker einbringen müssen, wenn wir wollen, dass unsere Arbeit mehr anerkannt wird und andere Spielregeln gelten sollen.“ Maria Etl wollte als neue KAB-Bundessekretärin ihre Wirtschaftskompetenz und „meine Persönlichkeitskompetenz, für Dinge entschieden einzutreten,“ stärken. „Beides hat der Lehrgang gebracht.“