Er glaubte, dass Lüge und Gewalt nicht das letzte Wort haben, sondern das Böse durch das Gute überwunden werden kann. Am 6. Juni wird der polnische „Arbeiterpriester“ Jerzy Popieluszko seliggesprochen.
„Obwohl mir solche Feierlichkeiten eigentlich nicht liegen, würde ich gerne am 6. Juni auf dem Pilsudski-Platz in Warschau stehen“, sagt der Innsbrucker Theologe Jozef Niewiadomski. Da wird sein wenig älterer Landsmann Jerzy Popieluszko seliggesprochen.
Ein Gnadenwunder. Bei dieser Seligsprechung, so Niewiadomski, gehe es nicht um kirchliche „Heldenverehrung“, obgleich Popieluszko für viele Polen auch heute ein großes Vorbild sei. „Für mich aber ist dieser Mann nicht jemand, der sich durch übermenschliche Anstrengung, durch besondere Disziplin oder knallharte Arbeit den ,Himmel erobert‘ hat. Das Außergewöhnliche an Popieluszko ist, dass an ihm Gottes Handeln durch Menschen sichtbar wird. Das ist so etwas wie ein ,Gnadenwunder‘, dass dieser bis dahin eher unscheinbare, zurückhaltende, politisch völlig unauffällige Mann durch die Situation, in die er eher zufällig gestellt wird, mit der Aufgabe zu wachsen beginnt. Es war die Zeit des großen Streiks 1980. Da baten die Arbeiter der ,Hütte Warschau’ den Pfarrer von St. Stanislaus um eine Messe auf dem besetzten Werksgelände. Weil sonst niemand Zeit hatte, ging Popieluszko hin, feierte die Messe – und blieb. Er, der scheinbar Schüchterne, ging auf die Menschen zu, interessierte sich für ihre Anliegen, für ihre Sorgen und Ängste. Und er tat in dieser Zeit des Streiks wie ganz selbstverständlich das, was ein moderner Seelsorger tun soll: Er spendete die Sakramente und sprach den Menschen Mut und Hoffnung zu. Durch seine Zuwendung, durch sein Dasein, durch seine Mitsorge um die Familien draußen gab er in dieser von Lüge und Gewalt zerstörten Gesellschaft den Arbeitern ihre Würde wieder“, betont Niewiadomski.
Zeichen der Zeit. Bald nach der Verhängung des Kriegsrechtes begann Popieluszko in der Stanislauskirche regelmäßig „Gottesdienste für das Vaterland“ zu halten. „Auch da zeigte sich, so Niewiadomski, „wie dieser tief in der polnischen Frömmigkeit verwurzelte Mann die Zeichen der Zeit erkannte und die Herausforderung annahm. So etwa dichtete er beim ersten Gottesdienst einfach die Lauretanische Litanei weiter – Du Mutter aller Internierten. Du Mutter derer, die ihren Beruf nicht mehr ausüben dürfen … Die Leute waren gerührt und begeistert“. Und noch etwas findet Niewiadomski – gerade im polnischen Umfeld – für besonders bemerkenswert: „Zu diesen Gottesdiensten kamen auch immer mehr Oppositionelle, die der Kirche fernstanden. Popieluszko ist auf sie zugegangen, er hat sie eingeladen, etwas beizutragen, etwa eine damals berühmte Schauspielerin einen Text zu lesen, aber er hat sie nie anmissioniert. Viele haben gerade deshalb zur Kirche gefunden. Die Autonomie und Würde des Menschen war ihm auch da heilig. Er ist nie mit den Schuhen in die Seele der Menschen getreten.“
Keine Angst. „Zentrales Anliegen Popieluszkos war es, den Menschen Hoffnung zuzusprechen und ihnen die Angst zu nehmen. Seine heftige Kritik richtete sich gegen das Unrechtssystem, aber nie gegen Menschen. Er lebte zutiefst aus dem Wort des Römerbriefes ,Überwinde das Böse durch das Gute‘“, sagt Niewiadomski. Am letzten Tag seines Lebens sagte er zu den Arbeitern in Bromberg: „Beten wir dafür, dass wir frei sind von Angst, von Einschüchterung, vor allem aber von Rachegefühlen und Gewalt.“ Bei der Heimfahrt wurde er von Geheimpolizisten ermordet.
Zur Person
Jerzy Popieluszko
In vier Jahren wurde er zum „Helden“Jerzy Popieluszko wird am 14. September 1947 als Sohn einer ostpolnischen Bauernfamilie geboren. Nach seiner Matura 1965 tritt er in Warschau ins Priesterseminar ein. Nach mehreren Kaplanstellen wird er Krankenhausseelsorger in Warschau und Mitbewohner im Pfarrhaus von St. Stanislaus.
1980 brechen landesweit Streiks aus – die Geburtsstunde der Solidarnosc. Die Arbeiter der „Hütte Warschau“ bitten um einen Priester, der mit den Streikenden Gottesdienst feiert. Popieluszko geht hin. Und er wird zum Begleiter der Arbeiter – auch im Gefängnis und während der Prozesse. Er kümmert sich um die Familien der Verurteilten. Am 3. Mai 1982 feiert er am Abend der großen Demonstration gegen die Verhängung des Kriegsrechts in St. Stanislaus den ersten „Gottesdienst für das Vaterland“. Diese Gottesdienste werden immer mehr zu einem Treffpunkt der Opposition gegen das Regime.
1983 führt er gemeinsam mit der Mutter eines von der Polizei zu Tode geprügelten Maturanten einen Trauerzug von Zehntausenden Leuten quer durch Warschau. Mehr als ein Dutzend Verhöre folgen. Schließlich inszeniert die Polizei eine Hausdurchsuchung und „findet“ Waffen, Propagandamaterial, Tränengas. Niemand in Polen glaubt das. Popieluszko wird im ganzen Land zum „Helden“. Am 19. Oktober 1984 wird er von der Geheimpolizei entführt, niedergeprügelt und in der Weichsel ertränkt.