Ein gutes Vehikel, um das „neue Südafrika“ zu zeigen
Fußball-WM: Ab 11. Juni schaut die Welt einen Monat lang nach Südafrika
Ausgabe: 2010/23, Fußball-WM, Walter Schicho, Südafrika-Schwemme, Walter Sauer, Fair play, Kenako, Makarapa, Jugend Eine Welt, Don-Bosco-Schule, Reformen, Kirchen, Versöhnung, Nelson Mandela
11.06.2010
- Hans Baumgartner
In den vergangenen Tagen setzte eine regelrechte mediale Südafrika-Schwemme ein. „Das ist vielleicht die beste ,Nebenwirkung‘ der Fußball-Weltmeisterschaft, dass dieses Land und dieser Kontinent stärker in den Blick der Weltöffentlichkeit rückt“, meint der Südafrikaexperte Walter Sauer.
Am Freitag, 11. Juni, um 16 Uhr ist es soweit: Mit dem Spiel Südafrika gegen Mexiko wird die 19. Fußball-WM eröffnet. Erstmals wird eine WM-Endrunde auf dem afrikanischen Kontinent gespielt, wo Fußball das Spiel der Spiele, vor allem unter den Armen, ist. Die Begeisterung sei (noch) groß, „auch wenn sich die Armen keine Eintrittskarten für die Spiele in den kühnen neuen Stadien leisten können, auch wenn zusätzliche Polizeimaßnahmen den Druck auf die Townships (Elendsviertel) weiter erhöhen werden und viele Tourismusregionen vom WM-Rummel nichts haben werden“, sagt Walter Schicho vom Afrika-Institut der Uni Wien.
Gemischt. Sein Kollege Walter Sauer sieht den Fußballevent eher „gemischt“: „Auch wenn der unmittelbare wirtschaftliche Nutzen bescheiden sein wird, es sind doch eine Reihe von Infrastrukturinvestitionen, die längst notwendig waren, jetzt gemacht worden: der Ausbau von Straßen, von öffentlichen Buslinien und Bahnen, von Flughäfen. Das hat gerade während der Wirtschaftskrise für wichtige Bauimpulse gesorgt.“ Enttäuscht ist Sauer von der FIFA (Weltfußballverband), die durch ihre massive Bevorzugung von Luxus und Größe dazu beigetragen hat, dass die lokale Tourismuswirtschaft an den Rand gedrängt wurde und die WM nur wenig zur Begegnung der Menschen beitragen werde.
Aufstieg. „Dennoch wenn alles klappt und es zu keinen gröberen Zwischenfällen kommt, könnte diese WM doch ein ganz gutes Vehikel sein, um der Welt das ,neue Südafrika‘ zu zeigen“, hofft Sauer. Und dieses Land sei – bei allen Problemen und politischen Fehlern – durchaus ein Erfolgsmodell, meint Sauer. „Wer hätte vor 20 Jahren zu glauben gewagt, dass der Umbau vom rassistischen Apartheidsregime, in dem alle Macht bei den Weißen lag, zu einem demokratischen Land, wo alle Bürger/innen gleichberechtigt sind, unblutig vor sich geht“, fragt Sauer. „Viele haben einen politischen und wirtschaftlichen Niedergang befürchtet, wenn die ,Schwarzen‘ das Sagen haben. Heute gehört Südafrika neben Brasilien, Indien und China zu den wichtigsten Schwellenländern, die in der Weltwirtschaft zunehmend an Bedeutung gewinnen.“ Südafrika sei zu einem Art Leader in der afrikanischen Welt geworden, sagt auch Walter Schicho. „Das Land ist der größte Investor in der Südhälfte Afrikas, noch vor China und Indien. Und es hat – trotz zahlreicher Probleme und unerledigter Reformen – dank vieler gut ausgebildeter Leute und dank seiner Finanz- und Rohstoffressourcen viel Potential.“
Zukunft. Skeptisch ist Schicho, ob nach Nelson Mandela (Präsident von 1994 bis 1999), dessen charismatische Persönlichkeit vieles in Gang gebracht und ermöglicht habe, das Potential des Landes bei dessen Nachfolgern Thabo Mbeki (1999 bis 2008) und Jacob Zuma in guten Händen war und ist. „Diese ,Typen‘ haben nicht das Format und die Integrität ihres Vorgängers. Aber“, so hofft Schicho, „vielleicht gehen in Südafrika die Uhren doch anders. Denn hier gibt es eine unglaublich starke und dicht organisierte Zivilgesellschaft.“
- Fortsetzung: Reformen – Kirchen – Versöhnung
Zur Sache
Afrika zum Anfassen und Begreifen
Mit dem Anpfiff der Fußball-WM am 11. Juni startet auch das Programm der Initiative „Ke Nako Afrika – Afrika jetzt!“ Sie vereint unter der Federführung der Österreichischen Entwicklungsagentur ADA eine Fülle von Bildungs- und Kulturaktionen, die österreichweit stattfinden. Sie reichen von Schulprojekten und entwicklungspolitischen Diskussionen bis zu Film-, Musik- und Medienprogrammen.
Infos: www.kenako.at
Das Don-Bosco-Entwicklungswerk „Jugend Eine Welt“, das mehrere Fußballschulen in Südafrika unterstützt, bietet rund um die WM eine Reihe von Materialien und Möglichkeiten, sich mit Afrika und Fußball kreativ auseinanderzusetzen. Das Highlight ist der „FairPlay World Event“ am 23. Juni im Linzer Stadion, zu dem Schulklassen aus ganz Österreich eingeladen sind. Anreisen dazu kann man mit den ÖBB gratis – und die Eintrittskarten (T-Shirts) kosten, was jede/r zahlen kann.
- www.fairplayworld.com
Südafrikas Fußballfans sind bekannt für ihre Vuvuzelas (Trompeten) und ihre schrillen „Helme“(Makarapas). „Jugend Eine Welt“ lädt zu einem Wettbewerb für die Gestaltung des kreativsten Fanhelms (Grundmaterial ist ein Bauhelm) ein.
- www.makarapa.at
Weiters gibt es bei „Jugend Eine Welt“ ein interaktives Abenteuerspiel (im Internet oder auf DVD), drei interessante ORF-Reportagen auf DVD, jede Menge Informationen zu Fußballschulen und über Aidsprojekte sowie faire Bälle zum Kaufen. Wer für sein Pfarr-, Straßen- oder Kinderfest eine besondere Attraktion sucht: Bei Jugend Eine Welt kann man einen Riesenwuzzler mieten. Außerdem gibt es die Möglichkeit, Designermode im Afrikalook zu ersteigern.