Das Kino hat sich seit jeher am liebsten mit sich selbst beschäftigt. Die Thematisierung des Schauens scheint dem Medium in den Schoß gelegt. Die Auswirkungen, die die audiovisuellen, aber auch die neuen Medien auf die zwischenmenschlichen Beziehungen haben, reflektiert der in Uruguay arbeitende argentinische Regisseur Adrían Bíniez in seinem Spielfilmdebüt Gigante auf sympathisch entspannte Weise in Form einer ungewöhnlichen Liebeskomödie. Jara, ein übergewichtiger 35-jähriger Wachmann, ist in einem großen Supermarkt angestellt. Dort sitzt er vor Monitoren, die die Bilder der Überwachungskameras des gesamten Gebäudes übermitteln. Jaras Berufs- und Alltagsleben ist ein einziger Routineakt. Bíniez skizziert in den ersten 20 Minuten des Films die Ereignislosigkeit dieser Existenz in klar komponierten kalten Bildern, in denen das Blau der Nacht und das Schwarzweiß der Monitorbilder dominieren. Man sieht Jara Kreuzworträtsel lösen, Fastfood in Unmengen verschlingen. Man sieht aber auch, wie er Putzfrauen, die während des Dienstes Lebensmittel stehlen, ungeschoren davonkommen lässt und wie er sich über infantile Mitarbeiter amüsiert.
Abgekapselt. Das Privatleben des korpulenten schüchternen Wachmannes verläuft ebenfalls in klar strukturierten ritualisierten Bahnen: Der Konsum von Heavymetal-Musik, während er mit Hanteln trainiert, der Fernsehalltag, der Türsteher-Job in einer Diskothek als Zusatzverdienst. Mit stoischer Haltung hat sich Jara mit seinem Schicksal abgefunden und einen Schutzschild zwischen sich und der Welt geschaffen. Die Kopfhörer ermöglichen die akustische Abkapselung, der dunkle Monitorraum gibt ihm das Gefühl der totalen Kontrolle. Doch eines Nachts gerät Julia, eine neue Putzfrau, in sein Blickfeld. Zum ersten Mal berührt den klobigen Mann etwas, das er beobachtet. Fasziniert von der Schönheit Julias, lässt Jara die Frau nicht mehr aus dem Auge. Er folgt ihr auch nach dem Dienstschluss, wenn sie in einen Chatroom, ins Kino oder an den Strand geht. Zum ersten Mal scheint er überhaupt ein Außen und damit auch sich selbst wahrzunehmen. In einer Sequenz verdichtet sich dieser Perspektivenwechsel auf prägnante Weise, als Jara wieder einmal Julia verfolgt und plötzlich in einem Schaufenster eines Elektrofachgeschäftes in unzähligen Bildschirmen sich selbst als aufgenommenes Bild erblickt.
Zwischen Komödie und Tragödie. „Gigante“ hält trotz der Ernsthaftigkeit des Plots wunderbar die Balance zwischen Komödie und Tragödie, was auch mit dem großartigen wortkargen Hauptdarsteller Horacio Camandulle zusammenhängt, der die Gegensätze, die den Wachmann ausmachen, hervorragend verkörpert. Situiert ist der Film übrigens in Montevideo. Könnte es für dieses subtile Porträt eines Voyeurs, der am Ende über seinen Schatten springt, einen idealeren Ort geben als eine Stadt mit diesem Namen?
- Ab 18. Juni im Moviemento.Am selben Tag ist auch der offizielle Kinostart von „Muezzin“ von Sebastian Brameshuber, in dem der österreichische Regisseur einen türkischen Gebetsruf-Wettbewerb verfolgt. Die KirchenZeitung berichtete über den Film schon im April 2009 anlässlich der Eröffnung des Filmfestivals „Crossing Europe”.