In einem rasanten WM-Eröffnungsspiel trennten sich Südafrika und Mexiko 1:1 unentschieden. Je nach Sichtweise ist damit das Glas halb voll oder halb leer. Das, so meint der Afrikaexperte Walter Sauer, gilt auch für die Sicht auf das Land selbst.
Das „Kap der Guten Hoffnung“ nannten die Seefahrer die gefährlichen Felsriffe an der Südspitze Afrikas. „Kap ohne Hoffnung“ überschreibt das kirchliche Hilfswerk „missio“ einen Bericht über Südafrika. 50 Morde täglich; vor allem in den Armenvierteln tobt der Krieg der Banden. 40 Prozent Arbeitslosigkeit; 40 Prozent der Jugendlichen leben unterhalb der Armutsgrenze; zehn Prozent der Bevölkerung müssen mit weniger als einem halben Euro pro Tag auskommen. Sechs Millionen Menschen sind mit dem HIV/Aids-Virus infiziert; die Zahl der Aidswaisen steigt ständig. Die Rassentrennung ist zwar seit 1991 abgeschafft, aber noch immer teile eine Mauer in den Köpfen und in der Realität das Land, sagt der ehemalige Erzbischof Desmond Tutu.
Blinder Fleck. „Es wäre falsch, wann man, wie das teilweise die Regierung tut, die vielen Probleme leugnen würde“, betont der Südafrikaexperte Walter Sauer. „Aber man sollte auch nicht übersehen, was seit der ersten demokratischen Wahl im Jahr 1994 auf den Weg gebracht wurde.“ So etwa gehe es immerhin einem Drittel der Bevölkerung spürbar besser als vor 20 Jahren. Es sei so etwas wie ein „schwarzer Mittelstand“ im Entstehen. „Andererseits aber lebt immer noch gut die Hälfte der Bevölkerung in Armut“, bedauert Sauer. Deshalb findet er es auch sehr enttäuschend, dass in der österreichischen Entwicklungspolitik Südafrika praktisch ein blinder Fleck sei. „Es gibt hier so viele wirklich engagierte zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich, oft mit Beteiligung der Kirchen, für Gesundheitsprojekte, für Aids-Vorbeugung, für Jugendprogramme in den Townships, für Frauenförderung, für Menschenrechte und Demokratie einsetzen, dass sie jede Unterstützung verdienen würden.“
Richtungsentscheidung. In der Ära von Nelson Mandela (1994 bis 1999) seien viele grundlegende Reformen begonnen worden, „die dann aber häufig nicht mit dem nötigen Druck weitergeführt wurden“, meint Sauer. Er nennt als Beispiele die Neuordnung des Bildungswesens, die Landreform, die Verbesserung der Infrastruktur in den Armenvierteln und verschiedene Gesundheits- und Sozialprogramme. Einen Grund dafür sieht Sauer in der Sparpolitik, die Mandelas Stellvertreter und spätere Präsident Tabo Mbeki bereits 1996 begonnen hat. „Das freute zwar die internationalen Finanzinstitutionen und sorgte dafür, dass Südafrika trotz der weltweiten Wirtschaftskrise heute relativ gering verschuldet ist, es führte aber andererseits zu einer Verlangsamung oder gar zum Stillstand der Programme für die Mehrheit der Armen. Dadurch“, so Sauer, „wuchs die Unzufriedenheit so stark, dass Mbeki bei den letzten Präsidentenwahlen von der eigenen Partei nicht mehr aufgestellt wurde.“ Südafrika stehe heute vor einer politischen Richtungsentscheidung. „Entweder man geht stärker in Richtung Umverteilung oder man führt die konservative Finanzpolitik weiter. Entweder man beschleunigt das Tempo bei der Armutsbekämpfung, bei der Schaffung von Arbeits- und Ausbildungsplätzen, bei der Landreform, oder aber es geht der Deckel hoch und es kommt zu massiven Unruhen“, befürchtet Sauer.
Zur Sache
Eine starke Stimme für neues Südafrika
Neben Nelson Mandela war der anglikanische Erzbischof von Kapstadt, Desmond Tutu, einer der wichtigsten Architekten des neuen Südafrika. Von ihm soll der Begriff „Regenbogen-Nation“ stammen, der das friedliche Miteinander unterschiedlicher Völker und Rassen symbolisiert. Seit Mitte der 70er Jahre gehörte er zu den profiliertesten Kritikern der Apartheidspolitik. 1984 erhielt er den Friedensnobelpreis. Nach der südafrikanischen „Wende“ 1994 leitete er die sogenannte Versöhnungskommission. Sie leistete einen wesentlichen Beitrag, dass die vergangenen Verbrechen öffentlich benannt wurden, dass Täter, Schwarze wie Weiße, ihre Schuld einbekannten und Opfer eine Stimme bekamen. „Da wurden täglich im Radio und einmal wöchentlich im Fernsehen Berichte aus der Wahrheitskommission gesendet“, erinnert sich der Afrikaexperte Walter Sauer. „Das hat wirklich viel zur Aufklärung und Versöhnungsarbeit beigetragen.“
Tutu war so etwas wie die Speerspitze, aber es habe damals viele Kirchenleute gegeben, die gegen die Rassentrennungspolitik und die soziale Ungerechtigkeit im Land eingetreten seien. „Die Kirchen haben das damals auch stellvertretend für die verbotenen politischen Parteien und Gewerkschaften gemacht. Seit dem Wandel haben sich die Kirchen von der Tagespolitik wieder deutlich zurückgezogen. Sie sind aber nach wie vor in der südafrikanischen Gesellschaft ein ganz wichtiger Player“, betont Sauer. Er verweist auf das breite Engagement kirchlicher Einrichtungen in der Bildungs- und Sozialarbeit für die Armen, bei der Versorgung von Aids-Kranken, aber auch als starke Stimme in ethischen und sozialen Fragen. Bei der Landreform haben kirchliche Einrichtungen wie die Mariannhiller-Mission großzügig Grund für kleine Bauern abgetreten. „Hut ab“, meint dazu Sauer.