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Kinder begegnen in ihrer Welt vor allem Frauen: Müttern, Kindergartenpädagoginnen, Lehrerinnen. Warum Kinder auch Männer in der Bildung und Erziehung brauchen, erklärte Prof. Dr. Holger Brandes bei einer Tagung in Innsbruck.
Das Väterbild in unserer Gesellschaft hat sich in den letzten 20 Jahren grundlegend gewandelt: Von Familienernährer, Autoritätsinstanz und Förderer der älteren Kinder zum engagierten, spielenden Vater auch mit dem Kleinkind. Die bessere Vater-Kind-Beziehung ist aus eigenen Kindheitserfahrungen und von höher gebildeten Schichten aus entstanden, das zeigen die Studien von Prof. Paul Zulehner zur österreichischen Männerforschung aus den Jahren 1993 und 2009. Eine große Rolle spielt der „Tandem-Effekt“: Weil sich verändert hat, wie Mütter in der Erziehung handeln, hat sich auch die Beteiligung der Väter geändert.
Babys brauchen Väter. Bis in die 1980-er Jahre glaubte man, dass der Einfluss der Väter im Säuglingsalter nicht wichtig sei, weil die Babys von Natur aus auf die Mutter bezogen seien. Heute weiß man, dass Fürsorge und Betreuung von beiden Elternteilen erlernbar ist. Mit Babysprache und der entsprechenden Mimik stellen sich beide auf das Entwicklungsstadium der Kinder ein. Engagieren sich Väter schon in den ersten Monaten, erfährt der Säugling neben der mütterlichen Anregung zum Schauen noch eine Anregung zum Spüren und Fühlen. Wenn etwa der Vater das Baby hochwirft und wieder fängt: Das Hochwerfen fördert die grobmotorische Abstimmung, das Aufgefangenwerden vermittelt Sicherheit. Für das Lernen, wie man Bindungen eingeht, ist der Einfluss der Väter Studien zufolge eher unwesentlich, da spielt die Feinfühligkeit der Mutter eine große Rolle. Väter sollten in der Erziehung nicht „bessere Mütter“ sein, sondern genauso ihre Männlichkeit leben.
Herausforderer. Wenn sich Väter in der frühen Kindheit engagieren, hat das positiven Einfluss auf mehreren Ebenen: wie Kinder die Welt erforschen, sich ausdrücken, wie sie ihr Verhalten kontrollieren, sich an neue Situationen anpassen können und wie selbstständig sie sind. Väter nehmen weniger Rücksicht auf das Sprachniveau ihrer Kinder, was für diese An- und Aufforderung ist, sich sprachlich weiterzuentwickeln. In Langzeitstudien über 20 Jahre wurde gezeigt, dass diese Kinder als 14-Jährige ihren Altersgenossen an sozialen Kompetenzen überlegen waren und sich stärker auf andere einlassen konnten. Es war auch eine höhere geistige Fähigkeit feststellbar. Bei Problemlösungen spielten diese Kinder verschiedene Möglichkeiten durch, entdeckten und entwickelten selbstständig Neues, da Väter in Kindern die „Entdecker-Seite“ fördern. Grundsätzlich sind Kinder gern mit ihrem Vater oder männlichem Erzieher aktiv. Sie sind für Kinder Vermittler in Bereichen, die ohne ihre sorgsame Umsicht für das Kind gefährlich wären, etwa wenn sie auf Bäume klettern.
Kindergarten und Schule. Buben leiden oft darunter, dass sie im Kindergarten und in der Volksschule meist nur Frauen erleben. Männer und Frauen reagieren unterschiedlich auf kindliche Verhaltensweisen und Bedürfnisse, die „typisch“ sind für Buben oder Mädchen. Wenn Buben rangeln, empfinden das Erzieherinnen schnell als Streit, ihre Kollegen sehen darin eher ein spielerisches Kräftemessen. „Mädchen und Jungen haben ein Recht auf die Präsenz von Männern in Bildung und Erziehung und entwickeln ihre Geschlechtsidentität an beiden Geschlechtern“, sagt Holger Brandes. „Die günstigste Zusammensetzung für die soziale Entwicklung des Kindes ist nicht nur in Familien diejenige, bei der die Erziehungsfunktion des Vater sich von der der Mutter unterscheidet, sondern bei der sich auch in Erziehungseinrichtungen Frauen wie Männer zum Wohl der Kinder ergänzen.“
- Die Tagung wurde von der Universität Innsbruck veranstaltet. Im Rahmen des Projekt elementar wird zum Thema geforscht. Mehr darüber im Internet: http://www.uibk.ac.at/ezwi/elementar