In der Reihe „Literatur“ präsentiert Maria Fellinger-Hauer vier Neuerscheinungen für den ganz unterschiedlichen Lesegeschmack.
Moses Mandelbaum ist Versicherungsmakler mit Nebentätigkeiten. Sein Leben ist ohne besonderen Reiz, bis er in seinem Stammcafé einem Mann begegnet, der nicht von dieser Welt ist. Dieser verspricht ihm einen besonderen Auftrag. So beginnt eine Reise zwischen Traum und Wirklichkeit, die Moses Mandelbaum in das heutige Israel zwischen die Fronten von Israelis und Palästinensern führt. Der Protagonist schlüpft in die Rolle des biblischen Moses. Und wie bereits im Alten Testament spricht Gott aus dem brennenden Dornbusch auch zu ihm. Das von ihm geforderte Eingreifen in die Weltgeschichte bleibt letztlich ohne Erfolg. Auch er kann die Vision vom Frieden nicht herstellen. Dass die Mauer niedergerissen wird, bleibt letztlich Utopie. Die Erzählung spielt sich auf den Ebenen Traum, Fantasie, Erinnerung und Wirklichkeit ab. Das erfordert eine gewisse Konzentration beim Lesen. Doch Hans Augustin erzählt die Geschichte nicht nur ernst, sondern auch mit Witz und Ironie. Eine ziemlich unterhaltsame Auseinandersetzung mit der religiösen Botschaft also.
Hans Augustin, Der im brennenden DornbuschSkarabäus Verl., Innsbruck 2009, 236 Seiten.
- Die 1971 in Salzburg geborene und in Berlin lebende Katrin Röggla bleibt auch in diesem Erzählband bei ihrem Thema, dem Alltag des modernen Menschen. Diesmal sind es die wirklichen und drohenden Katastrophen, von denen die Medien täglich berichten – dasLeben als Worst-Case-Szenario sozusagen: Finanzkrise, Klimakatastrophe, Viren, Bakterien, Entführungsfälle. Experten, Schaulustige und Beteiligte stieren auf die Katastrophe und fragen sich: „Sind wir die Helden in einem Katastrophenfilm?“ Röggla spielt diese Katastrophen-Szenen sprachlich durch. Eine sich in ständiger Alarmbereitschaft befindliche Ich-Erzählerin reflektiert und berichtet über sich selbst inmitten der Szenarien. Sie verwendet dabei die Worthülsen der Panikmacher ebenso wie die der Beschwichtiger. Und sie tut das durchgehend in der dritten Person und im Konjunktiv. Das erzeugt eine Atemlosigkeit und eine Wucht, die geeignet ist, den Weltuntergangswahnsinn als das zu entlarven, was er auch ist: mediale Hysterieproduktion.
Kathrin Röggla, die alarmbereiten, S. Fischer, Frankfurt a. M. 2010, 188 Seiten.
- Ilse Helbich, geboren 1923 in Wien, erzählt in ihrem autobiografisch gefärbten Buch die Geschichte einer Frau aus der Großstadt, die sich mit über 60 und entgegen alle so genannte Vernunft einen Herzenswunsch erfüllt und ein altes, halb verfallenes Haus im Kamptal kauft. Mit Hilfe vieler Helfer, von einheimischen Professionisten bis zu den Enkelkindern, wird es liebevoll renoviert und so findet sie auf ihre alten Tage einen Neubeginn und endlich eine Heimat. Früher, so die Erzählerin, sei sie nirgendwo zu Hause gewesen.Die Geschichte der Aneigung dieses Hauses ist aber vor allem eine Metapher für die Besinnung auf die alten Werte von Beständigkeit, Innerlichkeit, Zufriedenheit und Gelassenheit. Es geht um das Aufspüren der eigenen Bestimmung. Ein berührendes Buch.
Ilse Helbich, Das Haus Droschl, Graz und Wien 2009, 144 Seiten.
- Ein Hinweis sei auch noch auf Paulus Hochgatterers vielgelobten neuen Roman „Das Matratzenhaus“ angebracht. Vorsicht. Die Lektüre des zwischen Krimi und Roman angesiedelten Buches verlangt viel Konzentration, um bei den aus vier Perspektiven erzählten verwobenen Geschichten nicht den Faden zu verlieren. Ein Kommissar und ein Psychologe, eine Jugendliche, die sich ständig selbst Schnitte zufügt. Missbrauch ist im Spiel, und das Schweigen darüber. Ein Mann fällt vom Gerüst – Mord oder Unfall? Ein Selbstmord. Die Geschichte endet ohne Auflösung.
Paulus Hochgatterer, Das Matratzenhaus. Deutticke-Paul Zsolnay-Verlag 2010, Wien, 294 Seiten.