Ausgabe: 2010/26, Nabelschau, Hans Peter Hurka, Wir sind Kirche, Kirchenvolksbegehren, Initiative Kirchenvolksbegehren, Kirchenreform, Minderheitenposition, Erneuerung, Kirchenverfassung, Kirchenführer
30.06.2010
- Hans Baumgartner
505.154 Unterschriften – als dieses Ergebnis für das Kirchenvolksbegehren am Nachmittag des 26. Juni 1995 auf dem Tisch lag, war das Erstaunen groß, bei den Gegnern und bei den Betreibern. 15 Jahre später liegen die Themen immer noch auf dem Tisch.
Herr Hurka, die Plattform „Wir sind Kirche“ ist aus der Initiative Kirchenvolksbegehren entstanden. Wie ist Ihre Bilanz? Hurka: Bei unserer kürzlich in Batschuns abgehaltenen Konferenz der Kirchenreform-Bewegungen haben wir auch eine kleine Ausstellung über die vergangenen 15 Jahre gezeigt. Sie stand unter dem Titel „Ochsentour und Eselsgeduld“. Das beschreibt ganz gut die Stimmungen und die Erfahrungen.
Warum tun Sie eigentlich immer noch weiter? Seit 15 Jahren hören Sie von maßgeblichen Kirchenführern, Ihre Forderungen seien zweit- oder drittrangig, notwendig sei die Erneuerung des Glaubens.
Hurka: Ich denke, dass sich die Erneuerung des Glaubens und die Erneuerung der Strukturen der Kirche nicht voneinander trennen lassen. Ob es in der Kirche ein geschwisterliches Miteinander gibt oder nicht, ob nur eine geweihte Elite entscheidet, oder alle, die im Heiligen Geist getauft oder gefirmt sind, ob in der Kirche Menschenrechte Geltung haben und Frauen tatsächlich gleichberechtigt sind – das alles sind keine nebensächlichen Fragen. Da geht es darum, ob wir auch in unseren eigenen Reihen das Evangelium ernsthaft leben. Wenn die Kirche den Leuten glaubhaft vermitteln will, wir haben eine Botschaft, die zum Leben verhilft, dann braucht sie eine „Körpersprache“ – in ihrer Liturgie, in ihren Strukturen etc. –, die biblisch fundiert ist, verständlich und zeitgemäß. Und wenn heute fast 90 Prozent der jungen Leute mit dieser Kirche nichts mehr zu tun haben (wollen), weil sie ihr keine Lebenskompetenz zutrauen, dann muss uns das doch zu denken geben. Da geht es nicht um eine innerkirchliche Nabelschau, da geht es um den Glauben.
Wie geht es Ihnen, wenn die Plattform „Wir sind Kirche“ für manche Kirchenführer immer noch so etwas wie ein rotes Tuch ist? Hurka: Ich sehe das entspannt, denn ich erlebe, wie viele Leute uns sagen, es ist gut, dass ihr nicht aufgebt, dass ihr an den Themen dranbleibt. Ich weiß, wir haben keine Macht; was wir tun, das tun wir aus unserer persönlichen Verantwortung, weil uns diese Kirche und die Botschaft Jesu viel bedeuten. Und so sehen wir es als einen Dienst an der Kirche, wenn wir die Dinge klar benennen und die Reformanliegen immer wieder auf den Tisch legen. Denn diese Anliegen sind ja kein Minderheitenprogramm, sie finden sich in vielen Synodendokumenten der vergangenen 40 Jahre ebenso wie in den sogenannten Voten des „Dialogs für Österreich“. Und sie finden sich in letzter Zeit auch häufiger in Stellungnahmen von Bischöfen, die sich Änderungen beim Zölibat oder bei der Zulassung von Frauen zu Weiheämtern vorstellen können.
Warum rücken die Reformgruppen derzeit die Erneuerung der Kirchenverfassung so in den Mittelpunkt? Hurka: Weil wir glauben, dass gerade die autoritären Strukturen in der Kirche für viele Menschen heute ein Stein des Anstoßes sind. Wenn alle Getauften und Gefirmten Verantwortung für diese Kirche haben, dann müssen sie auch die Möglichkeit haben, mitzubestimmen und mitzugestalten. Denn vieles, was in der Kirche quasi als „göttliche Ordnung“ ausgegeben wird, ist menschliches Recht – und als solches auch verhandelbar. Wir sind überzeugt, in einer vom Heiligen Geist geführten Kirche kann und soll es auch demokratische Strukturen geben. Deshalb treten wir für eine Kirche ein, wo Mitbestimmung, Menschenrechte, Subsidiarität, Gewaltenteilung und die Anerkennung der Laien als vollwertige Kirchenglieder ihren festen Platz haben.