„Meinen Hauptpreis habe ich schon“, sagte einer der herausragendsten Wissenschaftler Österreichs, der Genetiker Josef Penninger bei einem Vortrag am 22. Juni in Ried/I.: „Dass wir etwas gefunden haben, das so vielen Menschen hilft“. – Vor vier Wochen wurde ein Medikament zugelassen, das intensive Hilfe bei Osteoporose ermöglicht. Penninger sieht seine Wissenschaft auf einem Ozean unendlicher Information sitzen. „Und sie hat noch keine Ahnung davon, was unter der Oberfläche ist.“
Zu 99,5% sind wir alle gleich
Der 1964 in Gurten geborene Genforscher Josef Penninger wird als Kandidat für den Nobelpreis gehandelt. „Ich brauche aber keinen Preis mehr“, sagte Penninger am 22. Juni bei einem Vortrag in Ried/I auf Einladung von OÖ. Volksbildungswerk, Rotary Club Ried/I und Bundesgymnasium Ried. Den größten Preis habe er schon: Ein seit kurzem zugelassenes Medikament gegen Osteoporose, das Knochenzerfall stoppt; ein Ergebnis seiner Forschung.
Nach seinem Vortrag im übervoll besetzten Rieder Sparkassen-Stadtsaal, möchten Leute persönlich mit Prof. Josef Penninger reden: Bekannte aus seiner Heimat, Begleiter während seiner Rieder Gymnasialzeit, Wissbegierige und Dankbare. Auch eine Frau wartet geduldig. Nun kann sie deponieren, dass sie eine der zehntausend Frauen ist, die an klinischen Studien teilgenommen hat zur Erprobung des von Penninger und seinem Team entwickelten Medikaments gegen Osteoporose.
„Mir geht es gut.“ „Und wie geht es Ihnen?“, fragt Penninger. Die Frau lächelt und antwortet erleichtert und dankbar: „Mir geht es gut!“ Der Professor freut sich, jemanden getroffen zu haben, der an den Tests teilgenommen hat. Denn die Entwicklung eines Medikaments ist die eine Sache, es an Menschen auszutesten, eine andere, das machen Pharma-Firmen. Nun hat der immer wieder als Kandidat für den Nobelpreis genannte Gen-Forscher und „modernste“ Wissenschafter, wie Penninger auch bezeichnet wird, einen Menschen vor sich, dem er geholfen hat. Sie strahlen einander an, Worte braucht es nicht viel.
Das schönste Virus der Welt. Vor dieser Begegnung liegt ein atemberaubendes Referat über die moderne Genforschung, über mögliche und bevorstehende medizinische Revolutionen, über Zufälle, Einsichten und über das Glück, Menschen helfen zu können. Mehrmals kommt Penninger, der von sich sagt, aus Leidenschaft zu forschen, in diesem Referat auf seinen euphorischen Zugang zur Genforschung zu sprechen: „Am Ende des Tages geht es darum, Leben zu retten.“ Er will forschen, „um den Medizinern zu helfen, Menschenleben zu retten.“ Zur Forschung kam der promovierte Mediziner allerdings ungeplant. Es hat sich halt so ergeben. Aber dann hat ihn „das schönste Virus der Welt“ infiziert: das Wissenschafts-Virus. Und mit ihm will er auch schon Kinder anstecken. Daher hat er das erste öffentliche Labor für Kinder eingerichtet. Der Forscher-Ehrgeiz prägt insgesamt sein 160 Köpfe zählendes Forscherteam im Institut für Molekulare Biotechnologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften IMBA in Wien. Es sorgt für 23 Prozent der Top-Wissenschafts-Publikationen Österreichs.
Fliegen, Mäuse, Menschen. „Die Gene definieren das gesamte Leben“, sagt Penninger. Beim Vortrag bringt er dazu dutzende Forschungs-Ergebnisse, staunend machende, unbegreifliche und gleichzeitig so sehr Hoffnung gebende! Er berichtet von den genetisch best-untersuchten Lebewesen, den Fruchtfliegen. Mit ihnen experimentieren die Genforscher in ihren Labors. 70 Prozent der Gene dieser Fliegen sind den Genen der Menschen gleich. Mit Erkenntnissen daraus forschen sie bei Mäusen weiter, Penninger bei der „Austro-Maus“. Mäuse gleichen ihren Genen nach zu 91 Prozent den Menschen. Und alle Menschen sind genetisch fast gleich, so verschieden sie auch wahrgenommen werden: 99,5 Prozent unserer Gene sind gleich. „Die 0,5 Prozent aber, die wir verschieden sind, müssen auch wichtig sein!“
Viren, Bakterien, Mensch. Menschliche Überheblichkeit könnte Penningers Fleischwolf-Bild zügeln: Würde man einen Menschen durch einen Gen-Fleischwolf drehen und so alle Gene vereinzeln, so wären nur 5 Prozent der separierten Gene menschliche, die anderen 95 stammten von Viren und Bakterien. „Wir leben in einer wunderbaren Symbiose“, sagt der Forscher. Und – diese Standortbestimmung kommt gleich darauf – „wir leben in der größten menschlichen Revolution!“ Der Körper wird zum eigenen Reparaturkasten.
Hoffnungs-Medizin
Das Gen RANKL programmiert Stammzellen zu „Knochenfresser-Zellen“. Es auszuschalten, stoppt Knochenschwund. Seit vier Wochen ist in Europa ein Penninger-Medikament zugelassen, das genau da ansetzt. Das sind gute Nachrichten für Patienten, die an Osteoporose leiden oder an Arthritis, Leukämie (klein bleibende Kinder), Asthmatiker (Cortison führt zu schwerem Knochenschwund) und Prostatakrebs. Auch andere Medikamente stehen kurz vor der Zulassung. „Was jetzt an Forschung passiert, hat vielleicht das Zeug, unsere traditionellen Vorstellungen von Religion etwas zu ändern“, sagte Penninger im Vortrag. Wir fragten nach:
Wie könnte sich da etwas ändern?Dr. Josef Penninger: Etwa die Vorstellung von der Unteilbarkeit der Seele. Wenn aus jeder Körperzelle wieder eine Stammzelle wird und in einen anderen Organismus eingepflanzt werden kann, ist das interessant. Beim Dialog von Religion und Forschung in Davos, meinte ein Teilnehmer: Wenn es einen allwissenden Gott gibt, dann muss er auch das geschaffen haben, das euch Wissenschaftler erlaubt, solche Sachen zu forschen.
Wie denken Sie über Religion? Dr. Josef Penninger: Gesellschaft braucht Religion. Und Wissenschaft auch, wo man diskutieren kann. Meine Entdeckungen werden keinen Menschen besser machen, dafür braucht es Grundregeln. Ich finde die Diskussion, dass Wissenschaft auch Religion werden kann, nicht okay. Ich halte nichts davon, die Quantenphysik heranzuziehen, um Gott zu beweisen. Keiner kann ein Experiment aufsetzen, das beweist, ob Gott existiert.