Anfang August ist große Ministrantenwallfahrt nach Rom. Natürlich mit zahlreicher weiblicher Beteiligung. Dabei war es lange Zeit undenkbar, dass junge Frauen ministrieren. Die KirchenZeitung hat die ersten Ministrantinnen, die in den Siebzigerjahren in Oberösterreich dienten, aufgespürt.
Mädchen stellen heute etwas mehr als die Hälfte der Messdiener in Oberösterreich. Es fällt auf, wenn ein Pfarrer Frauen als Ministrantinnen ablehnt. Über Jahrhunderte hinweg war es jedoch alleiniges Vorrecht der Männer (siehe auch Spalte rechts). Erst nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil dringt in den Sechziger und Siebziger Jahren ein neuer Geist in die Basisgemeinden ein. Weit abseits der Kirchenzentren und der großen Städte spielte sich in den Siebzigerjahren eine sanfte Revolution ab. Zum Beispiel im Schloss Tillysburg in der Nähe des Stiftes St. Florian, wo bereits 1974 erstmals Mädchen ministrieren dürfen. Die 11-jährige Claudia springt für ihren Bruder Gerhard ein. Als fleißige Kirchengängerin übt der Geruch des Weihrauchs eine große Anziehungskraft aus. Und: „Mir hat Spaß gemacht, dass zu tun, was eigentlich nur Burschen dürfen“, erinnert sich die heute 46-jährige Claudia Braunschmid. Allein die Schulkolleginnen wollen es nicht so recht glauben, wenn Claudia von ihrem Altardienst berichtet. „Sie dachten, ich schneid auf.“
Alter Priester als Vorreiter. Die Veränderung am Altar ist das Verdienst des schon hochbetagten Priesters Nikolaus Fiorente. Der ehemalige Donauschifffahrtskapitän und spätberufene Ordenspriester gilt als Pragmatiker. Bei seinen Messen in Tillysburg fehlen Ministranten, also ist es für den Augustiner Chorherrn nur logisch, auf Mädchen zu setzen. Diese Nische hat ihre engen Grenzen. In der großen Stiftskirche gibt es noch lange nur Ministrantenbuben. „Für mich war das aber nie ein Thema, da ich in Tillysburg aufgewachsen bin“, sagt Claudia Brunschmid. Nach wenigen Jahren stoßen Claudias Freundinnen Andrea und Elisabeth dazu. So ist der Ministrantendienst zumindest im Schloss ganz in Frauenhand. „Es hat geheißen, die Mädchen sind viel zuverlässiger“, sagt Claudia Braunschmid. „Und ich habe wirklich viel Verantwortungsbewusstsein gelernt. Das hilft mir auch heute noch“, meint die Betriebswirtin und Spitzenmanagerin bei der Voestalpine.
Abseits der Kirchenhierarchie. Auch an anderen Orten gibt es in der Siebziger Jahren nach und und nach immer mehr Ministrantinnen. Besonders stechen die Kapuziner in Ried im Innkreis hervor. Etwas abseits der Kirchenhierarchie und Pfarrstruktur tun sich die Ordensmänner leichter, neue Wege in der Liturgie zu beschreiten. Bei ihnen bekommen in den Sechzigerjahren sogenannte Engerl eine besondere Stellung im Gottesdienst. Pater Sigismund will seine Liebe zu den Kindern im Gottesdienst zeigen. „Für ihn haben alle dazugehört, egal ob Burschen oder Mädchen“, erzählt Jutta Asch-Kieslinger, die heute als Seelsorgerin im AKH Linz wirkt.
„Wir wollten an den Altar“. Dennoch: Die Engerl dürfen so wie die ersten Ministrantinnen noch nicht Dienst ganz vorne am Altar verrichten. Es soll noch bis zum Fronleichnamsfest 1976 dauern, bis die 17-jährige Jutta die Premiere als erste vollwertige Ministrantin in Ried hinlegt „,Traut’s euch eh nicht’, hat Pater Sigismund damals zu uns gesagt“, erinnert sich Jutta Asch-Kieslinger, Jahrgang 1959: „Da hat er sich dann aber angeschaut. Wir Mädchen wollten an den Altar.“ Tatsächlich war das Ministrieren für die Mädchen sehr attraktiv. „Gut 40 Kinder zwischen 7 und 16 Jahren bilden die Ministrantenschar, etwa zwei Drittel davon sind Mädchen“, berichtete etwa die Rieder Volkszeitung 1988.Manchen Burschen war die Konkurrenz ein Dorn im Auge. „Die haben schon viel gestichelt am Anfang und sich erst mit der Zeit an uns gewöhnt“, sagt Asch-Kieslinger.
Sanft Veränderungen einführen. Weil sie ihre Gläubigen nicht vor den Kopf stoßen wollten, setzten auch veränderungswillige Priester manchmal auf eine sanfte Strategie. So erinnert sich der heutige Hartkirchner Pfarrer Rudolf Wolfsberger, wie er die ersten weiblichen Ministrantinnen in Linz-Christkönig Anfang der Achtzigerjahre einführte. „Die beiden Mädchen hatten kurze Haare und waren nicht auf den ersten Blick als Frauen erkennbar. Erst nach dem Gottesdienst habe ich verkündet, dass zum ersten Mal Mädchen ministriert haben.“ Die Reaktion sei jedenfalls durchwegs positiv gewesen. Offenbar waren die Messbesucher/innen, egal ob in Linz, Ried oder in Schloss Tillysburg, sehr offen für die Veränderung. „Es hat was möglich sein können. Da war im Kirchenvolk eine Umbruchsstimmung da, eine Sehnsucht, dass sich etwas ändert“, beschreibt sich die Theologin Jutta Asch-Kieslinger:. „Ich habe es damals für möglich gehalten, dass wir bald Priesterinnen haben“, meint auch Claudia Braunschmid. Die Aufbruchsstimmung vermisst die Managerin heute in der Kirche. Sie hat als Erwachsene deshalb eine distanzierte Haltung zu katholischen Kirche entwickelt. „Man hat mittlerweile den Eindruck, überall gibt es einen Fortschritt, nur die Kirche verändert sich nicht.“
Ministrantinnen lange Zeit verboten
Ursprünglich diente der Ministrantendienst als Vorstufe zum Priester, was mit ein Grund für das Frauenverbot war. Das Zweite Vatikanische Konzil stellte jedoch fest, dass es sich beim Dienst der Ministranten um einen liturgischen Dienst handelt, der im Sinne der tätigen Teilnahme an der Messfeier allen Getauften zukommt. Es lag somit kein theologischer Grund vor, Frauen und Mädchen vom Altardienst auszuschließen. Schrittweise erlaubten die Basisgemeinden Mädchen und Frauen zu ministrieren. Dennoch sollte es noch bis 1994 dauern, bis der ganz offiziellen Sanktus aus Rom folgte.
Eine Erklärung vom 27. Juli 2001 stellt fest, dass damit erstens Männer und Knaben keinesfalls ausgeschlossen werden dürfen und zweitens kein Priester gezwungen werden kann, sich von weiblichen Ministranten helfen zu lassen (Notitiae 37/ 2001).