Hans-Christian Schmid, der sich bisher in seinen Filmen (23, Crazy, Lichter, Requiem) als sensibler Beobachter deutscher Befindlichkeiten erwies, wagt sich mit seinem aktuellen Film sowohl filmisch als auch thematisch auf neues Terrain. Dem Modell von Sidney Lumet und Norman Jewison folgend, die in den 70-er Jahren mit ihren Gerichtssaalthrillern in den USA für Furore sorgten, weil sie immer wieder brisante politische Themen publikumswirksam fokussierten, ist Schmid ein atmosphärisch dichter Film über Integrität und über die Biegsamkeit der Macht gelungen.
Die Anklägerin. Als Identifikationsfigur fungiert die Juristin Hannah Maynard (Kelly Fox), die die Anklage am Kriegsverbrechertribunal in Den Haag gegen Goran Duric, einen ehemaligen Befehlshaber der jugoslawischen Volksarmee, vertritt. Er soll für die Deportation und Ermordung bosnisch-muslimischer Zivilisten in der Republika Srpska verantwortlich sein. Als sich ein wichtiger Augenzeuge bei seiner Aussage in Widersprüche verstrickt, nimmt der Prozess eine Wende, die nicht vorherzusehen war. Kurz darauf begeht der Zeuge Selbstmord, was bei Hannah Schuldgefühle auslöst, weil sie selbst seine Aussagen für unwahr betrachtet hat. Hannah gibt den Fall jedoch nicht verloren, reist zur Beerdigung des Zeugen nach Sarajewo und trifft dort auf dessen Schwester Mira (Anamaria Marinca), die mehr über den Angeklagten zu wissen scheint, aber Angst hat, sich der Vergangenheit zu stellen und sich und ihre Familie zu gefährden, mit der sie sich in Deutschland ein neues Leben aufgebaut hat.
Als sie sich bereit erklärt, über die Verbrechen von Duric vor dem Tribunal in Den Haag auszusagen, beginnt man auf Hannah Druck auszuüben und Miras Zulassung als Zeugin zu verhindern.
Widersprüche. „Sturm“ ist ein Film auf der Höhe der Zeit: Am 30. Juli 2008, kurz vor Beginn der Dreharbeiten, wird Radovan Karadzic dem Tribunal übergeben. Doch man würde dem Film nicht gerecht werden, ihn auf tagespolitische Aktualität zu reduzieren. Die Figur der Anklägerin ist so angelegt, dass alle Widersprüche dieses Jobs offen zutage treten. Überzeugt davon, den Kriegsverbrecher überführen zu können, legt sie auch die Wunden Miras offen, die sich erst nach langem Zögern zu einer Aussage bereit erklärt. Die Möglichkeit, ihren Schänder vor Gericht bloßzustellen, würde nicht nur den Abschluss eines juristischen, sondern auch eines psychoanalytischen Prozesses bedeuten. Doch die Politik verfolgt andere Ziele. Schmids Film verliert sich glücklicherweise nicht in Rückblenden, wie sie für solche Aufarbeitungsgeschichten üblich sind. Vielmehr zeigt er die Ermittlungstätigkeit als Arbeit, die Gefühle nicht zulässt und Empathie verbietet. Die Hotellobbys und Besprechungsräume stehen in starkem Kontrast zur politischen Realität, die an diesen Unorten zu etwas Abstraktem verkommt, während die Opfer noch Jahre nach den schrecklichen Vorfällen wie Gespenster leben und dann auch noch bedroht werden, wenn sie an die Öffentlichkeit gehen. Diese permanente Bedrohung, die die beiden Frauen begleitet, wird besonders durch den eindringlichen Soundtrack, den die deutsche Band „The Notwist“ beigesteuert hat, vermittelt.