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THEMA: Kirche neu: Die Pfarrer tun es auf eigene Faust

„Wie geht’s, Herr Pfarrer?“ – Eine Studie ging dieser Frage nach
Ausgabe: 2010/27, Kirche, Pfarrer, Studie, Pfarrerstudie, Zulehner, Reformdebatte, Zölibat, Kirchenleitung
07.07.2010
- Hans Baumgartner
Das war ein Rekord. Fast 20 Prozent der Fernsehzuschauer sahen vergangene Woche das Kirchenmagazin „kreuz und quer“. Zur Debatte stand die Frage „Wie geht’s, Herr Pfarrer?“. Wir sprachen mit dem Leiter der Pfarrerstudie, Univ. Prof. Paul M. Zulehner.

Was war für Sie das überraschendste Ergebnis der umfangreichen Pfarrerstudie?
Zulehner: Zu den wirklich überraschenden und aufregenden Ergebnissen zählt, dass für eine deutliche Mehrheit der Pfarrer die Zeit der Worte, der Resolutionen, Wünsche und Reformforderungen vorbei ist. Es ist die Zeit der gelebten Reformen angebrochen. Das ist ein erster, klarer Befund.

Kann man das konkreter beschreiben?
Zulehner: Mehr als zwei Drittel der Pfarrer sagen, dass sie „einen eigenständigen Weg gefunden haben, den sie auch verantworten können“. Das betrifft ihr Leben ebenso wie die Seelsorge in ihren Pfarren. So etwa wird in den Antworten auf die beiden offenen Fragen der Studie immer wieder die Thematik des Eucharistieempfangs für wiederverheiratete Geschiedene oder für konfessionsverschiedene Ehepaare angesprochen. In dieser und in vielen anderen Fragen zeigen sich erhebliche Unterschiede zwischen der offiziellen kirchlichen Linie und der pastoralen Praxis. Nicht der Ungehorsam ist dafür der Grund, sondern die Tatsache, dass viele Pfarrer sehr nahe an ihren Leuten dran sind und dabei erfahren, dass es gar nicht so leicht ist, unter modernen Lebensbedingungen das Evangelium wirklich konsequent zu leben. In dieser Situation wollen sie den Menschen Wege zeigen, wie man wenigstens Fragmente des Evangeliums heute leben kann. Es geht nicht um ein „Christentum light“, sondern um das ernsthafte Ringen, das Evangelium unter den Bedingungen der Moderne zu leben. Die Modernitätsfrage ist im Übrigen ein zweites Schlüsselthema, das in der Umfrage hervortritt. Und da zeigt sich auch ein interessanter Unterschied: Die älteren, noch vom Konzil geprägten Pfarrer sind wesentlich offener für das moderne Leben als die jüngeren. Das gibt zu denken.

In allen Reformdebatten steht die „Zölibatsfrage“ ganz oben. Was hat die Pfarrerstudie dazu ergeben?
Zulehner: Die Zahlen sind deutlich: 79 Prozent der Pfarrer sprechen sich für die Abschaffung der Zölibatspflicht für Priester aus; gleichzeitig aber sagen nur 19 Prozent, dass sie (eventuell) heiraten würden, könnten sie dabei das Amt behalten. Es geht den Pfarrern also nicht in erster Linie um ihre eigene Lebensform, sondern um die Zukunft des Priesterberufs und der Seelsorge. Und da gibt es ein sehr interessantes Motivbündel, warum die Pfarrer sagen, dass man über diese Frage ernsthaft nachdenken muss:
Da ist zunächst die Erfahrung der Überforderung, dass für immer weniger Pfarrer immer mehr Arbeit anfällt.
Dann ist es die Sorge um die Eucharistiefähigkeit der Gemeinden, die Sorge um das Zentrum des gemeindlichen Lebens.
Ein weiteres Motiv ist: Das Priesteramt könnte durch andere Lebenserfahrungen – neben dem durchaus als wertvoll geschätzten Leben der Ehelosigkeit – angereichert werden. Es geht den Pfarrern nicht um die Abschaffung des Zölibats, sondern um die Bereicherung und Stärkung des Amtes durch zusätzliche Lebenserfahrungen: jene des Berufslebens – so etwa sagen 75 Prozent der Pfarrer, man soll gemeindeerfahrene Leute, die im Beruf stehen und verheiratet sind, ausbilden und weihen; ein Modell, das es bei den Diakonen ja schon gibt. Es geht weiters um die Erfahrung der Partnerschaft und der Familie mit Kindern. Und es geht um die reichen Erfahrungen von Frauenleben. Die Frauenweihe ist für viele keine dogmatische, sondern eine pragmatische Frage, was dem Amt und der Seelsorge guttäte.
Auch sollte man im Blick auf künftige Pfarrergenerationen sorgfältig darüber nachdenken, inwieweit diese unter den modernen Lebensbedingungen nicht ein Dach über der Seele brauchen. Und das könnte durchaus die Ehe sein.
Eine Reihe der genannten Aspekte finden sich übrigens bereits in einem Dossier, das Karl Rahner 1970 für die Deutsche Bischofskonferenz gemacht hat und das damals Joseph Ratzinger mitunterschrieben hat.

Derzeit deutet wenig auf Änderungen in der Zölibatsfrage hin. Was bedeutet das?
Zulehner: Ich halte das für dramatisch. Denn wird der Zugang zum Amt nicht ausgeweitet, dann bekommen wir über den Filter des Zölibats immer häufiger konservative, dem modernen Leben abgewandte Pfarrer. Das würde zu massiven Konflikten und zum Auszug jener Pfarrmitglieder führen, die sich in der modernen Welt bewähren müssen. Die Kirche würde dann schrumpfen – aber nicht zu einer frommen Gruppe, sondern zu einem antimodernen Milieu.Die Zölibatsfrage ist ja nicht unabhängig vom Priestermangel zu sehen. Wie erleben den die Pfarrer? Zulehner: Im Buch über die Pfarrerstudie haben wir diese Frage unter den Titel „Ausbluten der Pfarrerrolle“ gestellt. Wir haben die Pfarrer gefragt, was ihnen wichtig ist. Herausgekommen sind dabei sehr spirituelle Anliegen: eine den Menschen nahe Seelsorge, Mitarbeiter fördern, Gottesdienste feiern und Christus repräsentieren. Da ist kein Unterschied zwischen eher weltoffenen und eher konservativen Pfarrern. Dramatisch ist, dass die Pfarrer sagen, dass sie in zehn Jahren diese zentralen Anliegen nur mehr zur Hälfte so leben können, wie es notwendig wäre und sie es gerne möchten. Sie wollen nicht primär Manager von Großräumen sein, sondern in erster Linie spirituelle Lebens- und Glaubensbegleiter der Menschen. Diese zu Recht befürchtete Entwicklung höhlt den Pfarrerberuf – auch spirituell – aus, macht ihn kaputt. Und dann werden die Leute aufgerufen, für den kaputten Pfarrerberuf zu beten. Ich halte das für unverantwortlich.

Sie sprechen hier die Kirchenleitung an.
Was erwarten Sie sich denn?

Zulehner: Ich hoffe sehr, dass sich die Bischöfe die Studie genau anschauen und darauf horchen, was ihre Pfarrer fühlen und denken. Denn das gehört zu den wichtigen Aufgaben der Bischöfe, zu schauen, wie es ihren Pfarrern geht. Insofern sehe ich in dieser Studie auch nicht etwas „Ungebührliches“, wie manche kritisieren, sondern einen Dienst an der Kirche und den Bischöfen. Und noch eins: Zu den eigentlich Gefährdeten gehört die Kirchenleitung, denn sie verliert offensichtlich immer mehr die Möglichkeit und Fähigkeit, die Entwicklung, die bereits unaufhaltsam läuft, zu gestalten.





ZUR SACHE




Bei den Pfarrern nachgefragt


Im Auftrag der ORF-Religionsabteilung/Fernsehen wurden heuer 500 Pfarrseelsorger zu ihrer Lebens- und Arbeitssituation befragt. Durchgeführt wurde die repräsentative Studie unter der Leitung des Pastoraltheologen Paul M. Zulehner von der ORF-Medienforschung und von GfK.

Seelsorge. 100 Prozent der Pfarrer sagen, dass sie vor allem Seelsorger sein möchten. 75% fühlen sich aber durch den wachsenden Priestermangel stark überlastet. 79% schätzen eine pfarrübergreifende Zusammenarbeit für bestimmte Aufgaben, aber 91% halten die lokale Pfarrgemeinde für unverzichtbar. Zwei Drittel der Pfarrer sagen, dass sich die Kirche durch größere Pfarrverbände immer mehr von den Menschen entfernt.

Zölibat. 79 Prozent der Pfarrer sind dafür, dass die Kirche verheiratete Männer zu Priestern weiht. 62% befürworten, dass Priester heiraten dürfen, ohne dabei ihr Amt zu verlieren. Aber nur 13% würden selber wahrscheinlich und sechs Prozent sicher heiraten. 69% bilanzieren, dass sie mit ihrem ehelosen Leben bisher in Summe recht glücklich waren.

Frauen. 51% der Pfarrer sind dafür, Frauen zu Priesterinnen zu weihen. 65% würden Amtskolleginnen als hilfreich empfinden.

Dissens. 52 Prozent der Befragten sagen, dass sie in wichtigen Fragen anders denken als die Kirchenleitung. 74% sehen eine wachsende Kluft zwischen den Vorstellungen der Kirchenleitung und des Kirchenvolkes. 64% sagen, dass sich die Kirche der modernen Welt mehr öffnen soll, 39% sind für eine stärkere Abgrenzung, darunter auffallend viele spätberufene Priester.

- Buchtipp. Paul M. Zulehner, Wie geht’s, Herr Pfarrer? Ergebnisse der Studie. Styria, 176 S., 19,95 Euro.





Da müssten die Alarmglocken läuten


Die Ergebnisse der Pfarrerstudie sind für ihn keine große Überraschung, sagt der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Priesterräte Österreichs, Dechant Hans Bensdorp. „Wer halbwegs Kontakte zu Pfarrern hat, weiß, dass die Entwicklung in diese Richtung läuft.“

Zu der hohen Berufszufriedenheit der Pfarrer einerseits und den wachsenden Klagen über Arbeitsüberforderung andererseits sagt Bensdorp: „Die Pfarrer sehen sich vor allem als Lebens- und Glaubensbegleiter der Menschen. Und das machen sie auch gern. Wo das nicht mehr möglich ist, weil sie für mehrere Pfarren zuständig sind, dadurch immer mehr Verwaltungsaufgaben machen müssen und keine Zeit mehr für die Leute haben, weil sie ständig von einer Pfarre in die andere rasen, wachsen die Überforderung und der Frust.“

Nicht verstehen kann Bensdorp die Aussage von Kardinal Schönborn, dass die Kirche eher an einem „Leutemangel“ als an einem „Priestermangel“ leide. „Wir spüren doch an allen Ecken und Enden, dass die Pfarrer ihrer eigentlichen Berufung nicht mehr nachkommen können und dass in den Gemeinden die lebensbegleitende Stärkung im Glauben und die Feier der Eucharistie mehr und mehr ausgedünnt werden. Andererseits haben wir in den Pfarren wirklich viele tolle Mitarbeiter/innen, ohne die Seelsorge heute gar nicht mehr möglich wäre. Wenn man davon einige ausbilden und dann zu Priestern weihen würde, könnte das zu einer echten Entspannung in der derzeitigen Situation führen.“

Von den Bischöfen erwartet Bensdorp, dass sie einen echten Dialog „mit uns aufnehmen“ und unsere Anliegen auch in der Weltkirche ernsthaft vertreten. „Da müssten doch alle Alarmglocken läuten, wenn sie sehen, dass die Pfarrer aus ihrer Verantwortung als Seelsorger immer öfter Wege gehen, die von der ,offiziellen Linie‘ abweichen.“
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