Zwischen 19. Juli und 16. August machen namhafte Künstler die farbige Orgellandschaft des Ötztals beim „Orgel Plus Festival“ hörbar und erlebbar. Gertraud Auer spielt nicht bei Konzerten, ist aber seit vielen Jahren Organistin in Umhausen. Mit Leib und Seele Kirchenmusikerin, verbringt sie fast ihre gesamte Freizeit auf der Orgelempore der Umhausener Pfarrkirche. Ein Leben ohne musikalischen Dienst zur Mitgestaltung der Liturgie ist für Auer kaum vorstellbar.
Bei einem Konzert hat Gertraud Auer nur einmal mitgewirkt. „Für eine Konzerttätigkeit bräuchte ich viel mehr Zeit zum Üben. Die habe ich einfach nicht“, bedauert die fünffache Mutter und Hausfrau. Für ein Konzert müsse man besser als perfekt spielen. „Diesen Druck mag ich nicht.“ Mit der Nutzung von Kirchen als Konzertsäle kann sich die temperamentvolle 55-Jährige durchaus anfreunden. Die Kirche sei zwar Gebetshaus, in dem man sich zum Feiern der Liturgie treffe. Ab und zu ein Konzert sei aber in Ordnung, so lange nicht übertrieben werde und die dargebotene Musik passe. „Es soll sakrale Musik gespielt werden, eventuell verbunden mit dem Lesen von besinnlichen Texten oder mit einer Andacht“, sagt Auer.
Applaus unerwünscht. Beifallsbezeugungen in der Kirche lehnt Auer vehement ab. „Als Pfarrer würde ich das sofort verbieten. Ich applaudiere nie und bin sehr verärgert, wenn man mir applaudiert. Denn ich spiele für Jesus Christus.“ Die Messe dürfe in keiner Weise vermarktet werden, was leider schon vielfach geschehe. „Manche Cäcilienfeiern bewirbt man als ‚Messkonzerte‘. Oder es bleibt vor lauter Musikanten kaum Platz für den Altar“, entrüstet sich die alteingesessene Umhausenerin.
Orgelspiel ist Gebet. Gertraud Auers Hände wandern behutsam über die Tasten der neuen Umhausener Orgel in der ältesten Ötztaler Kirche mit Fresken aus dem 14. Jahrhundert. Flinke Füße huschen über das Pedal. Das Instrument von Orgelbauer Ferdinand Salomon ist im September 2009 eingeweiht worden. Die Organistin demonstriert Klangfarben von 18 Registern, vom filigranen Flötenton bis hin zum majestätischen Jubel des vollen, barock disponierten Werks. Auer war von Kindesbeinen an von der Kirchenorgel fasziniert. „Das ist mir in die Wiege gelegt worden. Ich war schon als Kind orgelverrückt“, schmunzelt die Nebenerwerbsbäuerin. Erst später habe sie verstanden, welch guten Draht „nach oben“ man durch Kirchenmusik bekomme. „Es beglückt mich. Es ist herrlich, vor jeder Sonntagsmesse das Evangelium zu lesen und einen passenden Liedplan zu erstellen. Das bringt mich näher zu Gott.“ Das musikalische Interesse der leidenschaftlichen Organistin gilt ausschließlich der Kirchenmusik, auch wenn sie gelegentlich in andere Sparten hineinhört. Orgelspiel sei für sie oft wie ein Gebet – sie habe viel zu bitten und zu danken. „Mir geht es beim Spielen im Gottesdienst immer darum, für die Gläubigen die Nähe Gottes spürbar zu machen. Das ist mir ein Herzensanliegen“, erklärt Auer. Sie sei glücklich, wenn die Gottesdienstbesucher sagen: „Das war eine schöne Messe.“
Begeisterung und Willenskraft. Auers Vater war 50 Jahre lang Organist in Umhausen. Als Kind darf sie ihm auf der Empore oft über die Schulter schauen. „Da ist in mir die Liebe zum Instrument mitgewachsen“, schmunzelt sie. Ihre eigene Karriere an der Königin der Instrumente beginnt im Alter von 13 Jahren. Der damalige Pfarrer Albert Steinringer vermittelt ersten Orgelunterricht. Später, noch als Teenagerin, fährt sie auf gut Glück mit dem Postbus nach Imst, um einen Orgellehrer zu suchen, weil es im Ötztal keinen gibt. Auer findet Johann Krabacher. Er unterrichtet sie in „zwei Wintern“. Liebe und Familie sorgen dann für eine längere Pause im musikalischen Werdegang. Auer heiratet und übernimmt auf dem Hof ihres Mannes die Pflege dreier gebrechlicher Senioren. In den folgenden 13 Jahren wird sie fünfmal Mutter. Als ihr Vater 1984 stirbt, muss Auer seine Organistendienste übernehmen. Sie habe sehr viel geübt damals, erinnert sich die Nimmermüde, die längst auch in Nachbargemeinden aushilft. „Ich bin buchstäblich ins kalte Wasser gesprungen.“ Auer bewältigt die neue Herausforderung mit eisernem Willen und Begeisterung, sucht Gelegenheiten zur musikalischen Weiterbildung. Zehn Jahre lang besucht sie die Landesmusikschule Ötztal, absolviert einen zweijährigen Chorleiterkurs bei Bernhard Sieberer in Innsbruck. Im Herbst 2011 will die Ötztalerin den Kurs für nebenberufliche KirchenmusikerInnen der Diözese Innsbruck abschließen. „Danach ist Schluss mit dem Lernen, meinem Mann zuliebe. Sonst glaubt er noch, ich hätte Noten lieber als ihn“, schmunzelt Auer. Neben der Arbeit zuhause und kirchenmusikalischem Dienst bleibt kaum Freizeit. Ein wenig Sport geht sich aus: Die Organistin liebt Radfahren, Bergwandern, Schilanglauf und Tourengehen.
Orgelfeuerwerk im Ötztal
Hannes Torggler ist Orgellehrer, Konzertorganist und Sekretär der diözesanen Orgelkommission für Nord- und Osttirol. Vor einem Jahr hat er das „Orgel Plus Festival“ im Ötztal ins Leben gerufen. „Es war mir ein Anliegen, die sehr delikate, farbige Orgellandschaft des Ötztals erlebbar zu machen“, so Torggler. Die Konzertreihe, veranstaltet und finanziert von Ötztal Tourismus, bietet heuer in vier Ötztaler Kirchen an fünf Abenden im Juli und August Musik vom Barock bis zur Moderne. Die Orgeln werden gemeinsam mit Soloinstrumenten, Ensembles und Singstimmen erklingen. Davon verspricht sich Torggler leichteren Zugang zur Orgelmusik. Besonders freut sich der Bozener auf die Vertonung des Stummfilmes „Die Zehn Gebote“ durch live dazu improvisierte Orgelmusik in der Pfarrkirche Längenfeld. Erste Aufgabe der Kirchenorgel sei natürlich die Begleitung von Gottesdiensten. Auch Kirchenkonzerte müssen im sakralen Rahmen bleiben. Das Programm sei behutsam und seriös zu gestalten. „Dann kann ein Konzert intensives Erleben von Kirche ermöglichen, vielleicht Menschen wieder in die Kirche führen, die wegen der Liturgie allein nicht mehr hinfinden“, meint Torggler. Außerdem gebe es viele Orgelwerke, die den Rahmen jeder Liturgie sprengen würden.