- Am Pichlingersee bei Linz können durchziehende Roma und Sinti Quartier beziehen. Von hier aus gehen sie ihrem Gewerbe nach. Chayenne (Mitte hinten) zum Beispiel verkauft Knöpfe. Roy (Mitte) kommt aus dem Ruhrgebiet und verdient sich sein Brot als Scherenschleifer und Musiker – und er repariert Instrumente, Schirme und vieles mehr.
Es war zwischen 4. und 8. November 1941. Fünf „Zigeunertransporte“ mit je rund 1000 Roma und Sinti aus dem Sammellager Lackenbach im Burgenland fuhren ab Richtung Lodz in Polen. 301 Roma und Sinti aus Oberösterreich waren mit dabei. Niemand kam mehr zurück.
Über 11.000 Roma und Sinti lebten vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Österreich, 8000 davon im Burgenland. Nur rund 600 überlebten die Schreckensherrschaft. Zunächst wurden sie in Arbeitslager zusammengefasst. Eines davon befand sich in Weyer bei St. Pantaleon beim Ibmer Moor. Zirka 345 „Zigeuner“ – etwa 290 aus Oberdonau, 52 aus Kärnten – wurden ab Jänner 1941 dorthin verbracht. Die Männer mussten Zwangsarbeit bei der Trockenlegung des Ibmer Moors leisten.
Die Deportation. Am 1. Oktober 1941 kam aus Berlin der Befehl zur Deportation der Zigeuner aus dem Burgenland nach Lodz (Litzmannstadt) in Polen. Am 2. November 1941 wurden 301 Zigeuner aus Weyer nach Lackenbach im Burgenland gebracht, um gleich gleich darauf nach Lodz weitertransportiert zu werden. Gauleiter Eigruber aus Linz wollte sich so eines Problemes – und der Kosten – entledigen. Als im Lager in Lodz das Fleckfieber ausbrach, entschlossen sich die deutschen Behörden, statt die Hygiene zu verbessern, zur Ermordung der Roma und Sinti. 1188 Frauen, 1130 Männer, 2689 Kinder – zusammen 5007 österreichische Roma und Sinti – wurden ermordet.
Rund die Hälfte der Roma und Sinti waren zu dieser Zeit noch in Österreich. Während „reinrassige“ Zigeuner, die man als „arisch“ betrachtete, wieder etwas Freiheit zurückerhielten, wurden die sogenannten „minderwertigen Zigeunermischlinge“ in Konzentrationslager eingewiesen.
So kam es Ende Jänner 1943 zu einer zweiten Deportationswelle, diesmal nach Auschwitz-Birkenau. 2572 österreichische Roma und Sinti waren von dieser zweiten Welle betroffen, darunter sieben aus „Oberdonau“. Allein am 25. Mai 1943 wurden 1035 von ihnen im Gas erstickt. Am 2. August 1944 wurden alle noch im Lager lebenden Roma und Sinti ebenfalls ermordet. Nach der damaligen Statistik blieben nur noch acht Zigeuner in Oberdonau zurück. Nachweislich drei von ihnen wurden zwangssterilisiert.
Buch beleuchtet „Zigeunerpolitik“.Am Montag, 12. Juli wurde der 10. Band der Reihe „Oberösterreich im Nationalsozialismus“ vorgestellt. Der Autor Florian Freund zeigt unter dem Titel „Oberösterreich und die Zigeuner“ auf, dass die beinahe vollständige Vernichtung der Zigeuner vor allem auf die radikale Zigeunerpolitik des burgenländischen Gauleiters Tobias Portschy und seines steirischen Amtskollegen Sigfried Uiberreither zurückgeht. Diese drängten in Berlin geradezu auf die Vernichtung der Zigeuner.
Florian Freund zeigt aber auch auf: Die Grundlagen für die Verfolgungspolitik wurden vor allem im 19. Jahrhundert gelegt. Schon unter Leopold I. wurden Zigeuner 1688 für„vogelfrei“ erklärt. Sie konnten ohne Prozess festgenommen und hingerichtet werden. Man wollte sie zur Sesshaftigkeit zwingen – oder abschieben. Als Zigeuner wurden damals neben den Roma und Sinti auch die „Bettler“, „Vaganten“ und „Landstreicher“ bezeichnet, ebenso die mobilen Pferdehändler. Zigeuner und Bettler sollten bestraft und in Arbeiterkolonien zusammengefasst werden. In der Zwischenkriegszeit wurden diese Vorstellungen in die Tat umgesetzt. In Schlögen wurde ein Bettlerlager errichtet, in dem auch Roma und Sinti festgehalten wurden.
Der Verein Ketani. Gitta Martl ist Gründerin des Vereins „Ketani“ in Linz. Nur drei von über 300 ihrer Verwandten mütterlicherseits überlebten die Naziherrschaft, väterlicherseits war es ähnlich. Das große Problem der Roma und Sinti: Es gibt fast nur Rumpffamilien. Dabei ist ihr Leben stark auf den familiären Zusammenhalt aufgebaut. Die nachfolgende Generation musste sich um die Betreuung der Überlebenden kümmern. Roma und Sinti waren über Jahrzehnte ein Volk im Schockzustand – und sie bekamen nicht selten zu hören: „Euch hat der Hitler vergessen.“ Zusammen mit ihrer Tochter Nicole und ihrer inzwischen verstorbenen Mutter Rosa hat Gitta Martl die Familiengeschichte im Buch „Uns hätte es nicht geben sollen“ niedergeschrieben (Edition Geschichte der Heimat, Verlag Steinmaßl, 2005).
Seit 1998 kümmert sich Ketani (= „Miteinander“) um die Pflege der Kultur und der nur mündlich überlieferten Sprache sowie darum, dass Roma und Sinti einen Platz bekommen in den Herzen der Menschen – und zum Bleiben. Ein Teil der Roma und Sinti ist in Europa nach wie vor als fahrendes Volk unterwegs. Doch nur in Braunau und am Pichlingersee bei Linz gibt es auf oberösterreichischem Gebiet einen offiziellen Lagerplatz, auf dem sie gegen Gebühr bleiben können. In Vöcklabruck gibt es zwar einen Beschluss, doch das Projekt wurde bisher nicht umgesetzt.
Florian Freund. Oberösterreich und die „Zigeuner“, herausgegeben vom Oberösterreichischen Landesarchiv 2010, 360 Seiten.