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„Diagnose Aids muss kein Todesurteil sein“

Kampf gegen Aids auch in der Demokratischen Republik Kongo
Ausgabe: 2010/28, Diagnose, Aids, Todesurteil, Konferenz, Krankheit, Missionarin, Kongo, Kühnel, Krankenschwester
20.07.2010
- Susanne Huber
Seit 35 Jahren ist Schwester Friederika Kühnel als Missionarin in der Demokratischen Republik Kongo vor allem im medizinischen Bereich im Einsatz. Derzeit betreut die Salzburgerin aidskranke Menschen in einer der ärmsten Regionen des Landes.

Der kleine Moses war acht Monate alt und viereinhalb Kilo schwer, als ihn seine Mutter Sophie sterbend nach Mbandaka ins Tageszentrum „Dream“ für Aidskranke brachte. Beide wurden getestet, beide haben Aids und Tuberkulose. Die Diagnose hatte zur Folge, dass Sophie zu Hause rausgeworfen wurde. Auf die Straße gestellt. Diskriminiert. Mit nichts in der Hand. „Es kommen Leute zu uns, die unendlich viel durchgemacht haben. Etliche haben Aids, weil sie vergewaltigt wurden; viele haben Aids, weil sie in Lebensnot waren und das Blut, das sie bekommen haben und das ihr Leben retten sollte, nicht auf Infektionserreger getestet war; andere haben Aids, weil schmutzige Spritzen verwendet wurden. Die Ansteckungsgefahr ist groß. Wenn man nichts tut, dann ist Afrika verloren, man braucht dazu keinen Krieg“, sagt Friederika Kühnel, Krankenschwester und Ordensfrau der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul.

Allianz mit den Armen. Vor eineinhalb Jahren ist die Salzburgerin von ihrer Ordensgemeinschaft damit beauftragt worden, das Dream-Programm in Mbandaka, der Hauptstadt der Äquator-Provinz der Demokratischen Republik Kongo, aufzubauen. „Dieses Aids-Projekt wurde von der internationalen Gemeinschaft Sant’Egidio 2002 in Mosambik gestartet und läuft nun bereits in zehn afrikanischen Ländern. So haben die Barmherzigen Schwestern mit Sant’Egidio eine Allianz im Namen der Armen geschlossen. Denn das Äquatorgebiet mit sechs Millionen Einwohnern zählt zu den ärmsten Regionen des Landes. Die offizielle Aids-Infektionsrate liegt bei 4,6 Prozent, in Wirklichkeit ist sie aber viel höher“, so Schwester Friederika.

Therapie auf höchstem Niveau. Seit Eröffnung der Tagesklinik inklusive Labor – dem ersten in der DR Kongo, in dem spezielle Untersuchungen etwa auf die Virenlast durchgeführt werden können – wurden schon mehr als 3000 Menschen auf Aids getestet. „Wir haben ein tolles Team bestehend aus zwei Ärzten, zwei Krankenschwestern und zwei Krankenpflegern. Ins Aids-Programm sind bereits um die 350 Patienten aufgenommen und 255 mit der speziellen Tri-Therapie behandelt worden. Bei der Tri-Therapie erhalten die Leute die derzeit wirkungsvollsten Aids-Medikamente. 70 Prozent unserer Patienten sind Frauen, 30 Prozent sind Männer; für die Behandlungen müssen sie nichts bezahlen“, erzählt Schwester Friederika. Das Dream-Programm sei mit Therapie, Diagnostik und Organisation auf höchstem medizinischem Niveau. Auch andere Krankheiten wie etwa Malaria oder Tuberkulose werden in der Klinik mitbehandelt, denn die Immunschwäche der Patienten sei sehr groß, betont die Ordensfrau. „Wenn der Mensch keine Abwehrkräfte hat, schnappt er alles Mögliche auf. Ein gewöhnlicher Grippe-Virus, Wurmkrankheiten oder Unterernährung können da schon problematisch werden. Alle Patienten bekommen Nahrungszuschuss, denn 80 Prozent der Leute hier sind unterernährt. Dazu kommt, dass unser Ansatz den ganzen Menschen im Blick hat, das heißt zur Therapie kommt die soziale Begleitung der Aidspatienten im Alltag und Prävention dazu.“ Pro Monat gebe es 30 bis 40 neue Patienten, von denen zwei Drittel sofort eine Behandlung brauchen. „Doch wir sind ein Tageskrankenhaus und haben noch nicht die finanziellen Mittel, Patienten stationär aufzunehmen. Deshalb müssen wir mit den staatlichen Krankenhäusern zusammenarbeiten. Das ist schwierig, denn deren medizinisches System ist schlecht, Versorgung und Hygiene lassen zu wünschen übrig, Medikamente sind nicht immer vorhanden. Deshalb versuchen wir im Tageszentrum wenigstens für sechs Monate Medikamente im Voraus zu haben, damit keine Lücken entstehen.“ Unterstützt wird das Aids-Zentrum „Dream“ in Mbandaka unter anderem von „Sei so frei“, der entwicklungspolitischen Aktion der Katholischen Männerbewegung Österreichs.

Krankheit akzeptieren. Wenn die Leute ihre Testergebnisse erhalten und diese positiv sind, ist besonders viel Fingerspitzengefühl nötig. „Die Patienten reagieren unterschiedlich. Manche nehmen die Diagnose überhaupt nicht an und kommen nie wieder, manche verdächtigen oft fälschlicherweise andere, viele brechen zusammen. Hier ist es wichtig, den Menschen Hoffnung zu geben, ihnen zu sagen, diese Diagnose muss kein Todesurteil sein, wie die meisten glauben“, sagt Schwester Friederika. „Zunächst müssen die Leute akzeptieren, dass das eine Krankheit ist, die sie für immer haben. Doch wenn sie auf das Medikament gut ansprechen, können sie die Krankheit in den Griff bekommen und damit leben wie jemand, der chronisch krank ist und etwa Diabetes hat.“ Doch es kommen auch andere Komponenten dazu wie beispielsweise das soziale Umfeld der Betroffenen. „Wenn die Leute diskriminiert und zu Hause schlecht behandelt werden – und das ist häufig der Fall – dann haben sie keine Hoffnung mehr, verlieren den Willen, weiterzuleben. Es gibt Leute die gestorben sind, nur weil sie diskriminiert wurden“, weiß die Krankenschwester. „Deshalb ist unser Motto: Hoffnung leben, Hoffnung geben. Neben all der Therapie und der Informations- und Aufklärungsarbeit müssen wir den Ärmsten, den Diskriminierten nahe sein, ihnen ihre Würde zurückgeben. Wir machen ihnen klar, dass sie wertvolle Geschöpfe Gottes sind“, sagt Friederika Kühnel, die auch die Sprache der Einheimischen spricht, Suaheli und Lingala.

Moses. Die Patienten im Alltag begleiten – so auch Sophie und ihren Sohn Moses. Er ist gerade dabei, gehen zu lernen. „Mutter und Sohn sind bei uns in Behandlung. Inzwischen haben wir auch ein Zimmer gemietet, wo wir die beiden untergebracht haben“, sagt Schwester Friederika. „Heute können wir sagen, beiden geht es sehr gut. Dieses Kind hat seine Mama gerettet, weil es krank war. Sie selbst wäre nicht auf die Idee gekommen, dass sie Aids haben könnte. Das ist die große Gefahr, dass viele gar nicht wissen, dass sie Aids haben. Auch deshalb ist es so wichtig, Aufklärungsarbeit zu leisten.“

Aktivisten geben Mut. Eine große Hilfe im Begleiten der Aidskranken sind dem Team des Dream-Programms die freiwilligen Aktivisten. Das sind Leute, die Aids haben und so stabil sind, dass sie arbeiten können. „Diese Aktivis-ten besuchen die Kranken in den Dörfern, in den Krankenhäusern, geben ihnen Mut, indem sie von ihrem eigenen Schicksal berichten und vermitteln, dass sie nach Rückschlägen immer wieder neu begonnen haben und sich nicht unterkriegen lassen. Durch ihre Arbeit hat sich einiges bewegt. Haben sich die Menschen vor eineinhalb Jahren noch in ihr Schneckenhaus zurückgezogen, so tauschen sie sich jetzt untereinander aus. Da geht es dann oft fröhlich zu und es wird getanzt und gesungen. Mit dem Dream-Programm ist es möglich, auch in Afrika den Kampf gegen Aids aufzunehmen und gegen den Pessimismus etwas sehr Gutes aufzubauen“, ist Friederika Kühnel überzeugt.





Im Blick

Missionarin im Kongo

1975 kam Schwester Friederika Kühnel als Missionarin und Krankenschwester in die Demokratische Republik Kongo. „Jetzt, 50 Jahre nach der Unabhängigkeit, kämpft der Kongo immer noch damit, hochzukommen. Die Wirtschaft ist am Boden, es herrscht Korruption. Ein besseres Gesundheits-, Bildungs- und Versorgungswesen ist unbedingt notwendig. Immer wieder kommt es zu Unruhen, die Leute haben kaum zu essen, sind sehr arm, leben von Ackerbau, Viehzucht oder Handel, um sich durchzubringen. Wenn die arme Bevölkerung Bildung, Wohnungen, das Notwendigste zu Essen und Kleidung zum Wechseln hätte, würde das schon zum Frieden im Land beitragen. Viel Gewalt kommt aus Verzweiflung“, so die gebürtige Linzerin, die in Salzburg aufgewachsen und 1967 in den Orden der Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul eingetreten ist.





Welt-Aids-Konferenz

Zur Sache

Die 18. Welt-Aids-Konferenz wird von 18. bis 23. Juli im Wiener Messezentrum stattfinden. Zu dem Großevent, das 1985 erstmals tagte und seit 1994 alle zwei Jahre über die Bühne geht, werden bis zu 30.000 Teilnehmer erwartet. Während Fachleute die neuesten Forschungsergebnisse rund um das HIV-Virus diskutieren, werden auch Aids-Aktivis-ten aus aller Welt hier sein. Im Rahmen der Konferenz wird es das für jeden frei zugängliche „Global Village“ geben – ein Treffpunkt für Betroffene, Angehörige und Vertreter verschiedener Organisationen. Weltweit leben laut UNAIDS (Programm der Vereinten Nationen zur Eindämmung von HIV/Aids) mehr als 33 Millionen Menschen mit dem Aids-Virus, allein 23 Millionen in Afrika südlich der Sahara. In Österreich sind rund 9000 Menschen HIV-positiv. Jährlich gibt es 500 Neuinfektionen; ein Drittel davon sind Frauen.

Anlässlich der Welt-Aids-Konferenz werden Kirchen und Religionsgemeinschaften aus der ganzen Welt am 17. Juli eine internationale Vorkonferenz an der Wiener Technischen Universität veranstalten. Ziel ist es, die weltweiten Bemühungen der Religionsgemeinschaften gegen die Verbreitung von HIV/Aids zu vernetzen und Erfahrungen über erfolgreiche Projekte auszutauschen. „Christen gehören weltweit zu den wichtigsten Hoffnungsträgern der Aids-Kranken. Rund 50 Prozent aller globalen Einrichtungen im Kampf gegen Aids werden von den Kirchen getragen, die katholische Kirche allein trägt rund 25 Prozent aller Initiativen weltweit“, so Heinz Hödl, Leiter der Koordinierungsstelle der Österreichischen Bischofskonferenz für internationale Entwicklung und Mission. Er ist für die Aktivitäten der katholischen Hilfswerke rund um die Welt-Aids-Konferenz zuständig.

- Infos unter: www.aids2010.at
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