Ausgabe: 2010/29, reden, Kopf der Woche, Elias Bierdel, Drama, Flucht, Fachtagung Weltkirche, DDR, ARD, Cap Anamur
21.07.2010
- Hans Baumgartner
Mit dem Drama Flucht befasst sich die Fachtagung Weltkirche am 23. und 24. Juli im Stift Lambach. Elias Bierdel kann darüber Erschütterndes berichten.
Nur 70 Meter von der DDR-Sperrmauer entfernt ist der 50-jährige Berliner Elias Bierdel aufgewachsen. Immer wieder kam es dort bei Fluchtversuchen zu Tragödien. Das Elend von Unfreiheit und Flucht hat ihn wieder eingeholt, als er von der ARD aus dem gemütlichen Wien in den Kosovo geschickt wurde. „Konfrontiert mit Menschen, die absolut nichts mehr hatten, habe ich mich immer mieser gefühlt, ihnen nur mein Mikrophon hinzuhalten. Ich habe dann begonnen, mein Auto mit Lebensmitteln, Windeln usw. anzufüllen. Und eines Tages merkte ich, dass ich vieles mithatte, nur nicht mein Aufnahmegerät. Das war der Punkt, wo ich nachdenken musste, was ich eigentlich will, nur reden oder helfen.“ Bierdel kündigte seinen Job und ging mit der Hilfsorganisation Cap Anamur 2002 nach Afghanistan. „Als wir dort die erste Schule für Kinder, die nie eine Schule gesehen hatten, eröffnet haben, war das einer der glücklichsten Augenblicke meines Lebens.“
Noch 2002 wurde Bierdel aus Afghanistan zurückgeholt und zum Vorsitzenden von Cap Anamur gewählt. Im Juni 2004 brachte er mit dem Hilfsschiff von Cap Anamur 37 gerettete Bootsflüchtlinge nach Italien. Er wurde festgenommen und wegen Schlepperei angeklagt. „Ich erlebte eine Zeit tiefer Verzweiflung und Ohnmacht, aber auch ganz ungewöhnliche Stärkung. Eine Folge davon war, dass ich mich vor vier Jahren taufen ließ“, erzählt Bierdel. 2007 war er Mitbegründer von borderline europe. Heute bildet er im Friedenszentrum Burg Schlaining (Burgenland) zivile Friedenskräfte für die UNO aus.
Elias Bierdel: „Zunächst wollte ich meine Arbeit als Journalist nur durch einen Hilfseinsatz unterbrechen. Das aber hat mein Leben verändert. Ich sehe das heute auch als Fügung Gottes.“