„Dieses Burgenland damals war ein einziges Gefühl des wirren Aufbruchs, ein Gefühl der persönlichen Freiheit. Es hat niemand dreingeredet“, sagt der österreichische Maler Giselbert Hoke nach fünfzig Jahren über seine Arbeiten in Eisenstadt. Hoke hat völlig freie Hand. Er wählt Szenen aus dem Neuen Testament wie das letzte Abendmahl, die Auferweckung des Lazarus, den ungläubigen Thomas und den hl. Michael mit der Seelenwaage und dem Teufel aus.
Auf einem Grundstück oberhalb des Esterházy’schen Schlossparks in Eisenstadt, das ursprünglich der angesehenen jüdischen Familie Wolf gehörte, wurde 1959/60 die „Bildungs- und Erziehungsstätte“ der Diözese Eisenstadt errichtet. Heute befindet sich hier das Gymnasium der Diözese. 1960 beauftragt der damalige burgenländische Bischof Stephan László den Maler Giselbert Hoke mit einem 150 Quadratmeter großen Fresko für das Gebäude, nachdem sich eine hochkarätig besetzte Jury, der auch Monsignore Otto Mauer, der Kunstexperte Wieland Schmied und der Maler Josef Dobrowsky angehören, für den Entwurf des damals 33-jährigen Hoke ausspricht.
Vorübergehender Farbklang. Hoke entscheidet sich für die Fresko-Technik, die er in seiner charakteristischen, pastosen Mischtechnik überarbeitet. Den Bildraum der sechs Wandgemälde löst er in große Farbflächen auf. „Wie in vielen seiner Arbeiten spiegelt sich auch hier etwas vom Wesen der Welt wider, öffnet sich ein ,Alles‘ transzendenter Gewissheiten, ein transitorischer Farbklang, der die Analogien und Paradoxien des Glaubens hinausposaunt, eine Perspektive, die die Ganzheit der Welt greifbar werden lässt“, schreibt Wieland Schmied. Es ist die Begegnung mit dem Heiligen, mit dem Sieg über das Dunkle, Böse, den Minotaurus der Geschichte.
Bildliche Askese. Hoke zeigt äußerste Zurücknahme und bildliche Askese. Schon bei der Konzipierung seiner Fresken für den Klagenfurter Bahnhof Mitte der Fünfzigerjahre meinte Hoke, dass er – von den Bildern Picassos ermutigt – die spartanische Einfachheit und äußerst mögliche Einfachheit liebe: „Eine Wand ist umso besser, je weniger sie durch Malerei belastet wird.“ Nach der Enthüllung dieser Arbeiten kommt es zu einem der größten Kunstskandale Österreichs, zu einem „Volksaufstand“, der sich wochenlang fortsetzt. Hoke muss Kärnten verlassen und geht nach Wien ins Exil. Heute gelten diese Arbeiten als eines der bedeutendsten Beispiele der österreichischen Monumentalmalerei nach 1945.
Studienkollege von Lehmden, Avramidis und Hrdlicka. Hoke wird 1927 in Warnsdorf in Böhmen geboren. In den letzten Kriegskämpfen des April 1945 verliert er seinen rechten Arm und kann seinen ursprünglich angestrebten Beruf als Kunstschmied nicht mehr ausüben. So geht er an die Akademie der Bildenden Künste nach Wien, wo er zusammen mit Lehmden, Avramidis und Hrdlicka studiert, danach nach Paris. 1962 erwirbt er Schloss Saagers in Kärnten, das er später restauriert und wo er heute lebt. 1974 wird er als Professor an die Technische Universität Graz berufen. Von 1979 bis 1983 lehrt er an der Internationalen Sommerakademie Salzburg. Er schafft Fresken für die Staatsoper in Wien, Glaswände für die Universität und Gobelins für das Festspielhaus in Salzburg sowie Glasfenster für Kirchen in Augsburg, Köln, Frankfurt und Coburg.
Wiederkehr nach Jahrzehnten. 2009 kommt der 83-jährige Meister nochmals nach Eisenstadt zu seinen fast schon vergessenen Arbeiten. Bischof Paul Iby segnet die von Hokes Tochter Karma Eder-Hoke und seinem Schwiegersohn Leonhard Eder restaurierten Fresken. Es sind die einzigen Arbeiten dieses bedeutenden Künstlers im Burgenland. Das Bundesdenkmalamt stellte sie wegen ihres hohen künstlerischen Ranges unter Denkmalschutz.
- Besichtigung in der Ferienzeit nach telefonischer Voranmeldung unter0 26 82/62 98 80 bzw. während der Schulzeiten zu den Schulöffnungszeiten.