Bootsflüchtlinge im Meer: Die Tragödie vor unseren Augen
Ausgabe: 2010/29, Bootsflüchtlinge, Meer, Tragödie, Mittelmeer, Kanarische Inseln, Fachtagung Weltkirche, Skandal, Cap Anamur, Kapitän Schmidt, Elias Bierdel, Flüchtlinge
23.07.2010
Jedes Jahr werden das Mittelmeer und der Atlantik vor den Kanarischen Inseln Tausenden Menschen zur Todesfalle. Bei der Fachtagung Weltkirche berichtet Elias Bierdel über diesen totgeschwiegenen Skandal.
Am 20. Juni 2004 war das Hilfsschiff Cap Anamur der gleichnamigen Hilfsorganisation mit medizinischen Hilfsgütern im Mittelmeer Richtung Irak auf dem Weg. Da stieß Kapitän Stefan Schmidt auf ein mit 37 Afrikanern überfülltes Schlauchboot. Es hatte Luft verloren und der Motor rauchte. Die Menschen winkten verzweifelt mit ihren Kleidern. Für Schmidt war klar, diese Menschen sind in Not. Und er nahm sie, so wie das Seerecht das verlangt, an Bord. Das Seerecht sieht auch vor, dass Gerettete an einen sicheren Ort gebracht werden müssen. „Gleichzeitig aber“, so berichtet Elias Bierdel, damals Vorsitzender von Cap Anamur, „kann rechtlich kein Land gezwungen werden, Gerettete aufzunehmen. Das war unser Problem damals. Und als sich die Lage an Bord dramatisch zuspitzte und wir in Sizilien anlandeten, wurden der Kapitän und ich verhaftet und das Schiff beschlagnahmt. Die 37 Bootsflüchtlinge wurden brutalst aus dem Land geworfen.“
Angeklagt. Kapitän Schmidt und Elias Bierdel wurde wegen Schlepperei in einem besonders schweren Fall und wegen organisierter Kriminalität der Prozess gemacht. „Das, was uns hier vorgeworfen wurde, entbehrte jeder Grundlage. Ich war echt verzweifelt, wieweit ein europäischer Rechtsstaat verbogen werden kann, um ein politisch genehmes Urteil zu erreichen. Als ich in einer Prozesspause den Staatsanwalt fragte, ob er uns ernsthaft für Kriminelle hält, meinte der nur: „Nicht doch, ich mache hier nur meinen Job.“ Erst vor wenigen Wochen (!) erhielten Bierdel und Schmidt den Bescheid, dass ihr Freispruch rechtskräftig ist. Zur selben Zeit aber wurden algerische Schiffskapitäne zu drastischen Strafen verurteilt und damit in ihrer Existenz ruiniert, „nur“, so Bierdel, „weil sie hilflose Menschen vor dem Ertrinken gerettet hatten. Wie Schwerverbrecher wurden sie während des Prozesses in Stahlkäfigen vorgeführt.“
Augen öffnen. Diese bitteren Erfahrungen führten dazu, „dass wir mit Freunden und Menschen, die auf uns zukamen, 2007 die Menschenrechtsorganisation borderline europe gründeten. Wir wollen alles daransetzen, dass das Drama, das sich vor unseren Augen im Mittelmeer und vor den Kanarischen Inseln ereignet, nicht weiter totgeschwiegen wird.“ Nach offiziellen Schätzungen der EU kommen jährlich 3000 bis 4000 Menschen ums Leben, die versuchen, über das Meer nach Europa zu kommen; die Dunkelziffer ist noch deutlich höher. „Die EU und die europäischen Mittelmeerländer betreiben einen Riesenaufwand, um die Bootsflüchtlinge schon am offenen Meer zum Abdrehen zu zwingen – mit oftmals tödlichem Ausgang.“ Oft werde gesagt, so Bierdel, Europa könne nicht die Probleme Afrikas lösen, indem es die Grenzen aufmache. Aber jeder Bootsflüchtling sei auch ein Botschafter dafür, dass Europa in seiner Gier nach billigen Gütern Afrika auf unverschämte Weise ausbeute, durch unfaire Handelsverträge, aber auch durch den Klimawandel.
An die Arbeit. Europa, so Bierdel, stehe in der Verantwortung, diese Probleme endlich zu sehen und anzupacken. „Als Europäer und Christen müssen wir klar sehen, wenn wir ohne viel Aufsehen Jahr für Jahr Tausende unschuldige Menschen in den Tod schicken;; da geschieht auch etwas mit uns, das untergräbt unsere Demokratie, unser rechtsstaatliches System und unsere Werte.“ Und er erinnert an das Wort der italienischen Bischöfe, die geschrieben haben: Wenn wir so tun, als wäre nichts auf dem Meer, dann ist das derselbe Reflex, wie man weggeschaut hat, als die Züge nach Auschwitz gefüllt wurden. Während die Medien und die Politik dieses Drama der Unmenschlichkeit immer noch wegdrängen, erlebe er derzeit in den Kirchen und in der Kunst viele Initiativen – etwa Trauergottesdienste für die Toten im Meer –, die diese Menschen ins Gedächtnis rufen. „Trauern über das Unfassbare, was da geschieht, ist wichtig“, sagt Bierdel. „Aber dann an die Arbeit!“ hofft er auf die Kirchen als Verbündete.