Jedermann in Salzburg. Das Spiel des reichen Mannes (N. Ofczarek), der für Geld alles opfert und vom Tod (B. Becker) aus dem Leben gerissen wird, berührt auch nach 90 Jahren noch. Seine Buhlschaft (B. Minichmayr) ist nicht bereit, bis zur letzten Konsequenz – in den Tod – mitzugehen.
Festspielzeit: Von Mörbisch bis Bregenz wird gesungen, getanzt, gespielt. Die Kultur- nation Österreich wird beschworen. Doch wer kann am kulturellen Leben in Krisen-zeiten teilhaben und wie steht’s um die Freiheit der Kunst in unserem Land? Ein Interview mit Ministerin Dr. Claudia Schmied.
Ist Österreich eine Kulturnation und wie zeichnet sie sich dadurch aus? Dr. Claudia Schmied: Kultur gibt es, so wie das Wetter, immer. Die Frage ist, in welcher Ausprägung. Unter Kulturnation verstehe ich eine Gesellschaft, die Kunst, Kultur und die Kunstschaffenden bewusst wahrnimmt und wertschätzt. In Österreich dominieren sicher die Schätze der Vergangenheit. Als Kulturministerin ist mir die Förderung zeitgenössischer Kunst besonders wichtig. Das heißt, dass wir zum Beispiel etablierte Institutionen, wie etwa die Bundesmuseen und die großen Festspiele, stärker in den Dienst des Zeitgenössischen stellen sollten. In der Festrede zur Eröffnung der Salzburger Festpiele hinterfragen Sie die Mechanismen der Wirtschaftswelt, sprechen von „Anbetung der Götzen“ und von der Notwendigkeit einer neuen Werteordnung. Was ist Ihre Vision? Schmied: Frei nach Jonathan Meese „Kunst an die Macht“. Eine Gesellschaft, die Kunst und Kultur nicht wertschätzt, steuert auf den Zustand der Barbarei zu. Auf die Wirtschaftswelt übertragen heißt das: Konzepte wie der Neoliberalismus, die stark auf rücksichtslosen Profit ausgerichtet sind, haben durchaus barbarische Züge. Die Finanzkrise ist auch eine Krise der Kultur und unserer Werte. Darum ist es entscheidend, dass wir uns für eine soziale Marktwirtschaft einsetzen, denn neben dem betriebswirtschaftlichen Optimum gibt es immer auch eine Verantwortung für die Gemeinschaft und das Gemeinwohl.
Wie kann die Kunst zur Neuorientierung beitragen? Schmied: Wir brauchen den Blick von außen, das eröffnet neue Sichtweisen. Egal, wo wir arbeiten: Wir sind sehr in den eigenen Mustern gefangen. Die Kunst macht uns sensibler und aufmerksam, sie rüttelt uns wach. Das habe ich auch kürzlich beim „Theater Hausruck“ in Attnang-Puchheim erlebt. Die Produktion „EAT“ beleuchtete kritisch die Mechanismen der Wirtschaftswelt und hat viele Einheimische und Betroffene zu Wort kommen lassen. Das war sehr beeindruckend! Die Kunst ermöglicht Ebenenwechsel, die für uns jene Dinge angreifbar machen, von denen wir sonst glauben, es handle sich um Naturgesetze. Darum sind die Künstler/innen für unsere Gesellschaft entscheidend. Festspiele wie in Bregenz und Salzburg oder regional ausgerichtete Festivals wie in Gmunden oder das Theater Hausruck können dazu wichtige Beiträge für unsere Entwicklung leisten.
Welche Entwicklungen im Kunst- und Kulturbereich sehen Sie kritisch? Schmied: Es gibt zwei Bedrohungspotentziale: Das eine betrifft die Abschottung der Kunst für Eliten. Und die zweite Bedrohung kommt aus dem rechten Eck: Rechtsgerichtete politische Parteien, die sehr stark dazu neigen, Kunst zu skandalisieren. In diesem Sinne ist der Aspekt der Freiheit der Kunst nichts Selbstverständliches, sondern wir müssen dafür immer wieder eintreten. Die Kunstschaffenden und Kulturinstitutionen müssen frei arbeiten können. Wir brauchen – frei nach George Orwell – kein Ministerium des guten Geschmacks. Weiters ist das Bekenntnis des Staates zur Kunstfinanzierung wesentlich. Die Kunst braucht die verlässliche öffentliche Finanzierung und die Öffentlichkeit braucht die kritische Kunst. In diesem Zusammenhang macht mir besonders die prekäre soziale Lage vieler Kunstschaffender und anderer Gesellschaftsschichten Sorge. Das Thema Grundsicherung wäre hier eine Lösung.
Es gibt finanzielle und emotionale Barrieren, am Kunst- und Kulturleben teilzunehmen, etwa zu hohe Kartenpreise wie in Salzburg. Schmied: Es gibt jetzt z.B. auch in Salzburg, die Initiative, Tickets zu niedrigen Preisen für Jugendliche anzubieten oder den Gratiseintritt in die Bundesmuseen bis zum 19. Lebensjahr. Mein Ziel ist, nicht nur Kunst an alle, sondern vielmehr Kunst mit allen, denn es geht um die Beteiligung an der Kunst. Neben den finanziellen Barrieren gibt es emotionale Hindernisse, etwa dass manche Menschen glauben, sie würden nicht dazupassen oder gewisse Ansprüche nicht erfüllen. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass wir mit der Kunstvermittlung schon in der Schule beginnen müssen.
Wie sieht das konkret aus und was erwarten Sie sich davon? Schmied: Wir unterstützen Theaterprojekte, wie z.B. „Kunst macht Schule“, wo Kulturinstitutionen, Kunstschaffende, Schauspieler/innen und Autor/innen Partnerschaften mit Schulen eingehen und in dem Sinn Kunst für Schüler-innen und Schüler erlebbar wird. Es baut zum einen Barrieren ab und zum anderen ist erwiesen, dass aktive Theaterarbeit, Theaterpädagogik dazu beiträgt, dass die Schüler/innen an Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein gewinnen. Unser Ziel muss es sein, selbstbewusste Bürger und Bürgerinnen zu haben. Österreich lebt noch sehr stark in der Obrigkeit – das müssen wir überwinden.