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Unrecht sichtbar machen

Vor eineinhalb Jahren hat die Ethnologin Veronika Scharer beschlossen, für drei Jahre als freiwillige Menschenrechtsbeobachterin nach Kolumbien zu gehen. Dort ist die Oberösterreicherin im Auftrag der Schweizer Organisation „Bethlehem Mission Immensee“ in einem Projekt der Plattform „Coordinación Regional del Pacifico Colombiano“ mit eingebunden. Trotz vieler Herausforderungen zieht die Oberösterreicherin zur Halbzeit ihrer Arbeit in Kolumbien ein positives Resümee.
Ausgabe: 2010/31, Scharer, Menschenrecht, Mission, Kolumbien, Zivilbevölkerung, Mord, Morddrohungen
09.08.2010
- Susanne Huber
Was sind denn die Aufgaben einer Menschenrechtsbeobachterin?
Mag. Veronika Scharer: Es geht darum, die Situation der Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren und auf nationaler und internationaler Ebene aufzuzeigen.
Das Einsatzgebiet unseres Teams ist die kolumbianische Pazifikregion. In diesem Gebiet sind wir viel unterwegs, sprechen mit den Leuten vor Ort und sind in regelmäßigem Kontakt mit sieben Menschenrechtszentren. Ziel des Projekts, in dem ich mitarbeite, ist, die kirchlichen, sozialen und ethnischen Organisationen in der Region, die sich in den 90er Jahren zusammengeschlossen haben und sich als Plattform „Coordinación Regional del Pacifico Colombiano“ für die Bewahrung der Rechte der Menschen einsetzen, zu stärken.

Wie geschieht das?
Scharer: Nun, wir arbeiten eng mit den Organisationen und Diözesen der Pazifikregion zusammen. Gemeinsam versuchen wir, stets neu aktualisiertes Datenmaterial zur Lage der Menschenrechte, aber auch des Internationalen Völkerrechts, des Rechts auf Land und der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte in der Region zu erheben und zu erfassen. Die Organisationen benutzen diese Daten, um auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene die ständigen Verletzungen ihrer Rechte sichtbar zu machen, anzuklagen und einzufordern. Und um die von ihnen selbst erarbeiteten Lebens- und Entwicklungspläne, ihre eigenen Vorschläge und Konzepte für ihre Heimat aufzuzeigen und umzusetzen.

Welche Rechte der Menschen werden in der Pazifikregion Kolumbiens konkret missachtet?
Scharer: Immer wieder kommt es zu Morden, zu gewaltsamen Vertreibungen oder zum Verschwindenlassen von Personen. Besonders missachtet werden auch die Rechte auf Land, auf Ernährung, auf Gesundheit und Bildung. Ein Schwerpunkt unserer Arbeit war beispielsweise die schwierige Situation in Olaya Herrera, einer Gemeinde der Provinz Nariño an der Pazifikküste im Südwesten Kolumbiens. Ein öffentliches Schreiben der Diözese Tumaco Anfang Februar hat darauf aufmerksam gemacht, dass in den vergangenen Monaten dort mehr als 30 Personen ermordet wurden. Auf den Straßen der Hauptstadt Bocas de Satinga, die durch Drogengeld schnell gewachsen ist, sind alle Arten bewaffneter Akteure präsent – sprich Militärs und paramilitärische Gruppen, Guerillas und bewaffnete Gruppierungen, die mit dem Drogenhandel in Verbindung stehen. Im ländlichen Bereich, im Gebiet des Flusses Satinga, kam es wegen bewaffneter Auseinandersetzungen zwischen der FARC-EP – den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens – und der Marineinfanterie zu zwei massiven Vertreibungen. Betroffen waren zum einen acht Afro- und Indigena-Dörfer, zum anderen 300 Menschen des indigenen Volkes der Eperara Siapidara. Solche Vorfälle bleiben in völliger Straflosigkeit. Polizei und Marineinfanterie sind zwar in großer Zahl präsent, aber sie garantieren nicht die Sicherheit der Bevölkerung. Die Menschen leben in Angst.

Das heißt, die Zivilbevölkerung gerät zwischen die Fronten ...
Scharer: Ja. In der kolumbianischen Pazifikregion leben überwiegend afrokolumbianische und indigene Gemeinschaften sowie eine Gruppe von Mestizen. Zur Verteidigung ihres Landes haben sie sich vor Jahren zusammengeschlossen, sich für Reservate und kollektive Landtitel eingesetzt – und das mit Erfolg. Denn etwa sieben Millionen Hektar Land wurde ihnen so zugeschrieben. Doch das Gebiet ist reich an Bodenschätzen, weist sehr günstige klimatische Bedingungen auf und ist somit geprägt von einer immensen biologischen Vielfalt an Arten und Ökosystemen. Und dieser natürliche Reichtum macht die Region attraktiv für viele Interessen, die aber nicht den Einwohnern der Pazifikregion dienen, sondern ihre Lebensgrundlagen zerstören.

Die Bevölkerung muss also weiterhin um ihr Land fürchten?
Scharer: Ja, denn die Regierung versucht seit etwa zehn Jahren, das Land, das den Menschen zugesprochen wurde, für staatliche und private wirtschaftliche Interessen zu nutzen. Das heißt, Megaprojekte werden geplant und durchgeführt; die geografisch günstige Lage wird für den internationalen Handel genutzt und es werden vermehrt Infrastruktur- und Straßenprojekte durchgeführt; der Boden wird mehr und mehr für Agroindustrien und Monokulturen wie zum Beispiel die Ölpalme benutzt; in großem Umfang werden Fischerei und Holzabbau betrieben und die Ausbeutung der Bodenschätze vorangetrieben. Dazu werden die Gesetze zum Schutz der Afro- und Indigenabevölkerung, die dort lebt, zu deren Nachteil verändert. Darüber hinaus ist die Pazifikregion von einer starken Präsenz aller bewaffneten Gruppen betroffen. Ein weiteres Problem ist, dass durch die vermehrte Ausbreitung des Drogenhandels auch die Anbauflächen von Kokapflanzen stetig zunehmen. Dazu kommt, dass die Strategie der Ausrottung der Kokapflanzen durch Besprühen mit Herbiziden aus der Luft auch die Anbauflächen der dort ansässigen Bevölkerung, die ihre landwirtschaftlichen Güter vor allem für den Eigenbedarf produzieren, zerstören. Durch den Einsatz von Pestiziden kommt es zusätzlich zu gesundheitlichen Risiken und Schäden der Landbevölkerung.

Wie kann es gelingen, die Situation der Menschenrechte in Kolumbien zu verbessern?
Scharer: Es gibt wenig Anlass für Optimismus. Gerade deswegen ist es so wichtig, die Vernetzungen zwischen den verschiedenen Organisationen zu stärken, um gemeinsam gegen diese Ohnmacht anzukämpfen. Dringend notwendig ist das Sichtbarmachen der Geschehnisse, sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene, denn die weltweite Solidarität ist eine wichtige Stütze. In Bocas de Satinga haben beispielsweise am Internationalen Frauentag zahlreiche Kolumbianerinnen bei einem Marsch der Frauen für das Leben auf die dramatische Situation im Land aufmerksam gemacht.

Wie sicher bzw. unsicher haben Sie dieses von Gewalt geprägte Land bis jetzt erlebt?
Scharer: In Städten wie etwa Cali, der Hauptstadt der Provinz Valle del Cauca – dort liegt unser Büro – oder Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens, kann man sich mit einem gesunden Maß an Vorsicht und unter Meidung bestimmter Viertel, die man nicht alleine betreten sollte, frei bewegen. Natürlich muss ich hier als alleinlebende Frau, die deutlich als Ausländerin erkennbar ist, vorsichtiger sein und bin in meiner Bewegungsfreiheit eingeschränkter als in Österreich. In der Region bewegen wir uns immer nur in Begleitung der Projektpartner, zumeist aus dem kirchlichen Bereich, was einen gewissen Schutz bietet und umgekehrt kann ich als Ausländerin zur Sicherheit der Projektpartner beitragen. Es gibt gewisse Regeln, die einzuhalten sind, so gibt man zum Beispiel immer jemandem Bescheid wo man gerade unterwegs ist, wann man losreist und wann man in etwa erwartet werden kann, damit Alarm geschlagen wird, falls man nicht am Reiseziel ankommt.

Wurden für Sie schon Fortschritte bezüglich Ihrer Arbeit sichtbar?
Es ist verfrüht nach Fortschritten zu fragen. Trotzdem fällt mein persönliches Resümee positiv aus: Bei den vielen Aufs und Abs nach eineinhalb Jahren meiner Arbeit sehe ich, dass es gut war, so wie es gekommen ist, dass Unvorhergesehenes letztendlich seinen Sinn gehabt hat und wir mit dem Start des Projekts erst einmal zufrieden sein können. Alles Weitere wird sich in den nächsten eineinhalb Jahren zeigen. Ich fühle mich in Kolumbien gut aufgehoben und integriert. Die Leute hier sind unvergleichlich gastfreundlich und bei all den Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen haben, verlieren sie nie den Humor.

- Infos unter: www.pacificocolombia.org; www.bethlehem-mission.chn
Hintergrund

Morddrohungen

Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen in Kolumbien, die Morddrohungen etwa von paramilitärischen Gruppen erhalten, fordern mehr Schutz von der Regierung. „Bisher ist die ,Coordinación Regional‘, bei der ich arbeite, von Drohungen verschont geblieben; allerdings nicht die Mitgliederorganisationen der Plattform, etwa die ,Pastoral Social‘ der Diözese Tumaco, die erst kürzlich wieder eine Drohung erhalten hat. In einem öffentlichen Schreiben vom 22. April äußert die Diözese ihre Besorgnis über die seit 2007 systematischen und sich wiederholenden Drohungen, die immer mehr Organisationen und Personen mit einschließen“, so Scharer. |
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