Ausgabe: 2010/32, Lebenselexier Wasser, Wassermangel, Recht auf Wasser, Johannes Wallacher, Dürregebiete, Grundversorgung
11.08.2010
- Interview: Susanne Huber
Der Mangel an Wasser gefährdet in verschiedenen Regionen der Erde die Existenz von Menschen. Drei Jahre lang werden deshalb Forscher aus allen Teilen der Welt die Problematik von Wasserkrisen unter die Lupe nehmen und versuchen, ein nachhaltiges Wassermanagement zu entwickeln. Zum Forschungsteam des Projekts, das vom Bundesministerium für Forschung in Deutschland ausgeschrieben wurde, zählt der gebürtige Ludwigshafener Johannes Wallacher, Professor für Sozialwissenschaften und Wirtschaftsethik an der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München.
Das Forschungsprojekt gegen Wassermangel steht unter dem Titel „nachhaltiges Wassermanagement in einer globalisierten Welt“. Was ist damit gemeint? Prof. DDr. Johannes Wallacher: Wir wollen versuchen, die Wasserproblematik in drei verschiedenen Krisenregionen – in Afrika, Australien und China – sowohl auf ökologischer, sprich umweltbewusster, als auch auf sozialer und auf ökonomischer, also wirtschaftlicher Ebene miteinander zu vergleichen und sie auch ethisch und nachhaltig zu betrachten. Dabei werden wir je nach Region die wasserspezifischen Unterschiede und Gemeinsamkeiten in den Blick nehmen. Wir versuchen, Grundlinien einer Wasser-Ethik zu entwerfen, die sich sehr stark an einer menschenrechtlichen Perspektive anlehnen.
Wie kann so eine Wasser-Ethik aussehen? Wallacher: Eine ethische Leitplanke auf sozialer Ebene ist, den Zugang zu sauberem Wasser für alle Menschen zu sichern. Das ist das eine unhintergehbare. Ein zweiter ethischer Punkt auf ökologischer Ebene ist, dass wir die Grundwasservorräte nicht so plündern dürfen, dass ihre Erneuerung auf Dauer ausgeschlossen ist. Ein dritter ethischer Punkt ist, dass wir auch ökonomische Mechanismen nutzen müssen für einen nachhaltigen Umgang mit Wasser. Ein Beispiel: Ägypten, ein wasserarmes Land, zählt zu den größten Getreideexporteuren weltweit. Wasser wird dort hochsubventioniert für die landwirtschaftliche Bewässerung eingesetzt. Das ist nicht nachhaltig und ökonomisch gesehen unsinnig. Um zu einem sparsamen Umgang mit Wasser zu kommen, sollten wasserarme Länder ihre Nahrungsmittelproduktion den Ländern überlassen, in denen Wasser von Natur aus vorhanden ist. Dazu müssen natürlich faire, verlässliche Handelsstrukturen geschaffen werden, damit diese Länder auch bereit sind, ihre Eigenversorgung an Getreide zumindest ein Stück weit in ausländische Hände zu geben.
Ist denn genug Wasser für alle vorhanden? Wallacher: Grundsätzlich ja. Das Problem weltweit ist, dass es sowohl regional als auch saisonal höchst ungleich verteilt ist. Gerade die saisonale Ungleichverteilung zeigt, dass es wichtig ist, ökologische Funktionen miteinzuschließen wie die Renaturierung von Flüssen, so dass die umgebenden Naturräume auch ihre Wasserspeicherfunktion erhalten können; oder dass Wasser nicht oberflächig abfließt, sondern möglichst in die Grundwasserschichten dringt; oder dass man durch Renaturierungsmaßnahmen die Grundwasserneubildung fördert, indem man wieder Hanglagen anpflanzt. Das sind wichtige Punkte und wenn man die beachtet, wäre genügend Wasser vorhanden, auch für eine weiterwachsende Weltbevölkerung. Beim Problem der regionalen Ungleichverteilung von Wasser zeigt sich der große Unterschied zum Klimawandel, wo es ganz starke globale gegenseitige Abhängigkeiten gibt. Egal, wo auf Erden Treibhausgase emittiert werden, sie tragen insgesamt zum Klimawandel bei. Beim Wasser ist das unterschiedlich. Wenn man in Regionen, wo sehr viel Wasser vorhanden ist, zum Beispiel in Österreich, Norwegen oder Kanada, die Menschen anhält, weniger Wasser zu verbrauchen oder weniger zu duschen, dann nützt das den Menschen in wasserarmen Regionen, etwa südlich der Sahara oder in Südostasien, nichts. Es gibt aber auch im Hinblick auf Wasser sehr starke globale Bezüge.
Welche sind das zum Beispiel? Wallacher: Ein globaler Bezug ist der weltweite Handel von Produkten. Denn die Herstellung vor allem landwirtschaftlicher Produkte geht mit dem Verbrauch großer Wassermengen einher. Wenn Sie zum Beispiel ein Rindersteak aus Argentinien essen, das zu den wasserintensivsten Produkten zählt, dann konsumieren sie damit gleichzeitig eine riesige Wassermenge. Man spricht heute vom virtuellen Handel mit Wasser. Die Wassermenge, die in die Herstellungsproduktion solcher Produkte eingeht, wird durch den Handel mittransferiert. Das heißt, wenn wir viel argentinisches Rindfleisch kaufen, oder Mais und Weizen, der in Ägypten für den Export hergestellt wird, dann konsumieren wir indirekt auch eine große Wassermenge mit, die dort für die Produktion eingesetzt wird. Ein zweiter globaler Bezug ist die Frage, nach welchen Leitbildern und Werten wir die Wasserversorgungssysteme organisieren. Eine der größten sozialen Errungenschaften des 19. Jahrhunderts war, dass in Europa eine flächendeckende Trinkwasserversorgung und eine hygienische Entsorgung geschaffen wurde. Damit wir auch künftig davon profitieren, sollte die Wasserversorgung in öffentlicher Hand bleiben.
Denken Sie, dass es Kriege um Wasser geben wird? br>Wallacher: Knappes Wasser ist sicher nicht der alleinige Konfliktfaktor. Untersuchungen zeigen, dass Konfliktursachen immer mehrdimensional sind. Dort, wo politische Konflikte schon bestehen und sehr stark sind, wie etwa im Nahen Osten zwischen Palästina und Israel, ist der Kampf um knappes Wasser ein weiterer verschärfender Konfliktfaktor, der dazu beitragen kann, dass die Situation eskaliert. Wenn es in solchen Regionen zu einer gerechten, nachhaltigen gemeinsamen Kooperation in der Wassernutzung käme, von der alle profitieren, könnte das Konflikte entschärfen – indem man sich über die Wasseraufteilung verständigt; indem man faire Regeln zwischen den Anrainerstaaten schafft, damit zum Beispiel jene, die flussaufwärts wohnen nicht die Möglichkeit haben den Wasserhahn für die, die flussabwärts wohnen, einfach zuzudrehen; indem man die Dauerhaftigkeit der Nutzung von Wasser gewährleistet.
Wie kann der Zugang zu sauberem Wasser in Dürregebieten ermöglicht werden? Wallacher: Dadurch, dass man entsprechende technische Mittel zur Verfügung stellt, um Brunnen zu bohren, um kaputte Wasserleitungen durch neue zu ersetzen, damit Wasser nicht verloren geht, nicht einsickert; und dadurch, dass man intakte Bewässerungstechniken zur Verfügung stellt, denn 70 Prozent der weltweiten Wassermenge wird ja für die Landwirtschaft verwendet. Fehlerhafte Bewässerung führt nicht nur dazu, dass Wasser vergeudet wird, sondern bei zu starker Bewässerung kann durch die Verdunstung des Wassers der Boden versalzen und unbrauchbar werden. Das ist ein ganz zentrales Problem. Es ist geboten, Techniken anzuwenden, die übrigens früher die Menschen in diesen Regionen beherrscht haben, wie beispielsweise das Anlegen von Hügelterrassen. Das sind oft sehr einfache Mittel, die sehr viel mit einem behutsamen Umgang der Trennung zwischen Brauch- und Trinkwasser zu tun haben. Diese angepassten Technologien sind notwendig, wenn man die Menschen als Träger ihrer eigenen Entwicklung mitnehmen will. Anders sieht die Situation in den Städten aus.
In den schnell wachsenden Zentren? Wallacher: Ja. Dort ist die große Herausforderung, einen flächendeckenden Zugang zu Wasser und eine hygienisch einwandfreie Entsorgung aufzubauen und zu sichern. Im indischen Kalkutta, im afrikanischen Lagos oder in den Städten der Schwellenländer Brasiliens, Indiens, Chinas stehen immense Wasserinfrastrukturinvestitionen an. In großen Metropolen werden in Flüssen oft Abfälle entsorgt, Abwässer ungeklärt ausgeleitet oder Bekleidung gewaschen. Auch hier ist die Trennung von Brauch- und Trinkwasser unbedingt notwendig, um Krankheiten zu vermeiden. Durch unsere Erfahrungen können wir dort entsprechende Beratungen, Unterstützungen und Hilfestellungen leisten – im technologischen Bereich, aber auch in der Art und Weise, wie man Wasser als ein öffentliches Gut organisiert.
Welche Hilfestellungen können das sein? Wallacher: Indem man etwa Wasserversorgungssysteme nicht privatisiert. Denn Private haben wenig Anreize flächendeckend gerade dort, wo die Armen wenig Kaufkraft haben, also in Slums, Wasserversorgungssysteme zu installieren. Auf der anderen Seite darf man bestimmte ökonomische Anreizstrukturen wie Wasserpreise nicht völlig ausschließen. Da müsste man aber dann auf sozialer Ebene entweder den Mindestbedarf an Wasser für die Armen kostenfrei stellen oder ihnen Zuschüsse zukommen lassen, damit sie sich die Wassergrundversorgung leisten können. (Siehe „Kopf der Woche“)
Zur Sache
Recht auf Wasser
Das Recht auf sauberes Wasser und sanitäre Grundversorgung wurde am 28. Juli in New York von den Vereinten Nationen als Menschenrecht anerkannt. Weltweit haben 884 Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser; 2,6 Millionen haben keinen Zugang zu sanitären Anlagen; rund zwei Millionen Menschen sterben jährlich an Krankheiten wie Cholera oder Typhus, die durch verunreinigtes Wasser ausgelöst werden. Die Vorgaben des Millenniums-Entwicklungszieles der UNO, bis 2015 den Bevölkerungsanteil, der ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitärer Versorgung ist, zu halbieren, sind bei weitem nicht erreicht.