„Unsere einzige Antwort auf das enorme Ausmaß der Katastrophe kann nur ein enormes Ausmaß an Solidarität sein“, erklärt Caritas-Präsident Franz Küberl angesichts der Lage in Pakistan. In der Hochwasserregion sind derzeit Millionen Menschen auf Nothilfe angewiesen. Das internationale Caritas-Netzwerk versorgt mittlerweile 28.000 Familien.
Das Spendenkonto der Caritas: PSK 7.700.004, BLZ 60.000, Kennwort: Hochwasser Pakistan.
Da müssen die reichen Länder vorangehen
Die „Jahrhundert-Katastrophen“ und der Klimawandel
15 Millionen Flutopfer in Pakistan, verheerende Waldbrände in Russland, Überschwemmungen in Österreich, Polen und Deutschland. Schlägt da der Klimawandel zu? Das fragten wir die renommierte Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb.
Eine brandgefährliche Hitze in Russland, katastrophale Monsunregen in Pakistan und China. Sind das „normale“ extreme Wetterereignisse oder bereits die Folgen des Klimawandels durch die Erderwärmung?
Kromp-Kolb: Leider lässt sich das, bezogen auf einzelne Ereignisse, nicht wirklich exakt sagen. Dazu kennen wir die Zusammenhänge und Verflechtungen des Klimawandels noch nicht gut genug. Was wir allerdings feststellen können, ist, dass manche schwere Wetterereignisse massiver auftreten als bisher und ziemlich sicher auch häufiger – auch bei uns. Was wir auch feststellen, das sind zunehmend Abweichungen vom normalen Wetterverlauf (Anomalien) und starke Gegensätze. So etwa haben wir heuer eine ungewöhnlich lange Hitzeperiode in Russland und gleichzeitig ungewohnt kalte Luftströme, die von England nach Süden ziehen und dort jene „Fünf-B-Tiefs“ bilden, die für die Unwetter in Zentraleuropa verantwortlich sind.
Der Wetterexperte der Münchner Rückversicherung sagte, dass durch den Klimawandel die Unwetter-Katastrophen zunehmen. Ist das so?
Kromp-Kolb: Mit solchen Aussagen würde ich vorsichtig sein. Versicherer gehen von Katastrophen aus, Klimaforscher von den Wetterereignissen selbst. Zu einer Katastrophe gehören immer zwei Sachen: ein Naturereignis und die Menschen, die es betrifft. Wenn z. B. Menschen in Gebieten siedeln, wo sie früher nicht waren, dann kann auch ein unverändertes Klima in bestimmten Regionen zu Katastrophen führen, weil es immer schon Extremwetterlagen gegeben hat. Oder nehmen wir das Beispiel Russland: Dort wurden großflächig Sümpfe und Moore trocken gelegt. Die Feuchtigkeit fehlt jetzt, um die Hitze zu dämpfen und der trockene Torf brennt wie Zunder. Aber große Hitzeperioden hat es in Russland alle 30 bis 40 Jahre einmal gegeben. Damit will ich sagen: Von Katastrophen allein kann man nicht automatisch auf einen Klimawandel schließen.
Aber was bleibt dann von den Warnungen vor dem Klimawandel? Wie ernst sind sie?
Kromp-Kolb: Sehr ernst. Denn auch wenn wir bei manchen einzelnen Wetterereignissen – noch – nicht sagen können, inwieweit sie ursächlich mit dem Klimawandel zusammenhängen, so sehen wir doch, dass ihre Heftigkeit damit zu tun hat. So etwa lag die Hitze in Russland heuer zwei Grad über den bisherigen Rekordwerten. Oder nehmen wir das Beispiel der Monsunregen, die zur Katastrophe in Pakistan geführt haben: Wenn die Erwärmung der Erdatmosphäre steigt, und das tut sie durch den wachsenden Ausstoß von Treibhausgasen, dann kann sie mehr Feuchtigkeit aufnehmen, die sich dann in noch stärkeren Regenfällen als bisher entlädt. Aber auch umgekehrt: Fällt der Monsunregen aus, was ja immer wieder vorkommt, dann werden durch die höhere Temperatur die Auswirkungen der Trockenperiode wie Ernteausfall und Hunger noch dramatischer.
Wie weit ist die Erderwärmung und damit der Klimawandel vom Menschen verursacht und was folgt daraus?
Kromp-Kolb: Der rasche Anstieg der Erderwärmung in den vergangenen hundert Jahren lässt sich mit natürlichen Klimaschwankungen nicht erklären. Es ist in der Wissenschaft unbestritten, dass dafür der wachsende Ausstoß von Treibhausgasen (CO2 u. andere) – und damit der Mensch – verantwortlich ist. Und das Kritische daran ist: Wenn wir nicht rasch und entschieden gegensteuern, dann müssen wir noch in diesem Jahrhundert mit einer dramatischen Zunahme der Erderwärmung um drei bis vier Grad rechnen.
Wie radikal muss das Gegensteuern sein?
Kromp-Kolb: Nach Berechnungen des Potsdamer Klimainstitutes muss der Ausstoß von Kohlendioxyd (Verkehr, Raumwärme, Industrie) bis 2050 weltweit um 50 Prozent gegenüber dem Wert von 1990 gesenkt werden, um die Erderwärmung bei plus zwei Grad zu stoppen. Für die Industrieländer bedeutet das eine CO2-Reduktion von 80 Prozent.
Wie sehen Sie nach dem Scheitern der Klimakonferenz in Kopenhagen die Chance für eine gemeinsame weltweite Klimapolitik?
Kromp-Kolb: Ich sehe wenig Chancen für ein ernsthaftes und wirksames Welt-Klimaabkommen. Deshalb ist es um so dringlicher, dass jetzt die reicheren Industrieländer, zu denen auch Österreich zählt, und die EU vorangehen. Denn je länger hier nichts passiert, desto schwieriger wird es sein, Länder wie China, Indien oder Brasilien für einen Kompromiss ins Boot zu holen. Denn zu Recht sagen die, dass in den westlichen Industrieländern der Pro-Kopf-Ausstoß von Treibhausgasen bzw. der Pro-Kopf-Verbrauch von Ressourcen ein Vielfaches von dem in ihren Ländern ist. Deshalb finde ich es auch so beschämend, dass gerade Österreich, das sich so gerne als Öko-Musterland sieht, die Kyoto-Ziele und EU-Vorgaben zum Klimaschutz weit verfehlt.
Macht es da noch Sinn, dass Einzelne oder Gruppen wie derzeit die Katholische Frauenbewegung etwas gegen den Klimawandel tun? Was richten sie schon aus?
Kromp-Kolb: Gerade weil die Politik so säumig ist, halte ich es für ganz wichtig, dass sich möglichst viele Menschen, Initiativen und Organisationen für eine andere Umwelt- und Klimapolitik engagieren – sowohl was die Bewusstseinsarbeit betrifft als auch die Veränderung des eigenen Verhaltens. Wir leben in einer Demokratie und da ist das Engagement der Bürger/innen ein ganz wichtiger Motor für Veränderungen. Ich sage damit nicht, das Politik und Wirtschaft keine Verantwortung haben – aber einen wirklichen Druck, so die Erfahrung, können nur die Wähler/innen und Konsument/innen machen. Was mich dabei zuversichtlich stimmt: Soziologen sagen uns, wir müssen nicht 100 Prozent von der Notwendigkeit einer neuen Klimapolitik überzeugen, damit sich was ändert. Wenn sich nur 15 bis 20 Prozent der Bürger/innen wirklich dafür engagieren, dann entsteht ein Sog, der andere mitzieht.
Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang das Engagement der Kirchen?
Kromp-Kolb: Ich sehe, dass in den Kirchen das Anliegen eines verantwortungsvollen und nachhaltigen Umgangs mit der Schöpfung zunehmend Thema wird. Es gibt da eine ganze Reihe engagierter Leute, Gruppen, Pfarren und Organisationen. Aber je weiter es in der Hierarchie hinaufgeht, desto dünner wird dieses Engagement. Ich würde mir die Kirchen als starke Verbündete in der Klimapolitik wünschen – und als Vorbild, wie man es machen kann. Die Kirchen hätten dafür ein einmaliges Potential, organisatorisch und von ihrer Lehre her. Denn in der christlichen Botschaft – aber auch in anderen Weltreligionen – finden sich diese Grundhaltungen, auf die es heute ankommt, ganz zentral: Maß (für das Ausreichende) und Bescheidenheit, Solidarität, Gerechtigkeit für alle, Blick auf das Gemeinwohl und Achtung für die Schöpfung. Von da her müssten die Kirchen eigentlich um ein gutes Stück aktiver sein.
Rasche Hilfe durch Leute vor Ort
„Es zahlt sich aus, dass unsere Helfer in den Dörfern so gut vernetzt sind und dass die Leute ihnen vertrauen“, sagt Shakil Ahmad, Geschäftsführer des Lepra-Hilfswerkes der bekannten Ärztin und Ordensfrau Ruth Pfau in Pakistan. Mehr als 800 Helfer/innen und sechs Ärzt/-innen, die sich sonst um Leprakranke kümmern, leisten jetzt für Tausende von der Flut betroffene Familien Überlebenshilfe durch Lebensmittel, Decken, Zelte und medizinische Versorgung. Durch ihre gute Verankerung in den Dörfern sorgen sie dafür, dass jene Hilfe bekommen, die sie am dringendsten brauchen – ohne Ansehen der Person. Bereits beim schweren Erdbeben 2005 leisteten Ruth Pfau und ihre Mitarbeiter/innen wichtige Sofort- und Aufbauhilfe.
„Einen wirklichen Druck für eine andere Klimapolitik können nur die Wähler/innen und Konsument/innen machen. Und dabei erwarte ich mir die Kirchen als Verbündete.“
Helga Kromp-Kolb
ZUR SACHE
„Wir machen keinen Unterschied“
Seit Pakistan von der größten Katastrophe seit Gründung des Staates vor 60 Jahren heimgesucht wird, hat sich der Heimaturlaub von P. Günther Ecklbauer dramatisch verändert. Immer wieder telefoniert der OMI-Missionar mit P. Mukhdar, seinem Kaplan, oder anderen Mitarbeitern seiner Pfarre. „In unserer Region (Provinz Panjab) ist der Indus 20 Kilometer über die Ufer getreten. Der Hauptort unserer Pfarre, Chowk Munda, ist zwar nicht überflutet, aber etliche unserer Dörfer am Rande des Überschwemmungsgebietes und eine kleine Stadt direkt am Fluss. Die meisten christlichen Familien konnten sich rechtzeitig retten und auch ihre Tiere und die wichtigsten Sachen in Sicherheit bringen. Viele Leute aus den Dörfern am Fluss aber sind nur mit dem angekommen, was sie am Leib tragen“, berichtet P. Ecklbauer. Derzeit werden von der Schule der Pfarre 500 Leute täglich mit einem warmen Essen versorgt, 150 davon sind Christen, der Rest Muslime. „Wir machen da keinen Unterschied“, betont der Pakistanmissionar aus St. Marien bei Linz. Viele Familien haben in der Pfarre auch ihr Notquartier aufgeschlagen. Für die Akutversorgung hat P. Ecklbauer bereits Geld nach Pakistan geschickt. „Und jetzt werde ich halt die letzten zwei Wochen vor meiner Rückreise schauen, dass ich noch weitere Unterstützung bekomme.“ Besondere Probleme sieht Ecklbauer für die nächsten Monate: „Durch die Weizen-Missernte haben viele unserer Bauern Schulden. Ich weiß nicht, wie sie bis zum kalten Winter ihre Häuser wieder herrichten sollen. Außerdem steigen die Lebensmittelpreise schon jetzt, was vor allem jene Flutopfer, die nichts mehr haben, besonders hart treffen wird.“
Die Caritas hat am Wochenende den Tiroler Thomas Preindl nach Pakistan entsandt. Sie bittet um Spenden: PSK 7.700.004; Kw.: „Pakistan“.