Caritashelfer Thomas Preindl berichtet aus Pakistan
Ausgabe: 2010/34, Ruth Pfau, panische Angst, Flutopfer, Aussätzigen Hilfswerk, Caritas, Thomas Preindl, Katastrophe, Pakistan, Dorf Saramina
25.08.2010
- Hans Baumgartner
„Wir erleben hier jeden Tag, dass wir wirklich helfen können. Aber wir spüren auch einen großen Druck, denn das Ausmaß der Katastrophe ist so unvorstellbar und viele Menschen sind immer noch ohne Hilfe“, so Caritashelfer Thomas Preindl am Telefon.
Seit knapp zwei Wochen ist der erfahrene Caritas-Katastrophenhelfer Thomas Preindl in Pakistan. Sein erstes Einsatzgebiet war das Dorf Saramina zwei Autostunden nordwestlich der Hauptstadt Islamabad. „Die Gegend ist nicht ungefährlich“ erzählt Preindl. Vor gut einem Jahr gab es im nahe gelegenen Swat-Tal schwere Kämpfe zwischen der pakistanischen Armee und den Taliban. „Aber die Menschen waren so dankbar, als wir – nach Tagen der Ungewissheit und Verzweiflung – hierher gekommen sind.“ Inzwischen konnten die etwa hundert Familien, deren Häuser völlig zerstört sind, mit Zelten, Nahrungsmitteln und Trinkwasser versorgt werden. Natürlich dürfe man die Sicherheitslage nicht unterschätzen, sagt Preindl. „Aber sollen wir die Leute deshalb im Stich lassen. Außerdem sind wir immer mit erfahrenen einheimischen Helfern unterwegs. Sie kennen sich in der Gegend aus und kennen die Leute. Das hilft übrigens auch bei der Verteilung der Hilfe. Da gab es bei uns keinerlei Streitereien unter den Dorfbewohnern.“
Wechselbad. Seine Arbeit beschreibt Preindl als ein Wechselbad der Gefühle und Erfahrungen. „Einerseits erleben wir, wie wir den Leuten wirklich helfen können und wie, trotz aller Ängste über die Zukunft, wieder die Hoffnung zu leben beginnt. Gleichzeitig aber sehen wir, welch unvorstellbares Ausmaß diese Katastrophe hat und dass immer noch viel zu wenig Hilfe bei den Leuten ankommt.“ Er verstehe die Verzweiflung der Opfer, die mit Straßenblockaden und Demonstrationen gegen das Vergessen-Sein aufschreien.
Großer Druck. Das größte Problem für die Helfer sei die Logistik. „Man kann zwar – anders als in Haiti – die wichtigsten Hilfsgüter in den größeren Städten einkaufen, aber es ist oft sehr schwierig, sie wirklich zu den betroffenen Opfern zu bringen. Wir versuchen, mit Lastwagen und geländegängigen Autos so weit voranzukommen, wie es geht. Dort richten wir Verteilzentralen ein, wo die vor dem Hochwasser geflohenen Leute oft zu Fuß hinkommen. Wir versuchen auch, in entlegene Dörfer mit Eseln oder Booten Hilfe zu bringen. Aber es dauert alles. Und das erzeugt einen großen Druck, weil wir wissen, dass viele Menschen tagelang nichts zu essen haben und dass ihre Kinder krank werden, weil kein sauberes Wasser vorhanden ist.“ Auch wenn in der Gegend, wo er im Einsatz ist, das Hochwasser zurückgegangen ist, könne man keine Entwarnung geben. „Jetzt sehen die Leute erst, was alles zerstört wurde. Und sie erzählen uns von ihren Ängsten, wie sie über den ab Oktober einsetzenden Winter kommen sollen. Und im Süden des Landes steigt das Wasser ja noch weiter an“, appelliert Preindl an die Hilfsbereitschaft in Österreich.
Die Wiener Sozialarbeiterin Claudia Villani macht zur Zeit einen Freiwilligeneinsatz im Aussätzigen-Hilfswerk der deutschen Ärztin und Ordensfrau Ruth Pfau. Sie berichtet: „Pakistan schein im wahrsten Sinne des Wortes unterzugehen. Tausende Flüchtlinge kommen jetzt jeden Tag nach Karachi. Es hat keinen Sinn, daran zu denken, was das heißen wird. Wir müssen das Heute irgendwie schaffen. Jeden Tag treffen wir uns zwei Mal in der Wohnung von Ruth Pfau und überlegen, wo unsere Hilfe am dringendsten gebraucht wird. Gestern sind wir mit riesigen Töpfen voll Reis in ein Flüchtlingscamp gefahren. Jeder wollte der Erste sein. Chaos, fast Gewalt. Meine erste Reaktion war Unwillen. Ich habe dann aber schnell begriffen: Sie hatten alle seit Tagen nichts gegessen und hatten panische Angst, dass nicht genug da sei. Ich habe dann ausrufen lassen, dass alle etwas bekommen. Sofort ist Ruhe eingekehrt. Ich habe da auch eine Frau getroffen, die ihr Baby nicht fest genug halten konnte, als die Sturmflut kam. Das Kind wurde weggerissen. Ich werde das Entsetzen in den Augen der Mutter nicht vergessen. Ein alter Mann sagte mir: „Ich habe nichts mehr, um euch zu danken, aber ich werde täglich Allah bitten, die Menschen in Europa zu beschützen.“