Wer Krakau im Blick hat, wird künftig auch an eine Abtei über der Weichsel denken: Die Benediktiner von Tyniec haben einen alten Kraftort wiedererweckt und ihn unter die Perlen der Klösterreich-Kette gefädelt.
Verhalten, gleichzeitig einladend, steht Abt Bernard im Innenhof der Burg-Abtei Tyniec nahe Krakau. Das Bild ist stimmig mit dem, was der Abt will: Menschen eine neue Freiheit vermitteln, ein geistig-geistliches Fundament, das trägt. Der äußere Rahmen für dieses Vorhaben wurde in den letzten Jahren ansprechend gestaltet. Edel ist er, schlicht, auf das Wesentliche konzentriert. Im neuen Gästehaus gelang Widersprüchliches: Keine unnütze Ablenkung, aber kreative Anregung: Wenn sich überraschend ein Durchblick zu einer kopflosen gotischen Statue öffnet, wenn das Auge dem meditativen Fußpfad entlang der Weichsel folgt oder wenn im hohen Eck des Konferenzraumes eine entrückte Fürstenfigur über dem Geschehen steht.
Was Emotion noch braucht. Das Ziel der Abtei ging in den Renovierungsjahren nicht verloren. Es wäre verlockend, diese Benediktinerabtei am Stadtrand von Krakau zum touristischen Durchgangsquartier zu machen. Abt Bernard Sawicki verlangt mehr: spirituelle Qualität. Die typische polnische Volksfrömmigkeit schätzt er nicht gering. Doch sie berge die Gefahr, dass in den großen Wallfahrtsorten im Schnellverfahren heftige Emotionen konsumiert würden. „Fastfood“ nennt das der Abt: „Zuhause bleibt alles wie gehabt.“ Früher, zur Zeit des Kommunismus, wäre es kaum möglich gewesen, spirituelle Tiefe öffentlich weiterzugeben, sagt Abt Bernard im Gespräch mit unserer Zeitung: „Vielen Menschen genügt die einfache Frömmigkeit nicht mehr. Sie suchen mehr.“ Die Spiritualität, von der Tyniec geprägt ist, sei Ergänzung zur Volksfrömmigkeit, nicht Alternative.
Bilder, die sich ergänzen. Das eine Bild ist in nahezu jeder österreichischen Kirche – zumindest auf dem Schriftenstand – zu finden: Der „Barmherzige Jesus“ aus der Vision der heiligen Faustyna. Mit seiner linken Hand weist er auf sein durchbohrtes, Strahlen aussendendes Herz. Das andere Bild ist eine segnende Hand Gottes in einem Kreuz auf einer goldenen Patene aus dem 11. Jahrhundert. Sie wurde auf Tyniec, im Grab eines Abtes – vermutlich des ersten, des aus Irland gekommenen Abtes Aaron – gefunden. Die beiden Bilder einer göttlichen Hand spiegeln die beiden verschiedenen Richtungen polnischer Gläubigkeit. Die örtliche Heimat beider Bilder ist dieselbe, sie liegt auf der südlichen Seite der Weichsel und gehört zum Krakauer Verwaltungsbereich: Das Faustyna-Kloster im Stadtteil Lagiewniki, zu dem täglich Tausende pilgern, die sich vom „Barmherzigen Jesus“ Trost erhoffen, und die Benediktinerabtei Tyniec mit ihrem anspruchsvollen spirituell-kulturellen Programm.
Mystischer Chopin. „Bete und arbeite“, heißt es bei den Benediktinern. „Und mache Musik“, wenn der Abt ein begnadeter Künstler an der Orgel ist und es auf dem Felsen einen Mönch wie Bruder Benedikt gibt, ehemals Bariton der Warschauer Nationaloper. Zuweilen empfängt „Bruder Bariton“ die Gäste der Abtei mit einer Arie des Papageno aus Mozarts „Zauberflöte“. Der Frühsommer war heuer dem Festival „Der mystische Chopin“ gewidmet. Beim „Benediktiner-Musiksommer“ präsentieren sich europäische (Benediktiner-)Klöster musikalisch, heuer mit dabei auch die Schola Floriana aus dem Stift St. Florian. Den Musiksommer stellen die Benediktiner von Tyniec jedes Jahr unter einen Satz aus der Ordensregel, 2010: „Suche den Frieden und folge ihm“. Die Musik auf dem Felsen über der Weichsel gilt – noch – als Geheimtipp.
Nach innen blicken, nach außen öffnen. Damit Menschen, die eine Spiritualität in der Art des Klosters Tyniec suchen, diese auch finden, schaute sich Abt Bernard Sawicki in Europa nach Partnern für sein Programm um. Er entdeckte die in Österreich nicht mehr wegzudenkende Förder-Organisation „Klösterreich“. Es kam zu einem Treffen zwischen ihm und dem Klösterreich-Vorsitzenden Abt Christian Haidinger vom Stift Altenburg. Bald reihte sich die Abtei Tyniec als erste polnische Perle auf die Klösterreich-Kette der 17 österreichischen, zwei ungarischen und zwei tschechischen Stifte und Abteien. „In unserer Zusammenarbeit lernen wir viel von unseren polnischen Mitbrüdern“, sagt Abt Christian Haidinger.
Alte polnische Obstsorten. Pater Zygmunt Galoch steht im modern und qualitätsvoll gestalteten Tagungsraum, der die lange Geschichte der Abtei widerspiegelt, und er weist auf die grünen Terrassen zwischen dem Kloster und dem steil abfallenden Kalkfelsen: „Innerhalb dieser Burgmauern planen wir einen Garten mit Kräutern und Obst“, sagt er. Der Garten wird wie die österreichischen Stiftsgärten einen Anziehungspunkt bilden, anders wird er dennoch sein.
Barocker Bruch. Das heutige spätbarocke Innere der Abteikirche entspricht weit weniger dem streng benediktinischen Geist von Tyniec als deren gotische und romanische Vorgängerinnen. Es ist kein österreichisch-fröhliches Barock. Grausen steigt auf, wenn von der Schiffskanzel ein übergroßes Fischmaul herunterschnappt. Oder Erstaunen über die „Priesterinnenstatue mit Monstranz“, die sich golden vom schwarzen Hochaltar abhebt. Es ist die heilige Scholastika, Benedikts Schwester. Alles, was verstört, auch im eigenen Leben, kann beim Chorgebet der vierzig Mönche bedacht und vor Gott gebracht werden.
Die Hand vom Felsen. Die Abtei Tyniec liegt an der alten Bernsteinstraße und am Jakobsweg. Wie in den nahezu tausend Jahren seit der Gründung strecken auch heute die Mönche Pilgern und Gästen die Hand entgegen. Wohl dem, der sie ergreift.
Zur Sache
Denkmalpflege mit Marmelade
Die Bibliothek der Abtei Tyniec wurde „mit Marmelade restauriert“, mit den Einkünften der „Benediktinischen Traditionsmanufaktur“. Der Klosterladen läuft ausgezeichnet, ein Konzessionsverkaufsmodell wurde entwickelt. An die vierzig exquisite Läden gibt es, seit Mai auch in der Wiener Währinger Straße 22, Telefon 0664/644 59 18, E-Mail: office@benedicite.at Selbst diesem köstlichen Zweig der benediktinischen „labora“, der Arbeit, gibt Abt Bernard Sawicki eine geistliche Note: „Wir wollen mit den traditionsreichen Produkten eine neue spirituelle Qualität in den Alltag bringen.“
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Die Renovierung der Abtei und vor allem des Gästetraktes kostete drei Millionen Euro, die zu einem Drittel von der EU und zu zwei Dritteln aus polnischen öffentlichen Budgets kamen.
Kontakt
Informationen gibt die deutsch sprechende Tourismus-Verantwortliche Mag. Jadwiga Pribyl, Abtei Tyniec, ul. Benedyktynska 37, PL 30-375 Kraków Tel: 00 48/12-68 85 45 E-Mail: Incoming@bik.benedyktyni.pl Internet: www.tyniec.benedyktyni.pl; www.benedyktyni.eu (englisch) und www.kloesterreich.at Das Gästehaus besitzt 28 neue Zimmer mit insgesamt 50 Betten (20 bis 30 Euro inklusive Frühstück), dazu 38 Betten in einfachen Pilgerzimmern. Tagungsräume, Kirche, Kreuzgang, Museum. Führungen durch die Abtei.
Rund um Tyniec
Das Atemholen in Tyniec schließt nicht aus, die ideale Lage der Abtei für das Kennenlernen polnischer Geschichte und Gegenwart zu nützen. In der nahen und weiteren Umgebung liegen Krakau mit seinen Kunstschätzen, das riesige altertümliche Schau-Salzbergwerk Wieliczka, die vielen Kirchen des Kalvarienbergs von Zebrzydowska und Wadowice, der Geburtsort von Johannes Paul II. Wer das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau besucht, wird dankbar für die Möglichkeit sein, das Schreckliche beim Chorgebet in der Abtei Tyniec zu verarbeiten.