Wenn die Profi-Bergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner von ihren Erfahrungen im Himalaja- und Karakorum-Gebirge erzählt – von der Konsequenz bei der Vorbereitung bis zur Freude am Gipfel –, liegen Parallelen zum Glauben nahe.
Dass man sich durch körperliches Training für eine Bergtour stärkt, darüber braucht man kein Wort zu verlieren. Fitness ist für die 39-jährige Gerlinde Kaltenbrunner aus Spital/Pyhrn selbstverständlich. Zur Planung einer Expedition auf die höchsten Berge der Welt gehört aber mehr, als seine Muskeln zu trainieren. „Die mentale Vorbereitung nimmt einen hohen Stellenwert ein. Ich präge mir vor allem die Gestalt des Berges, den ich besteigen will, ein, sodass ich sein Bild innerlich mittragen kann.“ Auch die abweisenden Situationen gehören dazu: der Berg bei Sturm, Schneefall und Nebel. Kaltenbrunner, die mit 23 Jahren ihren ersten Achttausender bestieg, hat seither alles erlebt, was es an widrigen Umständen geben kann: „Es ist sehr hilfreich, dass man sich mit den anderen, den weniger schönen Seiten des Berges auseinandergesetzt hat.“ Die inneren Bilder helfen ihr, durchzuhalten, auch wenn es schwer wird.
Entbehrungen. Verzicht, Überwindung, Askese sind Begriffe, die in den Ohren mancher verstaubt klingen. Kaltenbrunner lacht herzhaft: „Entbehrungen sind doch ganz normal: dass man sich auf das Notwendigste beschränkt oder dass man nicht Essen in sich hineinstopft, sondern auf ein gesundes Körperbewusstsein achtet.“ Verzicht bedeutet für sie aber keinen Selbstzweck. Es sind Entbehrungen, die glücklich machen: „Ich kann mich an der Abendstimmung in den Bergen Nepals und Pakistans nicht sattsehen. Da kommt pure Energie zurück. Etwas Schöneres, Erfüllenderes gibt es nicht.“ Das Bergsteigen erlebt sie als Geschenk, das sie zu einem zufriedenen und glücklichen Menschen macht.
Geduld. Eine Schlüsselrolle bei den extremen Touren, die sie unternimmt, spielt die Geduld, betont Kaltenbrunner: „Das ist eine Tugend, die man mitbringen muss.“ Vor der Besteigung des Mount Everest verbrachte sie drei Wochen im Basislager. Immer wieder heißt es warten, bis die er-lösende Nachricht von „Charly Gabl“ kommt. Er berät von der Wetterstation in Innsbruck aus die Bergsteiger in Nepal und Pakistan. Manchmal versucht man die Zeit einfach totzuschlagen, dann nutzt man sie zum ausgiebigen Lesen. „Und es gibt auch Stunden und Tage, wo wir wenig reden. Auch das darf sein“, sagt Kaltenbrunner, die seit Jahren mit ihrem Ehemann Ralf Dujmovits unterwegs ist. Die Beziehung wird in solchen Zeiten auf die Probe gestellt. Doch das Paar macht häufig eine andere Erfahrung: „Man hält zusammen und kommt zusammen.“
Nicht auf den Fels fixiert. Die Spitzenbergsteigerin Kaltenbrunner hat aber nicht nur Augen für den Gipfel. Als gelernte Krankenschwester kann sie gar nicht anders als helfen, wenn sie Not sieht. Auf dem Anmarsch kommt sie oft durch Dörfer, in denen es keine Gesundheitsstationen gibt. Da ist es selbstverständlich, dass sie Wunden verbindet. Wahrscheinlich kommt diese Einstellung durch ihre große Familie mit fünf Geschwistern, meint sie. Doch sie und ihr Mann helfen nicht nur punktuell. In Nepal haben sie sich für die Erweiterung einer Schule eingesetzt. Das Gebäude konnte von vier auf zehn Klassen erweitert werden, sodass jetzt alle Kinder einen Sessel haben und niemand mehr am Boden sitzen muss: „Wir haben von dem Land so viel bekommen, dass wir etwas zurückgeben wollen“. Auch die Arbeit von „Jugend Eine Welt“ unterstützt Kaltenbrunner. Die Einnahmen aus einem Benefizvortrag in Schlierbach mit fast 220 Besucher/innen kommen Hilfsprojekten der Salesianer Don Boscos in Nepal zu gute. Das Himalaja Massiv liegt in der Don-Bosco-Pfarre. Da ist ihr Einsatz umso naheliegender.