Seit acht Monaten ist Max Hiegelsberger Agrar-Landesrat. Letzte Woche legte er seinen ersten „Grünen Bericht“ zur Situation der Landwirtschaft 2010 vor.
Sie sind für die Landwirtschaft zuständig und für Lebensmittelaufsicht. Sind die Erzeuger- und die Konsumenteninteressen unter einen Hut zu bringen? Max Hiegelsberger: Ich denke, dass die Zukunft in eine andere Richtung weisen wird. Immer, wenn es Skandale gibt, die von Europa nach Österreich importiert werden, haben auch wir kurzfristig massive Probleme. Langfristig sehen wir, dass uns das hilft. Die Menschen überlegen dann, was sie eigentlich kaufen. Wir sehen das jetzt bei der Nachfrage nach Regionalität. Regionalität punktet.
Ist regional noch wichtiger als bio? Wenn die Konsumenten wirklich sicher gehen wollen, ist neben bio und regional vor allem der saisonale Gedanke wesentlich. Die Menschen beginnen Gott sei Dank nachzufragen, wo bestimmte Bioprodukte herkommen – ob etwas aus Südamerika kommt oder auch bei uns erzeugt werden kann.
Der Grüne Bericht weist ein deutlich gestiegenes Einkommen bei Getreidebauern aus. Fällt das nicht die tierhaltenden Betrieben auf den Kopf? Es stellt sich so dar: Die Rohstoff-Märkte sind sehr stark in Bewegung. Landwirtschafliche Urprodukte wie Mais und Raps sind inzwischen hochwertige Rohstoffe. Natürlich werden die Futterkosten steigen. Die Frage ist aber: Kann man die gestiegenen Futtermittelpreise auf die Fleischpreise umlegen? Bei Milch stellt sich das wieder anders dar, die ist nicht so abhängig von Rohstoffen. Hier haben wir eine Stabilisierung erreicht.
Zurzeit wird eine Debatte geführt, ob man nicht insgesamt auf weniger Fleischkonsum hinzielen soll. In einer ausgewogenen Ernährung wird auch Fleisch immer seinen Platz haben. Der Zwiespalt, in dem auch die Fleischwirtschaft steckt, lautet: Soll qualitativ hochwertiger, aber weniger erzeugt werden, oder mehr, aber nicht so hochwertig? Ich bin schon der Meinung, dass Fleischessen nicht nur einer kulturellen Wertung zu unterziehen ist, sondern auch mit dem sozialen Status zu tun hat. In Osteuropa oder in China nimmt deshalb der Fleischkonsum stark zu.
Oberösterreich war führend gegen Gentechnik in der Landwirtschaft. Sind Sie generell gegen Forschung in diesem Bereich? Ich bin schon sehr skeptisch. Es ist nicht zu 100 Prozent sicherzustellen, dass es nicht zu Auskreuzungen kommt. Generell die Forschung in diesem Bereich zu unterbinden, würde ich auch nicht für richtig erachten. Im Gesundheitsbereich hat ja die Gentechnik zu sehr vielen Fortschritten geführt. Zu forschen, welche Möglichkeiten man hat, über Lebensmittel Verbesserungen herbeizuführen, etwa in einer nicht synthetischen, sondern biologischen Art, Medikamente zu erzeugen, würde ich nicht ablehnen.
Sie sind acht Monate im Amt. Was sind Ihre Ziele für die laufende Amtsperiode? Ich habe so ziemlich ganz Oberösterreich bereist. Da wird einem bewusst, dass die Menschen wirklich unsere Landschaft schätzen – wie sie gestaltet ist und gepflegt wird. Das Bewusstsein zu stärken, dass dieser Wert auch bei den landwirtschaftlichen Produkten zum Ausdruck kommt, sehe ich als meine Hauptaufgabe.
Können Sie dem Vorschlag eines Kollektivvertrages für landwirtschaftliche Leistungen etwas abgewinnen, wie dies RAIBA-Chef Ludwig Scharinger in unserer letzten Aus-gabe vorgeschlagen hat? Das wird nicht funktionieren. Man kann sich dem Markt nicht verschließen. Nur: Die Marktpartner sind ungleich gewichtet. Es ist so, dass uns der Handel enorme Probleme bereitet. Er drückt so stark auf die verarbeitenden Betriebe, und diese haben keine andere Möglichkeit, als auf das nächste Glied, die Landwirte, zu drücken. Die Wertschöpfungskette ist keine Wertschöpfungskette mehr. Das Ziel ist nur mehr der Handel, der das meiste abschöpfen will. In 30 Jahren Werbewirtschaft hat man den Konsumenten dahin erzogen, dass Milch und Fleischprodukte nicht teuer sind. Qualitative Kriterien in einen Wert hineinzugeben, wurde nie versucht. Wenn man da umstellen könnte, würde sich die Situation sofort verbessern. Aber das zu erreichen ist nicht einfach.
Der Grüne Bericht
Im Jahr 2010 ist die Anzahl der bäuerlichen Vollerwerbsbetriebe in Oberösterreich relativ stabil geblieben, weist der „Grüne Bericht“ über die Lage der Land- und Forstwirtschaft 2010 aus. Die meisten der rund 500 Be-triebe, die aufgehört haben, sind Neben- oder Zuerwerbsbetriebe. Wie Landesrat Max Hiegelsberger bekanntgab, konnte 2010 ein Teil der Einkommensverluste im Krisenjahr 2009 (– 29 %) wettgemacht werden. Im Durchschnitt stieg das bäuerliche Einkommen 2010 um 13 Prozent. Zum Großteil geht das auf stark gestiegene Getreide-preise zurück. Dramatisch stellt sich die Situa-tion für die Schweinezüchter dar. Sie müssen hohe Futtermittelpreise verkraften, zudem lässt die Unsicherheit mit den Tier-schutzbestimmungen – ein Verbot der Käfighaltung beim Abferkeln steht im Raum – vor Investitionen zurückschrecken. Die Zahl der Schweine haltenden Betriebe ist letztes Jahr um 13,1 Prozent zurückgegangen. Jeder 8. (!) Schweine-Betrieb hat 2010 umgestellt oder zugesperrt. Landesrat Max Hiegelsberger bei der Präsentation des \"Grünen Berichts 2010\" am 3. Juni.