Am 20. Juni ist Weltflüchtlingstag. In Linz und in Steyr leben Menschen, deren Aussicht, in Österreich bleiben zu dürfen, gering geworden ist. In der Schubhaft warten sie auf die Entscheidung: Muss ich zurück? – Oder kann ich bleiben? Maria Fischer ist dort Seelsorgerin.
Ein Tisch. Drei Stühle. Ein Glasfenster mit einer Sprechöffnung in den dahinterliegenden Raum. Durch dieses Fenster können die Schubhäftlinge im Polizeianhaltezentrum Wels mit ihren Besuchern sprechen – am Mittwoch Nachmittag und am Sonntag Vormittag – je zwei Stunden lang. Am Freitag Nachmittag darf ein Großteil der Häftlinge auch herkommen. Schubhaftseelsorgerin Maria Fischer oder ihr Kollege Friedrich Amatschek sind dann da. Für jene unter den meist 10 bis 15 Schubhäftlingen, die längere Zeit hier verbringen müssen, ist es der Höhepunkt der Woche. Ein Teelicht, eine kleine Ikone, Bilder hat Maria Fischer mitgebracht – dazu Zeitungen in den Sprachen der Herkunftsländer der Häftlinge, Telefonwertkarten und Schokolade.
Weggesperrt. Ist im Anhaltezentrum etwas vorgefallen – ein Konflikt, ein Suizidversuch, Hungerstreik –, dann ist die Polizei besonders streng. „Da wird es für uns Seelsorger/innen schwierig, Kontakt zu den Betroffenen zu bekommen – obwohl das unser Recht wäre“, erzählt Fischer. Und es geht genau um die, die am dringendsten Hilfe bräuchten. Seelsorge sollte frei zugänglich sein für jeden Häftling. Maria Fischer lebt mit ihrer Familie in Traun-St. Martin. Das älteste ihrer drei Kinder ist sechs. 2008 hat die Theologin den Wiedereinstieg ins Berufsleben mit fünf Stunden in der Woche begonnen – und bewarb sich für die neue Stelle in der Schubhaft-Seelsorge. Jetzt lernte sie die Menschen, von denen sie vorher nur in Zeitungen gelesen hatte, kennen. Vorwiegend sind es Afrikaner, aber auch Leute aus Pakistan, Afghanistan oder der Mongolei. Es sind Menschen, die es nicht geschafft haben, einen legalen Status in Österreich zu erwerben. Viele von ihnen haben Kinder hier, sind aber nicht verheiratet. Die inneren Nöte zählen wenig im System.
Dem Leben neue Richtung geben. Maria Fischers Aufgabe ist die Seelsorge. Den Menschen, die hier im Gefängnis ein paar Tage, vielleicht auch ein paar Monate verbringen, möchte sie helfen, dass ihr Leben wieder ein Ziel bekommt. Was ist realistisch? Was ist sinnvoll: um ein Aufenthaltsrecht weiterkämpfen oder doch zurückkehren? In den meisten Fällen endet der Aufenthalt in der Schubhaft mit der Abschiebung. Es sind die „Fälle“, von denen nichts in Zeitungen steht, weil es diesen Menschen oft nicht gelungen ist, einen großen Freundeskreis aufzubauen. Aber manchmal gibt es auch eine Entlassung. Man weiß es nie. „Für mich ist etwas gelungen, wenn der Betroffene gelöst sagt: ,Ich gehe zurück.‘ Oder: ,Ich will dableiben.‘“
Die Tasche. Fischer erzählt von jenem Nigerianer, der bereit gewesen wäre, in seine Heimat zurückzukehren. Nur einen Tag wollte er freibekommen, damit er sich seine Tasche aus Linz holen kann. In einem Dachboden hätte er sie aufgehoben. Doch er bekam nicht frei. Nach langem Zögern vertraute er der Seelsorgerin. Sie würde die Tasche holen – und fand sie nicht. „Er hat dich hereingelegt“, sagte man ihr. Es ließ ihr keine Ruhe. Mit Unterstützung eines Hausbewohners stöberte sie im Dachboden noch einmal jeden Winkel durch. Da war sie. Schuhe, ein Hemd, eine Hose – alles in schönen afrikanischen Mustern bestickt – waren darin, auch ein Handy und ein paar Kleinigkeiten. Als ob er die Tasche vor Langem gepackt hätte für der Tag, da er zurückmüsste. Beim Besuch vor Weihnachten übergab ihm Maria die Tasche. Für ihn war das Leben „nur mehr schön“, so freute er sich. Kurz darauf wurde er abgeschoben. Es braucht nicht viel, meint Fischer: menschlichen Umgang eben. Ein Polizist, der sich korrekt und fair benimmt, ist für Schubhäftlinge schon ein „Super-Typ“, sagt sie.
Ein Netz für Flüchtlinge. Mit einer Abschiebung darf nicht alles aus sein. Deshalb versuchen die Schubhaftseelsorger/innen, sich in Europa zu vernetzen. Dort, wo Flüchtlinge „hingeschoben“ werden, soll jemand da sein, an den sie sich wenden können. Maria Fischer gibt ihnen die eigene Telefonnummer mit. Vielleicht kann man auch von hier aus weiterhelfen.Sie erzählt von jenem Roma, der in Italien seine Familie hat, in Österreich aufgegriffen wurde – und nach Serbien abgeschoben wurde, wo er das erste halbe Jahr seines Lebens gelebt hat. Er kennt dort niemanden, kann die Sprache nicht. Den Wunsch, nach Italien zur eigenen Familie zurückkehren zu dürfen, hat man ihm nicht gewährt. Gesetz ist Gesetz. Meist ist es eine kurze Phase, die Maria für die ihr Anvertrauten da sein kann. Ein Kommen und Gehen. Das hat ihr Beruf mit dem ihres Mannes Christian Weissl gemeinsam. Er ist Zugbegleiter. Nur: Bei ihm sind es Reisende mit fixem Ziel, bei ihr Menschen, die nicht wissen, wohin.
Die Schubhaft-Seelsorge
Im Jahr 2008 haben die katholische und evangelische Kirche mit der Schubhaftseelsorge begonnen. Gudrun Schaubelt, Gefängnisseelsorgerin in Garsten, betreut seither auch die Schubhäftlinge in Steyr, Mag. Maria Fischer und Friedrich Amatschek jene in Wels, insgesamt allerdings nur mit acht Wochenstunden. Dabei arbeiten die Seelsorger/innen eng mit der Caritas zusammen. Zwar spricht Maria Fischer Englisch, Französisch und Spanisch, doch vor allem für Ostsprachen braucht es Übersetzter/innen, die sich für ihre Dienste ehrenamtlich zur Verfügung stellen.