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Wir sind eine Hand und ein Herz

Die Proteste des „arabischen Frühlings“ haben vor drei Monaten auch Syrien erreicht. Präsident Baschar al-Assad geht mit aller Härte gegen Regierungsgegner/innen vor. Der syrische Wissenschaftler Waseem Haddad gibt Antworten auf die Lage in seiner Heimat.
12.07.2011
- Susanne Huber
Tausende Menschen flüchten vor der Gewalt in Syrien. Die EU weitet die Sanktionen gegen das Land aus. Wie kritisch sehen Sie die Situation in Syrien? Waseem Haddad: Es ist schwierig, an verlässliche Informationen aus Syrien zu gelangen, weil die Leute Angst haben, per Telefon, Internet oder Facebook abgehört zu werden. Das war immer so und wird jetzt noch stärker kontrolliert. Deshalb ist es für mich auch nicht einfach, mit meiner Familie und meinen Freunden in Syrien in Kontakt zu treten. Was ich weiß ist, dass die Leute, die bis jetzt friedlich in einigen Teilen des Landes auf die Straße gegangen sind, sehr heftig und grausam von Sicherheitskräften und Eliteeinheiten der Regierung attackiert wurden und auch auf sie geschossen wurde. Die Menschen haben große Angst, das sagen sie auch am Telefon. Sie wissen nicht, wie sich die Sache in den kommenden Tagen und Wochen entwickeln wird. Vor allem sind die Christen in einem Dilemma. Der syrische Patriarch Gregorius III. Laham sagte zum Beispiel, was über Syrien berichtet wird sei eine übertriebene Sache, die von Europa ausgeht. Was sagen Sie dazu? Waseem Haddad: Die geistlichen Würdenträger müssen auch vorsichtig sein, wenn sie über die Lage in Syrien sprechen, weil sie ebenfalls damit rechnen müssen, abgehört zu werden. Sie genießen unter Präsident Baschar al-Assad Religionsfreiheit, die sie nicht verlieren wollen, falls er abtritt. Die Christen in Syrien haben Angst, dass es ihnen so ergeht wie den Christen im Irak, die unter Saddam Hussein Schutz genossen haben, nach seinem Sturz aber bedroht und verfolgt wurden. Allerdings muss man sich fragen, ob es in Zukunft nicht auch für die Christen viel besser wäre, wenn sie in einer Demokratie leben. Für die Aussage, die Proteste seien von außen gesteuert, gibt es keine Beweise. Das ist eine Behauptung der Regierung und den Leuten, die auf Seiten der Regierung stehen. Diese Aussage ist auch eine Beleidigung für die mutigen, friedlichen Demonstrant/innen, die für ein besseres Syrien auf die Straße gehen und dabei ihr Leben riskieren. Den Demonstrant/innen in Syrien sind Reformen nicht genug. Was wollen die Leute? Waseem Haddad: Als die Proteste vor drei Monaten im Süden des Landes begonnen haben, forderten die Demonstrant/innen zunächst Meinungsfreiheit, sie forderten ein Ende der Korruption, ein Ende der Erniedrigungen durch die Geheimdienste. Die Leute nennen die Proteste „Revolution der Würde“, weil sie in den vergangenen 40 Jahren in ihrer Würde verletzt wurden. Das syrische Volk hat jahrelang gewartet und gehofft, dass der Präsident die Situation im Land ändert, aber sie haben keine Veränderungen zum Besseren gesehen. Und so haben die Menschen diese Hoffnung verloren. Auf die Reformen, die Assad immer wieder versprochen hat, wollen sie jetzt nicht mehr warten. Diese Regierung hat ihre Glaubwürdigkeit bei den Menschen verloren. Und seit die Sicherheitsleute und Eliteeinheiten angefangen haben auf die Leute zu schießen und Menschen gestorben sind, wollen die Demonstrant/innen nicht nur Reformen, sie wollen auch eine neue Regierung. Denken Sie, dass die Demonstrationen gegen die Regierung weitergehen? Waseem Haddad: Auf jeden Fall, auch wenn die Umstände schwierig sind und die Regierung versucht, diese Bewegung so schnell wie möglich auszulöschen. Aber sie hat es bis jetzt nicht geschafft – auch nicht mit Geheimdienst und Waffen. Die Waffe der Oppositionellen ist das Mobiltelefon, mit dem sie Aufnahmen machen und der ganzen Welt zeigen können, wie diese Regierung sie behandelt.  Jene, die jetzt demonstrieren, sind sowohl junge als auch alte Leute, Bauern, Studenten, Christen, Muslime, Sunniten, Kurden, Araber, auch Alawiten. Die sagen, „wir sind eine Hand und ein Herz“. In Damaskus gab es auch tausende Syrer, die für Assad auf die Straße gegangen sind ... Waseem Haddad: Ja, viele Leute haben Angst vor einem Bürgerkrieg, Angst vor konfessionellen Spannungen, Angst vor einer unsicheren Zukunft. So schnell wird es in Syrien keine Änderung geben. Die syrische Opposition besteht aus vielen verschiedenen Gruppen mit vielen unterschiedlichen Interessen. Und die konnten bis jetzt nicht mit dem Volk sprechen und auch keinen klaren Plan anbieten, falls diese Regierung gestürzt wird. Derzeit ist alles ungewiss.
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