Arbeitslose Jugend – „wo sonst soll Solidarität gelebt werden?“
Jugendarbeitslosigkeit, ältere Arbeitnehmer, Pensionen, Einkommenskurven: Leitl und Foglar denken nicht immer anders.
Ausgabe: arbeitslosigkeit, jugend, solidarität, christoph leitl, erich foglar, gesellschaft, 30/2011
04.08.2011
- Ernst Gansinger
Das Pensionsantrittsalter, die Jugendarbeitslosigkeit, die Lebens-Einkommenskurve – Themen, über die vom Standpunkt des eigenen Nutzens diskutiert werden kann, aber auch mit Blick auf das Gemeinwohl.
Der Präsident der Wirtschaftstkammer Österreich, Christoph Leitl, greift immer wieder heiße Kartoffeln der österreichischen Innenpolitik an – und lässt sie nicht fallen. Die KirchenZeitung sprach mit ihm und holte auch bei ÖGB-Präsident Erich Foglar Stelungnahmen ein.
Leistungsfähigkeit ist nicht das Um und Auf. „Wenn heute in Österreich 10.000 junge Menschen nicht nach der Pflichtschule weitertun oder eine begonnene Lehre abbrechen, sind sie die kommenden sozialen Problemfälle“, sagt Leitl. Die österreichische Ausbildungsgarantie für Jugendliche ohne Lehrplatz sei daher ganz wichtig. An dieser Garantie hat auch der ÖGB mitgewirkt. „Die Jugendlichen sollen angeleitet und betreut eine Qualifikation erhalten, die ihren Begabungen und Fähigkeiten entspricht“, sagt Leitl. So würden sie Freude und Selbstsicherheit finden. Die Jugendarbeitslosigkeit sei eine moralische Herausforderung. „Wo soll Solidarität sonst gelebt werden“, fragt der Wirtschaftskammer-Präsident, „wenn nicht mit denen, die nicht in unser Leistungssystem hineinpassen. Mir ist eine geringere Leistungsfähigkeit lieber als ein Hinausdrängen dieser jungen Menschen.“
Pensions-Aufschubszuschlag. Am anderen Ende des Berufslebens sieht Leitl ebenfalls Handlungsbedarf. Einerseits gebe es in bestimmten Berufen einen Fachkräftemangel, andererseits liege in Österreich das durchschnittliche Pensionsalter bei 58 Jahren. Leitl schlägt daher vor, dass Fachkräfte in Mangelberufen, einen Anreiz bekommen sollten, länger in Beschäftigung zu bleiben. Denn grundsätzlich ist er für Anreizsysteme statt Strafsystemen. Das „Zuckerl“ in der angesprochenen Pensionsfrage wäre für den/die Arbeitnehmer/in ein Zuschlag auf den Lohn im Ausmaß von 25 Prozent der zustehenden Pension. Der beschäftigende Betrieb sollte ebenso 25 Prozent bekommen, in der Pensionskasse würden 50 Prozent verbleiben. Bewährt sich das Modell, könnten alle anderen Berufsgruppen miteinbezogen werden.
Gesundheitsförderung. Erich Foglar, Präsident des Österreichischen Gewerkschaftsbundes, wie Leitl einer der großen Sozialpartner des Landes, hält dem entgegen, dass in Mangelberufen keine Zuckerl nötig wären, um Menschen länger in Beschäftigung zu halten. „Wenn Firmen bestimmte Arbeitnehmer/innen dringend brauchen, werden sie diese mit guten Arbeits- und Lohnbedingungen halten.“ Foglar will dagegen mehr Mittel für Gesundheitsförderung im Betrieb und für die altersgerechte Gestaltung von Arbeitsplätzen.
Ältere Menschen im Beruf. Was Foglar anspricht, spricht auch Leitl an: Ältere Arbeitnehmer haben Erfahrung, von der auch die Jungen profitieren können, und eine innere Bindung an das Unternehmen: „Es braucht die Jungen und die Älteren, eine ausgewogene Verteilung.“ Der ÖGB-Chef verstärkt auch hier das Thema Gesundheit. Es gehe darum, den Menschen nach einem erfüllten Arbeitsleben die Chance zu geben, gesund in Pension zu gehen. „Dafür sind rechtzeitige Weiterbildung und Gesundheitsvorsorge unumgänglich. Altersarbeitslosigkeit, Berufsunfähigkeits- und Invaliditätspensionen sind möglichst zu vermeiden.“